Ressourcenschonender, energieeffizienter und CO₂-freier Gebäudepark
Das Handlungsfeld hat zum Ziel, die Treibhausgasemissionen im Gebäudebereich zu reduzieren. Ausserdem soll der gesamte Gebäudepark ressourcenschonend weiterentwickelt werden und in seiner Gesamtheit betrachtet werden. Dies bezieht die Gebäudetechnik mit ein, aber auch den Aussenraum, also die Lage und Besonnung/Beschattung des Gebäudes.
Die Gebäude in der Schweiz sind mit einem Anteil am Gesamtenergieverbrauch von rund 45 Prozent (Gesamtenergiestatistik BFE 2024) entscheidend für die Klima- und Energiepolitik. Im Aargau werden 20 Prozent des CO₂-Ausstosses durch fossile Heizungen und Warmwasseraufbereitung in Gebäuden verursacht. Im Gebäudebereich nimmt der Bund in erster Linie die Kantone in die Verantwortung.
Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis 2050 für den Gebäudebereich bedeuten, dass der gesamte Wärme- und Kühlbedarf des Gebäudeparks ausschliesslich durch erneuerbare Energie gedeckt wird. Um dieses Ziel zu erreichen, sind nach wie vor umfassende Anstrengungen nötig. Zentral für die Reduktion der Treibhausgasemissionen in diesem Bereich ist der Ersatz von Öl- und Gasheizungen durch erneuerbare Heizsysteme. Gleichzeitig sinkt der Gesamtenergieverbrauch, da fossile und elektrische Heizungen vermehrt durch effiziente Wärmepumpen ersetzt werden. Ebenfalls entscheidend ist die Verbesserung der Energieeffizienz sowohl bei der Gebäudehülle als auch bei der Gebäudetechnik.
Bauen ist sehr ressourcen- und energieintensiv. Eng mit der Energieeffizienz von Gebäuden verknüpft sind deshalb der ressourcenschonende Einsatz von Baustoffen sowie eine integrale Gebäudebetrachtung, welche die Gebäudetechnik, aber auch den Aussenraum (Sonneneinstrahlung und Beschattung des Gebäudes, Fassadenbegrünung usw.) miteinbezieht.
Zudem spielt die graue Energie eine entscheidende Rolle in der Nachhaltigkeitsbewertung von Gebäuden. Häufig übersteigt ihr Anteil den Energiebedarf der Betriebsphase. So betrachtet können ältere Gebäude mit höherem Energieverbrauch eine bessere Gesamtenergiebilanz haben. Das gilt dann, wenn bei neu errichteten, energieeffizienten Gebäuden grosse Mengen grauer Energie in den Materialien enthalten sind. Dem Erhalt durch Um- und Weiternutzung der bestehenden Bausubstanz kommt somit eine wichtige Rolle zu.
Zu beachten ist, dass heutige Entscheide im Gebäudebereich eine langfristige Wirkung haben: Eine neu eingebaute Heizung ist rund zwei Jahrzehnte im Einsatz, die Lebensdauer von Gebäuden beträgt etwa 50 Jahre, tragende Strukturen halten auch länger. Bauteile müssen so bemessen sein, dass sie Naturgefahren standhalten und während der gesamten Nutzungsdauer eines Gebäudes bestehen können.
Das Immobilienportfolio im Eigentum des Kantons Aargau umfasst einen Gebäudeversicherungswert von rund 1,6 Milliarden Franken. Deshalb trägt der Kanton beim Bau und bei der Bewirtschaftung seiner eigenen Gebäude eine besondere Verantwortung. Die nachfolgend skizzierten Stossrichtungen sind auch integrale Aspekte bei der Bewirtschaftung des kantonseigenen Gebäudeparks.
Zusätzlicher Nutzen
Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien sowie der Einsatz lokaler Baustoffe haben den positiven Nebeneffekt, dass sie eine deutlich höhere Inland-Wertschöpfung generieren. Zudem steigern Sanierungen und eine integrale Gebäudebetrachtung die Wohn- und Arbeitsplatzqualität, wovon beispielsweise auch die Produktivität am Arbeitsplatz profitiert.
Schnittstellen
- energieAARGAU zeigt die Stossrichtung der kantonalen Energiepolitik mit einem Zeithorizont von zehn Jahren auf und behandelt auch den Gebäudebereich.
- Immobilienstrategie 2026-2034 (PDF, 17 Seiten, 3,5 MB)
- Richtlinien nachhaltiges Bauen und Bewirtschaften (PDF, 58 Seiten, 2,4 MB)
- Roadmap Netto-Null 2040 für die kantonale Verwaltung mit dem Handlungsfeld Kantonale Immobilien (Abesenkpfad und Massnahmen)
- Strategie umweltAARGAU; Die Stossrichtung 2: "Der Nachhaltigkeit und der Ressourceneffizienz verpflichtet" erläutert, dass der Kanton als Bauherr im Sinne einer Vorbildfunktion, wo es ökonomisch und ökologisch sinnvoll und technisch machbar ist, den nachwachsenden Rohstoff Holz und Recycling-Produkte einsetzt. In Bezug auf die Umsetzung der Umweltstrategie im Wald heisst es weiter: "Die Nutzung von einheimischem Laubholz (Buche) als Baustoff soll gefördert werden. Bei eigenen Bauten realisiert der Kanton Leuchtturmprojekte." (Kapitel 3.4, S. 28).
- Holzförderung und Holzverwendung im Aargauer Waldgesetz AWaG §26b Abs. 1.
Stossrichtungen
Gebäudepark dekarbonisieren
Der Gebäudepark im Kanton Aargau ist für 20 Prozent des CO₂-Ausstosses verantwortlich. Hier hat der Kanton einen besonders grossen Hebel. 2022 wurden 57 Prozent der Gebäude mit Wohnnutzung mit fossilen Energieträgern beheizt (Öl, Gas) (Monitoring-Bericht zu energieAARGAU 2024 (PDF, 86 Seiten, 8,9 MB)). Dieser Anteil ist zwar rückläufig, doch es sind für das Erreichen des Netto-Null-Ziels nach wie vor grosse Anstrengungen nötig.
Für den Ersatz von Öl- und Gasheizungen stehen verschiedene erneuerbare Lösungen zur Verfügung, die sich je nach Gebäudetyp, Grösse, Baujahr, Standort usw. eignen: Wärmepumpen mit Umgebungswärme (Luft, Grundwasser, untiefe Geothermie), Abwärmenutzung, tiefe Geothermie, Biomasse, solare Energie.
Auch den Gemeinden kommt bei der Dekarbonisierung des Gebäudeparks eine wichtige Rolle zu. Eine Erhebung der Abteilung Energie aus dem Frühjahr 2024 zeigt, dass sich über 2'100 Gebäude im Verwaltungsvermögen der Aargauer Gemeinden befinden. Diese Liegenschaften verfügen über ein erhebliches Potenzial für den Einsatz erneuerbarer Energien sowie für Energieeffizienzmassnahmen und kommen im Rahmen ihrer Vorbildfunktion im öffentlichen Gebäudebestand eine besondere Bedeutung zu.
Handlungsmöglichkeiten Kanton
Um die ambitionierten Ziele bis 2035 zu erreichen und den fossilen Heizungsanteil deutlich zu reduzieren, muss der Kanton Aargau im Rahmen seines Gebäudeprogramms weitere gezielte Massnahmen prüfen und umsetzen.
Mit dem Förderprogramm Energie werden Massnahmen an Gebäudehüllen und der Heizungsersatz unterstützt, welche die CO₂-Emissionen und den Verbrauch von elektrischer Energie reduzieren. Der Kanton Aargau betreibt zudem mit der energieberatungAARGAU eine zentrale Anlauf- und Auskunftsstelle zu Massnahmen, Vorgehensweisen oder Förderungen im Zusammenhang mit Modernisierungen, Um- oder Neubauten. Ergänzend unterstützt der Kanton die Gemeinden mit Beratungsleistungen und weiteren Unterstützungsangeboten bei der Planung und Umsetzung von Energieeffizienz- und Dekarbonisierungsmassnahmen im Gebäudebereich.
Die Erfüllung der Vorbildfunktion bei den kantonseigenen Gebäuden ist in der Roadmap Netto-Null 2040 für die kantonale Verwaltung im Detail erläutert.
Synergiepotenzial auf kantonaler Ebene
- Vermehrter Einsatz von erneuerbaren Energien steigert lokale Wertschöpfung.
- Die Entwicklung von neuen Technologien und Materialien im Bereich Energie- und Ressourceneffizienz sind Schwerpunktthemen des Hightech Zentrum Aargau und der FHNW, siehe transversale Stossrichtung Innovationen fördern und Zusammenarbeit mit Forschung stärken.
Konfliktpotenzial auf kantonaler Ebene
- Versorgungssicherheit durch gesteigerte Nachfrage von Elektrizität im Winter, siehe Schnittstelle Energie und Klima.
- Feinstaubemissionen bei Ersatz durch Holzheizungen: Holzheizungen sind zwar CO₂-neutral, aber aufgrund des Feinstaubs eine Herausforderung für die Luftreinhaltung. Zudem steht das Holz bei Verbrennung nicht mehr für andere Zwecke mit höherer Wertschöpfung und für Kohlenstoffspeicherung zur Verfügung (sogenannte Sequestrierung), siehe Handlungsfeld Wald und Holz als Kohlenstoffspeicher.
Gebäudepark ressourcenschonend weiter entwickeln
Neben dem Energieverbrauch im Betrieb gewinnt der schonende und effiziente Umgang mit natürlichen Ressourcen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes zunehmend an Bedeutung. Die Weiterentwicklung des Gebäudeparks soll deshalb auf einen möglichst geringen Ressourceneinsatz, den Erhalt der Bausubstanz sowie eine hohe Qualität für die Nutzenden ausgerichtet sein.
Der Erhalt der bestehenden Bausubstanz durch Um- und Weiternutzung, ein sparsamerer Ressourceneinsatz bei Um- und Neubauten sowie Recycling und Wiederverwertung von Baustoffen und Bauteilen leisten daher einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. In der Schweiz fallen zudem jährlich mehr als 74 Millionen Tonnen Abfälle bei der Bautätigkeit an (Abfallstatistiken BAFU). Die Abfälle entstehen durch Aushub- und Ausbruchmaterial sowie Um- und Rückbau von Bauwerken. Das sind etwa 87 Prozent der gesamten Schweizer Abfallmenge. 70 Prozent der Rückbaumaterialien werden wieder zu Recyclingbaustoffen aufbereitet. Je besser zudem das Angebot an lokalen Verarbeitern und Zulieferfirmen, desto kürzer können die Transportwege gehalten werden.
Handlungsmöglichkeiten Kanton
Mit dem Grundsatz des nachhaltigen Bauens und Bewirtschaftens der kantonalen Liegenschaften nimmt der Kanton Aargau seine Vorbildfunktion wahr. In den Richtlinien nachhaltiges Bauen und Bewirtschaften der Immobilien Aargau (PDF, 58 Seiten, 2,4 MB) werden diese Prinzipien erläutert. Der Kanton Aargau baut und saniert über den gesetzlichen Mindestanforderungen nach den Baustandards Minergie mit dem Zusatz ECO und Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz. Mit verwaltungsinternen Anreizsystemen, Vorgaben und Submissionsvorschriften, unter anderem zugunsten einer Lebenszyklusbetrachtung, richtet der Kanton seinen eigenen Gebäudepark nachhaltiger aus.
Der Kanton kann zudem besonders innovative Projekte fördern, gezielt darüber kommunizieren und dabei wichtige Akteure in der Aus- und Weiterbildung sensibilisieren. Auch in Absprache mit den Gemeinden als erstinstanzliche Bewilligungsbehörde kann der Kanton unterstützend wirken, zum Beispiel mittels Beratung für Bauherren, Schaffen von Anreizen für den Erhalt von bestehender Bausubstanz, Einsatz von Recyclingbaustoffen oder ressourcenschonenden Materialien wie Holz oder Lehm.
Synergiepotenzial auf kantonaler Ebene
- Der Einsatz von Holz als Baustoff hat den positiven Nebeneffekt, dass der Kohlenstoff – zumindest für die Lebensdauer des Gebäudes – der Atmosphäre entnommen ist, siehe Handlungsfeld Wald und Holz als Kohlenstoffspeicher.
- Nutzung von lokalen Baustoffen steigert lokale Wertschöpfung, sichert kurze Transportwege und stärkt den Wirtschaftsstandort Aargau.
- Baustoffrecycling und erneuerbare Baustoffe bieten ein hohes Potenzial für Innovationen und neue Geschäftsfelder, siehe transversales Handlungsfeld "Innovationen fördern und Zusammenarbeit mit Forschung stärken".
- Substanzschutz von Gebäuden im Bauinventar mindert den Verbrauch grauer Energie, die einen Grossteil der Treibhausgasemissionen beim Bauen ausmacht.
Konfliktpotenzial auf kantonaler Ebene
- Fehlende lokale Holzverarbeitungsindustrie – insbesondere Sägewerke – die das im Kanton anfallende Stamm- und Industrieholz verarbeiten.
Integrale Betrachtung von Gebäuden weiterentwickeln und umsetzen
Die integrale Gebäudeplanung gilt heute als Schlüssel für die Realisierung nachhaltiger, ressourcen- und energieschonender Gebäude. Durch ihre ganzheitliche Betrachtungsweise werden ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Zielsetzungen frühzeitig optimiert.
Miteinbezogen werden neben der Gebäudehülle und -technik beispielsweise die Eigenschaften von Baustoffen (kühlend/dämmend, Einfluss auf Raumklima usw.) sowie deren graue Energie. Nebst Aspekten wie die aktive oder passive solare Energienutzung wird auch die Umgebung des Gebäudes mitberücksichtigt: Eigenschaften des Grundstücks, Umgebungsgestaltung (Beschattung, adiabatische Kühlung), Klimazone sowie die Lage in Bezug auf Erschliessung (Verkehr, Wärmeverbund, Stromversorgung usw.) und potenzielle Naturgefahren. Bauteile sollen in Bezug auf Einwirkungen aus Naturgefahren genügend widerstandsfähig und damit für die ganze Nutzungsdauer eines Gebäudes bemessen sein. Der mehrfache Ersatz von Bauteilen während der Nutzungsdauer eines Gebäudes – beispielsweise aufgrund von Hagelschäden – führt zu unnötigen CO2-Emissionen durch Produktion, Transport und Entsorgung.
Mit einer gesamtheitlichen Betrachtung des Gebäudes wird auch dessen Energieverbrauch reduziert – beispielsweise, indem auf Klimaanlagen verzichtet werden kann, wenn im Sommer eine angemessene Beschattung durch Begrünung gewährleistet ist.
Handlungsmöglichkeiten Kanton
Beim kantonalen Gebäudepark wird durch die Anwendung der Baustandards Minergie mit dem Zusatz ECO und dem Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz die ganzheitliche Betrachtungsweise mit den ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Zielsetzungen eingehalten.
Für den Kanton besteht weiterer Spielraum bei Vorgaben an die Gemeinden im Rahmen von Gestaltungsplänen/Sondernutzungsplanungen und Gefahrenkarten sowie auf Ebene der Gemeinden mit ihren Bau- und Nutzungsvorschriften.
Synergiepotenzial auf kantonaler Ebene
- Eine integrale Gebäudebetrachtung ist auch im Hinblick auf die Anpassung an den Klimawandel zentral und bietet Synergien zur hochwertigen Siedlungsentwicklung nach innen, siehe Handlungsfeld Hitzeangepasste Siedlungsentwicklung.
Klima-Metrik
Die Klima-Metrik überprüft mithilfe von verschiedenen Indikatoren den Fortschritt in der Umsetzung der Klimastrategie des Kantons.