Klimaangepasste Landwirtschaft
Das Handlungsfeld zielt auf die Anpassung der Landwirtschaft an die sich durch den Klimawandel verändernden Standort- und Umweltbedingungen. Mit einer Erhöhung der Wasserspeicherfähigkeit von landwirtschaftlichen Böden, neuen Bewässerungs- und Anbaumethoden sowie hitze- und trockenheitsresistenteren Kulturen und Tierrassen kann sich die Landwirtschaft an den Klimawandel anpassen. Gleichzeitig sollen Schäden durch Neobiota und landwirtschaftliche Schadorganismen minimiert werden.
Die Aargauer Landwirtschaft ist stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Steigende Temperaturen, sich saisonal verschiebende Niederschläge und häufigere Extremereignisse wie Trocken- und Hitzeperioden setzen die Betriebe zunehmend unter Druck. Ebenso herausfordernd sind die Risiken mit zunehmenden Starkniederschlägen, Spätfrösten und Hagel. Der Anpassungsbedarf hinsichtlich Wasserverfügbarkeit sowie Boden- und Witterungsschutz nimmt stetig zu. Gleichzeitig eröffnen sich auch neue Chancen, etwa für wärmebedürftige Kulturen oder durch die Verlängerung der Vegetationsperiode – vorausgesetzt, Wasser und Nährstoffe stehen ausreichend zur Verfügung.
Der Bundesrat erachtet die Landwirtschaft als versorgungsrelevant und als zentrale Säule für die Ernährungssicherheit (Art. 104a BV) der Bevölkerung. Voraussetzung dazu ist der Erhalt von humusreichen Böden. Mit den zunehmenden Wetterextremen ist der Aufbau von geeigneten Infrastrukturen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft von zentraler Bedeutung. Dazu gehören insbesondere Be- und Entwässerungsanlagen mit Speichermöglichkeiten, um die Risiken des Klimawandels abzufedern. Bei den Spezialkulturen sind moderne Witterungsschutzsysteme notwendig, um stabile Erträge zu sichern. In der Tierhaltung stehen ebenfalls geeignete Massnahmen zur Verfügung, beispielsweise Belüftung von Ställen, Beschattungen oder Tiere, die genetisch besser an wärmere Temperaturen angepasst sind. Zusätzlich können Kulturen und Sorten gezielt ausgewählt werden, vorausgesetzt, sie finden einen Absatzmarkt.
Eine weitere Herausforderung für die Landwirtschaft ist die klimabedingte Zunahme von Neobiota oder von neuen landwirtschaftlichen Schadorganismen. Der Befall durch neue oder derzeitig unauffällige Schadorganismen können Pflanzenschutzprobleme verstärken. Deshalb werden physikalische Schutzeinrichtungen wie Netze und Folien für landwirtschaftliche Kulturen zunehmend wichtiger.
Zusätzlicher Nutzen
Die Landwirtschaft steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen, die ein Innovationspotenzial mit sich bringen – etwa durch technologische Lösungen. So bietet Agri-Photovoltaik (Agri-PV) einen kombinierten Nutzen durch Witterungsschutz für Spezialkulturen wie Obst oder Beeren und die gleichzeitige Produktion erneuerbarer Energie. Die Anlagen schützen die Pflanzen vor extremen Wetterereignissen wie Hagel, Frost und Hitze, verbessern die Erntequalität und stabilisieren Erträge. Zugleich erzeugen sie Solarstrom, was zum Klimaschutz (Handlungsfeld "Klimaschonende Landwirtschaft") beiträgt.
Schnittstellen
- EIn der Strategie Landwirtschaft Aargau ist festgehalten, dass der Kanton Aargau eine nachhaltige und leistungsfähige Land- und Ernährungswirtschaft fördert. Sie setzt auf eine ressourceneffiziente, regional verankerte Produktion und Verarbeitung, die den CO₂-Ausstoss reduziert, sich vorausschauend an den Klimawandel anpasst und gleichzeitig die Ernährungssicherheit stärkt.
- Der Kanton Aargau konzentriert sich mit der Neobiota-Strategie auf vier Grundsätze im Umgang mit invasiven Tier- und Pflanzenarten.
Stossrichtungen
Wasserspeicherfähigkeit von landwirtschaftlichen Böden erhöhen
Der Erhöhung der Wasserspeicherfähigkeit von landwirtschaftlichen Böden und damit dem Humusaufbau kommt aufgrund der einleitend genannten Risiken eine zentrale Bedeutung zu. Eine angepasste Bodenbearbeitung und regelmässige Bodenbedeckung wirken sich direkt auf die Bodeneigenschaften sowie deren Aufnahme- und Speicherkapazität von Wasser und Nährstoffen aus. Durch eine gezielte pflanzliche oder mechanische Bodenlockerung wird die Wasserinfiltration verbessert und das Erosionsrisiko durch Wasser reduziert. Dies ist bei häufigeren und intensiveren Starkniederschlägen mit entsprechenden Oberflächenabflüssen besonders wichtig. Grundsätzlich gilt, dass Bodenverdichtungen möglichst vermieden werden sollen (Ecoplan 2021).
Ein hoher Humusgehalt erhöht die Speicherfähigkeit der Äcker und Wiesen sowohl für Wasser als auch für Nährstoffe und steigert damit die Bodenfruchtbarkeit. Auch die Erntesicherheit ist bei Hitze und Trockenheit auf humusreichen Böden deutlich höher. Humusaufbauende Massnahmen umfassen unter anderem Direktsaat, ganzjährige Begrünung von Feldern, Fruchtfolge mit Grasland, Untersaaten im Maisanbau und Dauerbegrünung in Obst- und Rebanlagen sowie den Einsatz von organischen Düngern und eine reduzierte Bodenbearbeitung.
Handlungsmöglichkeiten Kanton
Arbeiten bei gesättigtem Boden können Bodenverdichtungen verursachen und die Bodenfruchtbarkeit langfristig beeinträchtigen oder schädigen. Um derartigen Risiken entgegenzuwirken, betreibt der Kanton Aargau gemeinsam mit weiteren Kantonen ein Bodenmessnetz. Das Messnetz liefert aktuelle Informationen zur Bodenfeuchte, Boden- und Lufttemperatur sowie zu den Niederschlägen und unterstützt so eine bodenschonende Bewirtschaftung in der Land- und Forstwirtschaft. Das Messnetz ist jedoch nicht für den Trockenheitsfall ausgelegt.
Im Rahmen der Ausbildung und Beratung (Landwirtschaftliches Zentrum Liebegg) hat der Kanton bei der Sensibilisierung der relevanten Akteure Handlungsspielraum. Der Bund fördert die Verbesserung der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft mit Beiträgen. Die Zielbereiche sind die für die Landwirtschaft relevanten natürlichen Ressourcen wie Boden, Wasser, Luft, Biodiversität oder Energie. Über solche Ressourcen- oder andere Projekte können zu den aufgeführten Themenbereichen finanzielle Mittel beim Bund beantragt werden.
Synergiepotenzial auf kantonaler Ebene
- Das im Rahmen des BAFU-Pilotprogramms unterstützte Pilotprojekt "Landwirtschaft und Klimawandel – Anpassung als Chance!" diente als Grundlage für weiterführende Projekte wie beispielsweise das Bewässerungsprojekt im Bünztal.
- Die Wasserspeicherfähigkeit von landwirtschaftlichen Böden und ein hoher Humusgehalt tragen gleichzeitig bei zum Handlungsfeld Wasserspeicherung und klimaresilientes Wassermanagement.
- Betreffend Wasserspeicherfähigkeit von Böden siehe auch Klimaresiliente Lebensräume und Stärkung der Biodiversität Stossrichtung "Feuchtgebiete wiederherstellen"
- Eine schonende Bodenbewirtschaftung dient auch dem Klimaschutz, siehe Handlungsfeld Klimaschonende Landwirtschaft.
Konfliktpotenzial auf kantonaler Ebene
- Indirekter Gegenvorschlag zur Volksinitiative "Gewässer-Initiative Kanton Aargau": Die Umsetzung der Wiedervernässung erfolgt in den drei Landschafträumen Wald, Landschaft und Siedlung. Es sollen 1’000 Hektaren Feuchtgebiete bis 2060 umgesetzt werden, davon 280 Hektaren im Landwirtschaftsgebiet bis 2040.
Zukunftsfähige Be- und Entwässerungssysteme inklusive Speicherung fördern
Eine klimaangepasste Landwirtschaft benötigt effizient funktionierende, anpassungsfähige Be- und Entwässerungssysteme, um mit verstärkten Wetterextremen umgehen zu können. Trockenperioden erfordern eine gezielte Bewässerung, während Starkniederschläge eine sachgerechte Entwässerung sowie die Nutzung von Speichersystemen notwendig machen. Zentrale Herausforderungen liegen dabei in der intelligenten Nutzung, Bewirtschaftung und Verteilung des verfügbaren Wassers und der Förderung von Innovationen wie beispielsweise smarte Drainagen. Smarte Drainagen können digital gesteuerte Entwässerungssysteme sein, die je nach Bodenfeuchte und Wetterprognosen flexibel aktiviert oder deaktiviert werden. Sie ermöglichen eine gezielte Regulierung des Wasserhaushalts im Boden, verbessern die Ertragssicherheit und tragen zum Schutz vor Erosion sowie zur Erhaltung von Nährstoffen bei. Ergänzend zielen Ansätze wie die "Key-Line-Bewirtschaftung" ebenfalls darauf ab, Wasser in der Landschaft zurückzuhalten und gezielt zu verteilen.
Wasserspeicher wie Teiche, Zisternen oder Rückhaltebecken ermöglichen eine bedarfsgerechte Bewässerung in Trockenperioden und tragen so zur Sicherung landwirtschaftlicher Erträge bei. Sie helfen, übermässiges Niederschlagswasser oder Überschuss aus der Schneeschmelze zu sammeln und stehen in Zeiten erhöhter Wasserknappheit als Reserve zur Verfügung. Zudem können solche Speicher das Trinkwassernetz und die Oberflächengewässer zeitweise entlasten, indem sie den Bewässerungsbedarf aus eigenen Reserven decken.
Handlungsmöglichkeiten Kanton
Über Ausbildung und Beratung (Landwirtschaftliches Zentrum Liebegg) kann der Kanton auf den Wissenstransfer sowie die Sensibilisierung für Be- und Entwässerungssysteme inklusive Speicherung Einfluss nehmen. Investitionen in Projekte können unter der Voraussetzung einer Bundesbeteiligung zusätzlich gefördert werden.
Im Rahmen der Strukturverbesserung können innovative Ansätze für Be- und Entwässerungssysteme inklusive Speicherung integriert und gezielt gefördert werden.
Synergiepotenzial auf kantonaler Ebene
- Innovative technische Lösungen wie Präzisionsbewirtschaftung und Wasserspeicherung fördern die Effizienz und bieten Chancen zur nachhaltigen Nutzung der Ressource Wasser.
Konfliktpotenzial auf kantonaler Ebene
- Nutzungskonflikte mit anderen Wasseransprüchen wie Gewässerschutz, Biodiversität und dem Landschaftsbild sind abzuwägen und im Dialog mit allen Beteiligten im Sinne einer Priorisierung anzugehen.
- Massnahmen für den Aufbau von Be- und Entwässerungsinfrastrukturen sind kostenintensiv und verteuern die Produktion.
Kulturen und Tierhaltung an vermehrte Trockenheit und Hitze anpassen
Die Lebensmittelproduktion ist besonders stark von der ausreichenden Wasserverfügbarkeit abhängig. Bei anhaltender Trockenheit und Hitze steigt der Wasserbedarf der landwirtschaftlichen Kulturen deutlich. Kann der Boden nicht genug Wasser nachliefern oder steht nicht genügend Wasser zur Bewässerung Verfügung, droht – je nach Entwicklungsstadium der Kultur – ein Ertragsausfall mit entsprechendem Food Loss.
Um Kulturen an die neuen Klimabedingungen anzupassen, gilt es in einem ersten Schritt, neue Möglichkeiten und Chancen im Bereich der Sortenzüchtung sowie der Sorten- und Kulturenwahl zu erproben. Anschliessend kann dieses Wissen weitergegeben und die Umsetzung in den Betrieben gefördert werden – beispielsweise durch Praxisversuche, gezielte Beratungsangebote und eine verstärkte Kommunikation. Gleichzeitig gilt es auch, die Konsumentinnen und Konsumenten für neue Sorten und Produkte zu sensibilisieren.
Der Anbau robuster und wärmeliebender Kulturen ist eine wirksame Anpassungsmassnahme bei steigenden Temperaturen. Durch eine gezielte Sortenwahl und -vielfalt kann das Risiko von Ernteausfällen grundsätzlich reduziert werden. Allerdings steigt das Risiko, wenn ausschliesslich auf hitzeangepasste Sorten und Kulturen gesetzt wird: In regenreichen Jahren bringen diese oft geringere Erträge, sodass ein dauerhaft erhöhtes Verlustrisiko für die Betriebe besteht. Die veränderten klimatischen Bedingungen sind für die Bewirtschaftenden sehr anspruchsvoll.
Tierhalterinnen und Tierhalter sind verpflichtet, bei Hitze (ab 25 °C) Massnahmen zu ergreifen, um ihre Tiere zu schützen. Schweinen sind geeignete Abkühlungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Vernebelungsanlagen bereitzustellen. Auch bei dauerhafter Haltung im Freien brauchen sie Suhlen und schattige Liegeflächen. Für Schafe, Ziegen, Rinder und Equiden (Pferde, Esel) müssen auf Weideflächen ausreichend Schattenplätze verfügbar sein. Ergänzend kann die Nutzung der Weiden in kühlere Tageszeiten verlegt werden. Bauliche Massnahmen bei neuen Stallanlagen können ein angenehmeres Klima schaffen, beispielsweise höhere Decken mit grösserem Stallvolumen, Ventilatoren oder Sprinkleranlagen. Unabhängig von der Tierart ist der ungehinderte Zugang zu frischem Wasser für die Kühlung der Tiere essenziell. Langfristig kann über züchterische Massnahmen das Tierwohl bei höheren Temperaturen zusätzlich verbessert werden (Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen).
Handlungsmöglichkeiten Kanton
Über das Landwirtschaftliche Zentrum Liebegg hat der Kanton bei der Sensibilisierung der relevanten Akteure Handlungsspielraum. Dabei können mögliche Zielkonflikte, etwa zwischen verbessertem Tierwohl und höheren Investitionskosten für Stallanlagen oder Genetik, gezielt angesprochen werden.
Wichtige Themen sind auch Kenntnisse über Sorten und Kulturen, die besser an die neuen klimatischen Bedingungen angepasst sind.
Konfliktpotenzial auf kantonaler Ebene
- Bestehende Konsumgewohnheiten sind oft nur langsam veränderbar. Voraussetzung dazu ist ein koordiniertes Vorgehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette (Produktion, Verarbeitung und Handel).
Schäden durch Neobiota und landwirtschaftliche Schadorganismen minimieren
Die Ausbreitung von Schadorganismen, Krankheiten und gebietsfremden Arten birgt vielfältige Risiken für die Gesundheit von Mensch und Tier, für die Landwirtschaft, die Biodiversität sowie für wirtschaftliche Leistungen. Höhere Temperaturen können zum Teil das Auftreten von Krankheiten, die durch Zecken, Mücken und andere Vektoren übertragen werden, begünstigen. Darunter fällt beispielsweise die Blauzungenkrankheit, eine vektorübertragbare Krankheit, die durch den Stich von Mücken (Gnitzen) auf Tiere wie Rinder und Schafe übertragen wird. Wärmere Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster fördern die Vermehrung und Aktivität der Gnitzen, was zu einer erhöhten Infektionsrate führen kann. Eine Impfung ist die effizienteste Massnahme, um Tiere zu schützen, schwere Symptome und wirtschaftliche Schäden zu vermeiden (Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen).
Aufgrund der milderen Winter werden zudem immer mehr gebietsfremde wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten die kalte Jahreszeit in der Schweiz überleben oder ihre Reproduktionsphase verlängern. Invasive Neobiota betreffen die Landwirtschaft insofern, dass sie die Gesundheit von Nutztieren gefährden oder zu grossen Ertragseinbussen führen können. Durch ihre starke Ausbreitung können invasive Neobiota einheimische Arten verdrängen, was sich negativ auf die Biodiversität und den Futterwert auswirken kann.
Zwar sind die zunehmenden globalen Warenströme und die Mobilität hauptverantwortlich für die Verbreitung von Neobiota. Durch den Klimawandel finden diese jedoch günstigere Bedingungen vor und können sich leichter in neue Regionen ausbreiten und etablieren.
Handlungsmöglichkeiten Kanton
Schäden, die durch landwirtschaftliche Schadorganismen entstehen können, müssen frühzeitig erkannt und angegangen werden. Handlungsmöglichkeiten für den Kanton bestehen insbesondere bei der Überwachung und dem Monitoring von Schädlingen und deren Vektoren, bei präventiven und direkten (Bekämpfungs-)Massnahmen sowie bei der Information, Sensibilisierung, Bildung und Beratung durch Landwirtschaft Aargau respektive dem Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg, dem Veterinärdienst oder der Koordinationsstelle Neobiota.
Konfliktpotenzial auf kantonaler Ebene
- Massnahmen wie Schutznetze gegen Schädlinge können zu Konflikten mit dem Landschaftsschutz führen.
Klima-Metrik
Die Klima-Metrik überprüft mithilfe von verschiedenen Indikatoren den Fortschritt in der Umsetzung der Klimastrategie des Kantons.