|
INV-RHE931 Villa zur Sommerau, 1898-1899 (Dossier (Bauinventar))
| |
General information |
|
Accessions characteristics |
| Creation date(s): | 1898 - 1899 |
| Grundlage Datierung: | Inschrift |
| Nutzungen: | EG und OG dienen als Büros, das DG ist als Wohnung vermietet. |
|
Typologie |
| Objektart (Einzelobj./Teil Baugr./Baugr.): | Einzelobjekt |
| Nutzung (Stufe 1): | Profane Wohnbauten |
| Nutzungstyp (Stufe 2): | Repräsentatives Wohnhaus, Villa |
| Epoche / Baustil (Stufe 3): | Historismus |
|
Information on related materials |
| Autorschaft: | Karl Moser (1860-1936) zugeschrieben |
| Inschriften: | "1898" (am Rand der Wappentafel) |
| Würdigung: | Die 1898–99 für den bekannten Kurarzt Dr. Hermann Keller errichtete und im frühen 20. Jahrhundert nach Osten erweiterte Villa Sommerau ist ein charakteristischer Historismusbau der Jahrhundertwende. Ein neugotischer Treppengiebel, Risalite, Dachaufbauten, ein Erker und eine offene Veranda lockern die Volumetrie des zweigeschossigen Baukörpers unter Walmdach malerisch auf. Sämtliche Werksteine wie bossierte Eckquader, Gewände, Gesimse und Konsolen sind aus rotem Bundsandstein gefertigt und erzeugen ein lebhaftes, zum hellen Verputz kontrastreiches Fassadenbild. Die bauzeitliche Haustür, Schmiedeeisenarbeiten und das bleiverglaste Treppenhausfenster mit Malerei tragen am Äusseren zum materiellen Zeugenwert bei. Dazu haben sich im Innern wesentliche Teile der ursprünglichen Ausstattung erhalten, darunter das Treppenhaus und das ehemalige Esszimmer im Obergeschoss. Die Villa ist von einem kleinen Teil des ehemaligen Parks mit altem Baubestand umgeben. |
| Bau- und Nutzungsgeschichte: | Die Villa zur Sommerau wurde 1898–99 für Hermann Keller (1858–1930) erbaut, der zu den Schlüsselfiguren der Entwicklung Rheinfeldens zur Kurstadt gehört [1]. Der aus Oberendingen im Surbtal stammende Hermann Keller besuchte die Kantonsschule in Aarau, wo er sich mit Karl Moser (1860–1936) anfreundete, und reiste nach seinem Medizinstudium in Zürich, Genf, Berlin und Wien als Schiffsarzt um die halbe Welt. 1887 wurde er von Hotelier Josef Viktor Dietschy, dem Inhaber des Hotels Krone und des späteren Grand Hôtel des Salines au Parc, als Kur- und Badearzt nach Rheinfelden berufen, wo er sich für die Einrichtung eines Armensolbades einsetzte. Als angesehener Forscher und bekannter Spezialist auf dem Gebiet der Balneologie gelang es ihm, eine internationale Klientel nach Rheinfelden zu holen. Keller sorgte für die Wiederentdeckung und Neufassung der vergessenen, mineralhaltigen Kapuzinerquelle und der schwefelhaltigen Magdalena-Quelle, und führte die Trinkkur in Kombination mit der therapeutischen Anwendung der Solebäder ein. In diesem Zusammenhang entstanden nach der erfolgreichen Inbetriebnahme eines Trinkbrunnen an der Schifflände 1923 eine erste Trinkhalle und 1933 die grosse Kurbrunnenanlage, beide von Architekt Heinrich A. Liebetrau, Rheinfelden. Bis zur Fertigstellung seines eigenen Hauses wohnte Hermann Keller in der Villa Flora beim Salinenhotel. Hermann Keller wählte den Bauplatz nicht weit davon entfernt, auf dem noch wenig bebauten Gelände nordöstlich der Altstadt, schräg gegenüber der römisch-katholischen Kirche. Diese war 1882 in neugotischem Stil errichtet worden. Die räumliche Nähe vermochte nicht zu verhindern, dass Hermann Keller später aus der römisch-katholischen Kirche ausgeschlossen wurde, weil seine Frau die römisch-katholisch getauften Kinder reformiert erzog. Laut Gertrud Flück-Keller, seiner zweitältesten Tochter, soll Keller das Wohnhaus mit Arztpraxis selbst entworfen haben, wobei er sich von seinem Freund Karl Moser beraten liess. Historischen Ansichten zufolge war es ursprünglich kleiner als heute. Im frühen 20. Jahrhundert wurde der Baukörper aufgrund der gewachsenen Platzansprüche durch die vier Kinder und die Praxis um eine Raumschicht nach Nordosten erweitert. Möglicherweise erfolgte schon diese Massnahme durch den Architekten Heinrich A. Liebetrau, einen früheren Mitarbeiter von Karl Moser, der sich seit dem Rathausumbau in Rheinfelden niedergelassen hatte. 1921 richtete dieser im teilausgebauten Dachgeschoss zwei weitere Zimmer ein und ergänzte hierfür beidseits des Treppenhaus-Quergiebels Schleppgauben. Eine grosse Lukarne folgte noch vor 1941 auf der Nordostseite [2]. 1931 übernahm der Sohn Armin (1893–1977), der seinem Vater als Kurarzt nachfolgte, das Haus und die väterliche Praxis. Ab 1962 erfolgte im Park der Bau des Altersheims. |
| Beschreibung: | Die Villa Zur Sommerau liegt an der nach ihrem Bauherrn benannten Strasse östlich der Altstadt, schräg gegenüber der römisch-katholischen Pfarrkirche St. Josef. Das grosszügige Anwesen grenzt nördlich an die Linden- und südlich an die Salinenstrasse. Von der einst üppigen historischen Bepflanzung sind rund um das Wohnhaus noch einzelne alte Bäume erhalten. Die östlichen zwei Drittel des Grundstücks wurden währenddessen in den 1960er-Jahren mit dem Altersheim überbaut. Als zeittypischer Bauzeuge vereint die Villa stilistisch verschiedene Strömungen des Historisimus, wobei die Hinwendung zur Neugotik am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Dabei wurde dem romantisch Burgenhaften nicht nur mit einem Treppengiebel, grob bossierten Eckquadern, geohrten und gotisierend profilierten Gewänden sowie handgeschmiedeten Beschlägen Nachdruck verliehen, sondern auch mit dem schon fast skurril wirkenden, wenn auch rein formal verwendeten Architekturzitat des Abort-Erkers. Der in seiner Grundform kompakte Kernbau schliesst mit einem barockisierend geschweiften Walmdach ab, das – ganz nach den Gestaltungsprinzipien der damaligen Zeit – nach allen Seiten durch überhöhte Risalite, Giebel, An- und Aufbauten zu einer Dachlandschaft erweitert wurde. An der nach Südosten ausgerichteten Gartenfront wird die Traufe von einem leicht aus der Mitte verschobenen, überhöhten Walmdachrisalit durchbrochen, der das hier bereits ursprünglich ausgebaute Dach wie ein Turmzimmer erscheinen lässt. Auf der nach Nordwesten hin gelegenen Rückseite bildet der Treppenhausrisalit das entsprechende Pendant, der mit einem grossen, geschossübergreifenden Rundbogenfenster und einem Gehrschilddach mit Fluggespärre bereits stärker die Villenarchitektur des frühen 20. Jh. anklingen lässt. Auf dieser Seite befindet sich im Obergeschoss der bereits erwähnte, nur spärlich mit Fenstern versehene, dafür mit einem Gurtgesims horizontal gegliederte Erker. Darunter ist zwischen wuchtigen Konsolen eine rote Sandsteintafel mit den Initialen "H F K" und dem Wappenzeichen der Familie – zwei gekreuzten Schlüsseln, hergeleitet vom Amt des Kellermeisters – ins Mauerwerk eingelassen. Die der Stadt zugewandt Südwestfassade ist mit einem seitlichen Treppengiebel, einem Stichbogen- und einem Staffelfenster mit gekehlten Gewänden ausgezeichnet. Die südwestliche Ecke ist im Obergeschoss als Wintergarten, im Erdgeschoss als offene Laube mit Stichbogenöffnungen und direktem Zugang zum Garten gestaltet. Die Treppe besitzt ein Schmiedeeisengeländer mit Kleeblattmotiv. Der Nordostfassade und ehemaligen Gartenansicht der Villa ist ein dreiachsiger Anbau vorgelagert, der beinahe die ganze Gebäudebreite einnimmt. Er dient dem Obergeschoss als Terrasse, wobei das nördliche Drittel des Anbaus zweigeschossig ist und über einem kräftigen Kranzgesims mit einem Walmdach ans Hauptdach anschliesst. Über dem mittleren Erdgeschossfenster ist eine rote Sandsteintafel in die Mauer eingelassen. Sie zeigt im Relief eine aus der Schale trinkende Äskulapschlange, welche das Attribut der Hygieia, der griechischen Göttin für Gesundheit, ist und auch als Zeichen für Apotheken verwendet wird. Auf der Süd- und der Südostseite sind die Fenster mit bauzeitlichen Jalousieläden aus Holz ausgestattet, die unten und oben eine querformatige Füllung aufweisen. Die ehemals backsteinsichtigen Kamine sind erneuert. Ein besonders mächtiger Kamin befand sich ursprünglich über der Küche in der Nordostecke. Der Hauseingang befindet sich ebenerdig an der Seite des Treppenhausrisalits. Er wird von einem Pultdächlein geschützt, das auf einer sorgfältig beschnitzten Holzkonstruktion ruht. Über dem gekehlten Gewände befindet sich ein Schriftfeld im Verputz mit dem Hausnamen "Zur Sommerau". Das Türblatt ist in Anspielung auf die Burgenarchitektur betont rustikal gestaltet mit handgeschmiedeten Beschlägen, ringförmigem Türklopfer, Briefkastenschlitz und vergittertem Fensterchen. Das Innere des Hauses ist heute geschossweise unterteilt. Es ist anzunehmen, dass ursprünglich im Erdgeschoss zwei oder drei Räume als Arztpraxis genutzt wurden und die übrigen Räume zusammen mit dem Obergeschoss und den Dachzimmern als Wohnung dienten. Die ursprüngliche Raumstruktur ist weitgehend erhalten geblieben. Die Räume sind jeweils um einen zentralen Vorplatz herum angeordnet, wobei seit dem Anbau auf der Nordostseite auch gefangene Räume bestehen. Die der Hermann-Keller-Strasse zugewandte westliche Haushälfte dürfte zur Wohnung gehört haben. Darauf deuten die Veranda mit dem Gartenausgang im Erdgeschoss und das Kaminzimmer im Obergeschoss. Von der ursprünglichen Ausstattung sind im Treppenhaus und im Eingangsbereich des Erdgeschosses die polychromen Bodenfliesen erhalten geblieben, das eichene Treppenhaus mit gedrechselten Antrittspfosten und Staketen sowie die originale Verglasung des geschossübergreifenden Rundbogenfensters mit gemalter Bordüre. Die Räume bewahren Fischgratparkette in Eiche und Pitch-Pine und neben den profilierten Türrahmen teilweise die zugehörigen Türblätter (Füllungstüren, teilweise verdeckt). Die Gipsdecke des mittleren Südzimmers im Obergeschoss ist mit einer Hohlkehle versehen. Wesentliche Teile der historischen Ausstattung finden sich im erwähnten Kaminzimmer, das gemäss mündlicher Überlieferung als Esszimmer gedient haben soll. Das dreiteilige Staffelfenster weist aufgrund der beidseitig eingebauten Wandschränke eine besonders tiefe Laibung mit Füllungen auf. Die Wände sind mit dunklem Nadelholz-Brusttäfer verkleidet. Die Decke ist passend dazu mit profilierten Bälkchen verziert, wobei die Zwischenräume mit Leinwand oder Rupfen bespannt sind. Möglicherweise trägt diese Bespannung unter der weissen Farbe noch eine dekorative Bemalung. In der Ecke ist eine Feuerstelle mit polygonaler Holzeinfassung und vegetabilem Flachschnittfries eingebaut und in die Wand zum Wohnzimmer ist ein hoher grün glasierter Turmofen eingelassen. Der Erker, der heute eine Kleinstküche enthält, soll ehemals als Eisschrank gedient haben. |
| Anmerkungen: | [1] Gemäss Brandkataster wurde der Ausbau 1899 vollendet. – Zu Hermann Keller siehe: Ute W. Gottschall, In Sale Salus. Hermann Keller und die Kurstadt Rheinfelden, in: Rheinfelder Neujahrsblätter 2011, S. 130–145. [2] Ein Ölgemälde von Jakob Strasser zeigt die Villa Zur Sommerau 1941 mit Lukarne: https://www.jakobstrasser.ch/Galerie/Galeries/Rheinfelder-Bilder.php, abgerufen am 04.11.2024. |
| Erwähnung in anderen Inventaren: | - Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS), nationale Bedeutung. |
| Literatur: | - Edith Hunziker, Peter Hoegger, Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bd. 9: Der Bezirk Rheinfelden, Bern 2011, S. 258, 260. - Kurt J. Rosenthaler, "Ich war ein schwaches, kränkliches Kind", in: Rheinfelder Neujahrsblätter 2003, S. 143-146. |
| Quellen: | - Staatsarchiv Aargau (StAAG): CA.0001/0570 (1876–1898) Vers.-Nr. 670, CA.0001/0571 (1899–1938) Vers. Nr. 377, Brandkataster Gemeinde Rheinfelden. - Fricktaler Museum, FM Fo.04562, Fo.04563, Fo.01843, Fo.01390. Fo.01394, Fo.03283. - Stadt Rheinfelden Baugesuchsarchiv, Baugesuch Nr. 10 / 1921. |
| Reproduction conditions: | © Kantonale Denkmalpflege Aargau |
|
| |
URL for this unit of description |
| URL: | http://www.ag.ch/denkmalpflege/suche/detail.aspx?ID=142363 |
| |
Social Media |
| Share | |
| |
|