Umgang mit klimabedingten Gesundheitsrisiken
Das Handlungsfeld hat zum Ziel, die vom Klimawandel betroffenen Akteurinnen und Akteure zu sensibilisieren, Partizipation zu ermöglichen und die Eigenverantwortung zu stärken. Die Entwicklung von spezifischen Anpassungsstrategien gegen Hitze wird – wo sinnvoll – unterstützt. Gleichzeitig sollen Innovationen gefördert und die Zusammenarbeit gestärkt werden. Ein weiterer Fokus ist die Langzeitüberwachung und die Bekämpfung von neuen Krankheiten und invasiven Arten.
Die Beeinträchtigung der menschlichen Gesundheit durch die zunehmende Sommerhitze wird bereits heute als erhebliches Risiko eingeschätzt und mit dem Klimawandel in Zukunft voraussichtlich stark zunehmen (Bundesamt für Gesundheit). Gleichzeitig führen das Bevölkerungswachstum, die zunehmende Verstädterung und der wachsende Anteil älterer Menschen dazu, dass mehr Menschen von Hitze betroffen und anfälliger für gesundheitliche Folgen werden. Hohe Temperaturen können zu Erschöpfung und Hitzschlag führen und bestehende Krankheiten wie Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen sowie psychische Erkrankungen verschlimmern. Ab einer durchschnittlichen Tagestemperatur von 25 °C steigt die hitzebedingte Sterblichkeit vor allem bei Menschen über 75 Jahren markant an (Hitze-Massnahmen-Toolbox 2021, Swiss TPH).
Die zunehmende Hitze belastet nicht nur die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen, sondern führt auch dazu, dass die Arbeitsproduktivität sinkt. Besonders betroffen sind Branchen, in denen viel draussen gearbeitet wird, wie das Baugewerbe und die Landwirtschaft (siehe dazu SUVA 2020). Aber auch im Dienstleistungssektor sowie in Schulen lässt bei grosser Hitze die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit nach.
Die Klima-Risikoanalyse des Bundes kommt zum Schluss, dass das heutige Risiko durch Hitze als sehr gross einzustufen ist. In diesem Handlungsfeld steht deshalb der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung im Mittelpunkt. Dazu gehören die Prävention von Krankheiten, eine verlässliche Gesundheitsversorgung sowie die Gewährleistung der Arbeitssicherheit. Gleichzeitig muss zudem der Siedlungsraum so gestaltet werden, dass trotz steigender Temperaturen eine hohe Aufenthalts- und Lebensqualität erhalten bleibt (siehe dazu Handlungsfeld "Hitzeangepasste Siedlungsentwicklung").
Im Bereich der Prävention von klimabedingten gesundheitlichen Risiken hat der Kanton einerseits eine aufklärende Funktion, auf der anderen Seite übernimmt er auch wichtige Aufgaben in der Überwachung und Bekämpfung von neuen übertragbaren Krankheiten oder invasiven Arten.
Zusätzlicher Nutzen
Ein klimaangepasstes Verhalten hat einen positiven Einfluss auf die Arbeitsproduktivität und Gesundheit der Menschen. Produktivitätseinbussen, Gesundheitskosten und Übersterblichkeit als Folgen von Hitzewellen lassen sich durch angepasste Verhaltensweisen und eine auf den Klimawandel ausgelegte Siedlungs- und Gebäudeentwicklung vermindern.
Schnittstellen
- Wichtige Ziele der Gesundheitspolitischen Gesamtplanung 2030 (GGPL) sind die Stärkung der Kompetenz in der Bevölkerung zu gesundheitsförderlichem Handeln sowie die Vermeidung, Früherkennung und Verringerung von gesundheitlichen Schädigungen und Erkrankungen. Die GGPL ist ein Planungsbericht, der die strategische Ausrichtung des Gesundheitswesens im Kanton Aargau festhält.
- Die Leitsätze zur Alterspolitik (PDF, 28 Seiten, 845 KB) legen fünf zentrale Handlungsfelder fest. Einige davon sind für die vulnerablen Bevölkerungsgruppen auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel relevant: Soziale Teilhabe und Partizipation; Sicherheit und Prävention; Wohnen, Mobilität und öffentlicher Raum; Beratung und Unterstützung.
- Der Umgang mit der Überschreitung der Ozongrenzwerte, die vor allem an heissen Sommertagen verzeichnet wird, wird im Massnahmenplan Luft angegangen.
- Einige invasive Tier- und Pflanzenarten sind auch gesundheitsschädigend. Der Kanton Aargau konzentriert sich mit der Neobiota-Strategie auf fünf Eckpfeiler (Prävention, koordinierte Bekämpfung, Zusammenarbeit mit Bund, Kantonen und Gemeinden, Information sowie Evaluation) im Umgang mit invasiven Tier- und Pflanzenarten.
Stossrichtungen
Hitzebedingte Gesundheitsrisiken minimieren
Mit der Zunahme von Hitzewellen und steigenden Temperaturen infolge des Klimawandels stehen auch die Kantone und Gemeinden vor der Herausforderung, die Gesundheit ihrer Bevölkerung zu schützen. Vor allem vulnerable Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen, chronisch Kranke, Kleinkinder, Schwangere und Personen, die im Freien arbeiten, sind einer erhöhten Gefährdung ausgesetzt.
Extrem heisse Tage nehmen zu, und die zunehmende Zahl von Tropennächten verschärft die Situation, insbesondere in urbanen Gebieten mit hoher Hitzebelastung durch den sogenannten Hitzeinsel-Effekt. Ohne angemessene Präventionsmassnahmen führt dies zu einer steigenden Belastung des Gesundheitswesens, vor allem in Spitälern und bei der Langzeitpflege sowie zu einer Zunahme hitzebedingter Erkrankungen wie Dehydrierung, Herz-Kreislauf-Problemen und Hitzeschlägen. Gemäss Angaben der Kantonsspitäler gibt es im Kanton Aargau aktuell noch keine Evidenz dafür. Starke Sonneneinstrahlung sowie längere und intensivere Hitzeperioden begünstigen zudem die Bildung von Ozon in Bodennähe. Eine übermässige Belastung mit Ozon führt unter anderem zu Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kann dadurch zu frühzeitigen Todesfällen führen (Massnahmenplan Luft).
Es braucht gezielte Massnahmen, um die gesundheitlichen Folgen von Hitze im Akutfall zu minimieren und die betroffenen Akteure wie auch die Bevölkerung zu sensibilisieren. Eine koordinierte und enge Zusammenarbeit zwischen dem Kanton und seinen Partnerorganisationen stellt eine klare Rollenteilung und ein aufeinander abgestimmtes Vorgehen sicher.
Handlungsmöglichkeiten Kanton
Massnahmen zur Anpassung an die zunehmende Hitzebelastung im Gesundheitswesen, in der Siedlungsentwicklung und in der Freiraumgestaltung fallen vorwiegend in den Kompetenzbereich der Kantone, Städte und Gemeinden. Der Bund unterstützt sie mit Information und Arbeitshilfen (Strategie Anpassung an den Klimawandel des Bundes). Gemäss Bund sind die Kantone verantwortlich für die Umsetzung der entsprechenden Aufgaben; als Ansprechpartner werden der kantonsärztliche Dienst sowie die kantonalen Führungsstäbe und Arbeitsinspektorate genannt (Aktionsplan Anpassung an den Klimawandel des Bundes). Für die Umsetzung von Massnahmen betreffend Hitzebelastung bedarf es eigens dafür bereitgestellter Ressourcen.
Die Kantone helfen mit ihren Institutionen, die vom Bund herausgegebenen Verhaltensempfehlungen bei Hitze zu verbreiten. Zum Schutz der Bevölkerung setzen sie koordinierte Massnahmen in Zusammenarbeit mit Gemeinden und Gesundheitsfachpersonen um (zum Beispiel mittels Hitzeaktionsplan). Dazu gehört unter anderem, Sensibilisierungsmassnahmen, Verhaltensempfehlungen und kurzfristige Massnahmen bereitzustellen sowie das Gesundheitspersonal entsprechend zu schulen. Dabei können bestehende Informationskanäle wie Newsletter, Standortgespräche mit Gemeinden, Foren und Weiterbildungsformate genutzt werden oder ein verwaltungsinternes Koordinationsgremium zum Thema Hitze gegründet werden. Zudem kann der Kanton weitere Grundlagen zur Hitzebelastung wie Klimaanalysekarten und Vulnerabilitätsanalysen bereitstellen.
Verschiedene Kantone in der Schweiz haben in Zusammenarbeit mit dem Bund und MeteoSchweiz Hitzewarnsysteme entwickelt, um die Bevölkerung rechtzeitig vor gesundheitlichen Gefahren durch Hitzewellen zu warnen beziehungsweise Hitzeaktionspläne erarbeitet, welche die Aufgabenteilung klären und weitere geeignete Massnahmen einleiten. Ein zentrales Element aller Systeme ist die enge Zusammenarbeit zwischen Behörden und Institutionen des Gesundheitswesens mit den lokalen Akteuren (Gemeinde, Gesundheitsdienste, Bevölkerung), um im Akutfall gezielt zu handeln, aber auch präventive Massnahmen effektiv umzusetzen.
Synergiepotenzial auf kantonaler Ebene
- Die Anpassung der baulichen Infrastruktur zur Verminderung der Auswirkungen von Hitze insbesondere im urbanen Bereich, wird im Handlungsfeld "Hitzeangepasste Siedlungsentwicklung" thematisiert.
- Zur Sensibilisierung siehe auch transversales Handlungsfeld, Stossrichtung Handlungsbereitschaft und Eigenverantwortung stärken durch Sensibilisierung und Bildung.
- Auch Tiere leiden unter hohen Temperaturen. Die zunehmende Sommerhitze kann das Wohlbefinden und die Gesundheit von Haus- und Nutztieren stark beeinträchtigen, siehe dazu Handlungsfeld "Klimaangepasste Landwirtschaft".
Langzeitüberwachung und Bekämpfung von neuen Krankheiten und invasiven Arten
Aufgrund der milderen Winter können immer mehr gebietsfremde Arten die kalte Jahreszeit in der Schweiz überleben. Darunter befinden sich auch invasive wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten. Sie können sich als Nutzniesser der zunehmenden globalen Warenströme und Mobilität verbreiten. Hier angelangt, finden sie wegen des Klimawandels günstige Bedingungen vor und können sich ausbreiten und etablieren. Aber auch einheimische Arten können von den sich ändernden klimatischen Bedingungen profitieren und sich invasiv verhalten. Sie gefährden damit einheimische Lebensräume, Arten sowie Ökosysteme und deren Leistungen.
Die Ausbreitung von Schadorganismen, Krankheiten und gebietsfremden Arten ist mit vielfältigen Risiken für die Gesundheit von Mensch und Tier, für die Biodiversität und für die Land- und Waldwirtschaft verbunden. Höhere Temperaturen begünstigen zum Teil das Auftreten von Krankheiten, die durch Zecken, Mücken und andere Krankheitsüberträger – sogenannte Vektoren – übertragen werden. Ausserdem können eingeschleppte Krankheitserreger auf einheimische oder eingeschleppte Vektoren übergehen, wodurch sich eine Krankheit rasch verbreiten kann.
Die Verlängerung der Pollensaison verstärkt die negativen gesundheitlichen Auswirkungen von allergischen Atemwegserkrankungen wie Heuschnupfen und Asthma. Zudem können sich durch die Ausbreitung neuer, gebietsfremder und allergener Pflanzen (zum Beispiel Ambrosia) weitere Allergien entwickeln (SCNAT Faktenblatt Pollen).
Mit dem Klimawandel erhalten eingewanderte Tier- und Pflanzenarten einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt, da sie besser an wärmere Temperaturen angepasst sind und oft keine direkten Fressfeinde haben. Tigermücken beispielsweise bilden mittlerweile aufgrund der milden Winter in urbanen Gebieten auf der Alpennordseite stabile Populationen.
Handlungsmöglichkeiten Kanton
Herausforderungen für die Kantone bestehen insbesondere bei der Eindämmung von heute überwachten vektorübertragenden Krankheiten (Chikungunya, Zika, Dengue, Borreliose). Zusätzliche Herausforderungen sind das frühzeitige Erkennen neuer Vektoren und Krankheiten, die Verfügbarkeit von spezialisiertem Personal und Diagnostikmethoden und somit die begrenzte Erfahrung mit Krankheiten, die bisher nicht oder nur selten in der Schweiz vorkommen. Auch die breite Information der Bevölkerung sowie die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Behörden sind herausfordernd. Der Aargau ist deshalb in engem Austausch mit anderen Kantonen, dem Bund und dem grenznahen Ausland. Damit stellt er sicher, dass auch die durch den Klimawandel begünstigte Verbreitung neuer Krankheiten und invasiver Arten frühzeitig erkannt werden.
Der Umgang mit Neobiota wird in der separaten Neobiota-Strategie behandelt.
Synergiepotenzial auf kantonaler Ebene
- Die Landwirtschaft verfolgt eine analoge Stossrichtung für die spezifisch landwirtschaftlichen Schadorganismen und Krankheitserreger bei Nutztieren dieselbe Zielsetzung, siehe Handlungsfeld Klimaangepasste Landwirtschaft.
- Invasive Arten sind auch im Wald und anderen ökologisch wertvollen Lebensräumen ein Thema, siehe Handlungsfeld Klimaresilientes Waldmanagement sowie Handlungsfeld Klimaresiliente Lebensräume und Stärkung der Biodiversität.
Klima-Metrik
Die Klima-Metrik überprüft mithilfe von verschiedenen Indikatoren den Fortschritt in der Umsetzung der Klimastrategie des Kantons.