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INV-RHE929 Turnhalle Schützenweg, 1902-1904 (Dossier (Bauinventar))
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General information |
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Accessions characteristics |
| Creation date(s): | 1902 - 1904 |
| Grundlage Datierung: | Baugesuch; Brandkataster; Literatur |
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Typologie |
| Objektart (Einzelobj./Teil Baugr./Baugr.): | Einzelobjekt |
| Nutzung (Stufe 1): | Öffentliche Bauten und Anlagen |
| Nutzungstyp (Stufe 2): | Turnhalle |
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Information on related materials |
| Autorschaft: | Karl Moser (1860–1936) |
| Würdigung: | Architekturgeschichtlich und städtebaulich bedeutende Turnhalle, die 1902–1904 nach Entwurf des renommierten Architekten Karl Moser erbaut wurde. Die älteste Turnhalle Rheinfeldens befindet sich an prominenter Lage vor der mittelalterlichen Stadt, unweit der damals bereits bestehenden Schulhäuser. Sie gehört konzeptuell als einfacher Saalbau ohne umfangreiche Annexbauten zu den frühen Vertreterinnen ihrer Baugattung, nimmt jedoch mit den ehemals im Souterrain eingerichteten Schulzimmern typologisch eine Sonderstellung ein. Stilistisch markiert die Rheinfelder Turnhalle innerhalb Mosers Schul- und Turnhallenbauten den Übergang vom Historismus zum Jugendstil, wobei die architektonische Neuausrichtung nicht zuletzt dem Qualitätsanspruch und der selbstbewussten Beharrlichkeit der Stadt geschuldet ist. |
| Bau- und Nutzungsgeschichte: | Bis zur Eröffnung der Eisenbahnstrecke von Brugg nach Basel durch die Bözbergbahn 1875 hatte die seit 1460 urkundlich bezeugte Schützengesellschaft auf dem Gelände vor der Ringmauer ihren Übungsplatz. Danach gehörte das Grundstück als Baumgarten zur benachbarten Villa L'Orsa. Topografisch war die Schützenmatt Teil des Heimendeckenlochs, das sich als vom Magdenerbach geformte Schlucht im Westen der Stadt in einem Bogen bis zum Rhein erstreckte. Nachdem sich die Stadt 1899 den Bauplatz mittels Expropriationsdekret gesichert hatte, liess sie den Graben mit Bauschutt auffüllen. Diese Arbeit führte der Rheinfelder Baumeister Julius Hess durch, der auch den Zuschlag für die Mauererarbeiten an der Turnhalle erhalten hatte [1]. Für das Projekt ging die Stadt ohne Wettbewerbsverfahren 1902 direkt auf Karl Moser (1860-1936) zu, der u. a. mit dem Umbau des Hotels Krone (1898-1901), mehreren Um- und Neubauten für das Grand Hôtel des Salines au Parc (1891–1896) und dem Wohn- und Gasthaus "Rheinlust" bereits mehrere wichtige Bauwerke in Rheinfelden realisiert hatte und in der Zwischenzeit zu den erfolgreichsten Architekten seiner Zeit gehörte. Das von Moser eingereichte Projekt "im altdeutschen Baustyl" – es ist von einem gotisch inspirierten Bau mit Treppengiebeln auszugehen – entsprach jedoch auch wegen der unerwartet hohen Kosten nicht den Vorstellungen der Stadt. Sie gab deshalb bei den Gebrüdern Kelterborn, Architekten in Basel, den Entwurf eines zweiten Projekts in Auftrag. Darauf reagierte Moser wütend, legte auf Anfrage aber dennoch ein zweites, etwas günstigeres Projekt vor, das auf die vollständige Unterkellerung verzichtete. Auf Anraten von Gustav Gull (1858–1942), Architekturprofessor am Polytechnikum in Zürich, und nach langem Abwägen bevorzugte die Turnhallenbaukommission schliesslich doch die überarbeitete teurere Variante Mosers [2]. Dafür ausschlaggebend war, dass durch die Unterkellerung der Turnhalle die allgemeine Knappheit an Schulraum entschärft werden konnte. Das Souterrain sah neben Abtritten und der Zentralheizung zwei geräumige Säle sowie drei kleinere Räume vor, die u. a. als Modellier- und Zeichnungszimmer genutzt werden konnten. Im Gegenzug wurde auf Umkleiden und Duschen verzichtet. Weitere Vorteile der Unterkellerung sahen die Kommissionsmitglieder darin, dass durch den Aushub viele Bruchsteine verfügbar wurden, sowie in den vorteilhafteren Proportionen des Gebäudes. Eine besondere Qualität wurde jedoch Mosers gestalterischem Entwurf beigemessen, der nicht das gewohnte historistische Formenrepertoire wiedergab, sondern etwas Eigenständiges darstellte und an dem exponierten Standort durch eine einfache Architektursprache mit der Aussenansicht der mittelalterlichen Stadt in Beziehung trat [3]. Der aus Baden stammende Karl Moser hatte seit 1888 zusammen mit Robert Curjel eine Architektengemeinschaft in Karlsruhe. Für die Schweizer Projekte zeichnete zumeist er verantwortlich, wobei er sich vor Ort teilweise durch Mitarbeiter in Schweizer Zweigniederlassungen vertreten liess. Bei der Turnhalle in Rheinfelden hatte der Architekt Karl Kress (1857–1951) die Bauleitung inne, der ab 1893 bis zur Eröffnung seines eigenen Büros die Aarauer Filiale führte. Aus den Akten geht zudem hervor, dass Karl Moser am 14. Juni 1902 persönlich nach Rheinfelden kam, um die Ausarbeitung der Pläne zu besprechen [4] Gegenüber dem damals realisierten Projekt präsentiert sich die Turnhalle heute insbesondere an den beiden Stirnseiten und im Erschliessungsbereich stark überformt. Die prägende Umgestaltung im Stil der Postmoderne erfolgte 1987–1990 anlässlich einer durch die Senkungen des Baugrundes fälligen Sanierung. Bereits in den 1950er-Jahren war die Südfassade teilweise mit Beton unterfangen worden. Aufgrund von Rissbildungen wurde festgestellt, dass die Abbruchkante des Trochitenkalks, auf dem die Turnhalle mehrheitlich steht, unter der Südwestecke des Baus verläuft. Zur Versteifung des Baukörpers wurde im Innern eine neue Betonquermauer samt Galerie eingezogen. Gleichzeitig wurden im Untergeschoss die um 1956/58 anstelle der Zeichensäle eingebauten Umkleiden mit Duschräumen erneuert und ein Jugendraum eingerichtet. Seit dem Umbau durch den Feldschlösschen-Architekten Ernst Schelling in den 1950er-Jahren bestand anstelle des Kellerfensters an der südlichen Längsfassade ein neuer Haupteingang zur Turnhalle. Der Westanbau diente als Geräteraum, wobei die nördliche Freitreppe mit einer Erweiterung desselben überbaut war und die südliche Freitreppe nur noch als äusserer Direktzugang zum Geräteraum diente. 1987 wurde die Symmetrie wiederhergestellt, indem dem redimensionierten Vorbau über den Freitreppen zur Geräteaufbewahrung beidseits Metallskelettbauten mit teilweiser Verglasung und Kupferabdeckung angefügt wurden. Analog wurde der Ostfassade ein Anbau mit Office und Geräteraum vorangestellt. Als wesentlichster Eingriff wurde damals, unter teilweiser Wiederverwendung originaler Bauteile, die Erschliessung der Turnhalle komplett neu organisiert und der westliche Vorbau mitsamt der Eingangssituation erneut umgestaltet. Seither betritt man den Raum ebenerdig und befindet sich somit auf Höhe des ehemaligen Zwischenpodests zum Keller, wobei das ganze Treppenhaus um 90 Grad gedreht ist. Eine weitere Neuerung ist, dass die Ziegeleindeckung des Hauptdachs in einem farblich nuancierten Zickzackmuster erscheint. Anlässlich von Rissen im Mauerwerk liess die Stadt zur Stabilisierung im Jahr 2020 senkrecht zur Südfassade zwei stehende Stahlträger montieren und 2022 das Turnhallendach zimmermannstechnisch aussteifen [5]. |
| Beschreibung: | Die Turnhalle steht in der nordöstlichen Ecke eines grossen, weitgehend versiegelten, aber mit einigen grossen Bäumen und Hecken bepflanzten Grundstücks, das sich östlich der Bahnhofstrasse zwischen der Kaiserstrasse und dem Schützenweg erstreckt und heute mehrheitlich als Parkplatz genutzt wird. Der kompakte, längliche Baukörper steht parallel zum Schützenweg und schliesst mit einem geraden Satteldach ab, das an den Stirnseiten von Schweifgiebeln mit Kaminen überragt wird. Die Mitte des Firsts nimmt ein gedrungener Dachreiter mit Kupferhaube ein. Die Mittelachse der Westfassade akzentuiert ein Portalvorbau, der ebenfalls eine Kupferhaube trägt. Er wird beidseitig von radial gegliederten Metallskelettbauten mit spiegelverglasten und pastellfarbenen Füllungen ergänzt, die den Ursprungsbau postmodern überspielen. Darunter dürften die steinernen Freitreppen erhalten sein, die ehemals beidseitig zum Vorplatz im Hochparterre führten. Der von einem Vordächlein von 1987/90 geschützte Haupteingang befindet sich heute ebenerdig auf der Vorderseite des Anbaus, das darüber liegende ehemals vierteilige Fenster ist zu einem Zwillingsfenster reduziert. Die nach Osten gerichtete Giebelfront ist fensterlos und mit einem analog zur Vorderseite gestalteten Anbau von 1887/90 versehen. Die Trauffassaden sind horizontal in eine Sockelzone in Rustika und ein verputztes Hallengeschoss unterteilt. Vertikal eingefasst und gegliedert sind die Fassaden durch eine gezahnte Eckquaderung und Lisenen aus grob bossierten Jurakalkquadern. Die Rundbogenfenster zur Halle und die Rechteckfenster zu den darunter liegenden Räumen sind in sieben dazwischen liegenden Achsen angeordnet. Eine weitere Fensterachse besteht zum Vorplatz und Treppenhaus. Zur Belichtung des Souterrains verlaufen beidseitig Lichtgräben. Hinsichtlich der Gestaltung ist die Rheinfelder Turnhalle eine Weiterentwicklung des Schulhauses in Turgi (1897–1898) und des Gemeindehauses mit Turnhalle in Seon (um 1900), die unmittelbar davor von Karl Moser realisiert wurden. Beide Gebäude ragen zwischen Treppengiebeln auf und besitzen geschweifte Quergiebel im Stil der Renaissance. Zwar setzte Moser auch die Rheinfelder Turnhalle auf einen Sockel mit grob bossierten Jurakalkquadern und ebenso sind die Fenstergewände nach gotischem Vorbild gekehlt. Neu und originell ist währenddessen die Versetzung der geschweiften Giebel an die Stirnseiten des Hauptbaukörpers, die dem Bau als Schaufronten eine ungewohnte Eleganz verleihen und im Zusammenspiel mit architektonischen Details den Jugendstil anklingen lassen. Dieser zeigt sich am deutlichsten im mittig gesetzten Hufeisenfenster an der Westfassade, das ehemals zur Empore gehörte und mit einer charakteristisch geschwungenen Sprossierung gegliedert war. Auch die an sich gotischen Kreuzblumen, die als Giebelbekrönungen die Kamine kaschieren, sind eine originelle Neuinterpretation. Die Randprofile der Schweifgiebel schliessen unten in eckigen Schnecken ab, die sich leicht variiert an der 1904/05 für Conrad Baumann-Stockar, Ingenieur und Teilhaber der BBC, erbauten Villa Burghalde in Baden wiederfinden. In einer geometrischen Ausprägung des Jugendstils sind die Zickzack-Kapitelle der traufseitigen Lisenen und die im Innern teilweise noch vorhandenen schmiedeeisernen Treppengeländer gehalten. Dem Formenschatz des Historismus entlehnt ist hingegen die aus zwei Zweigen, Rollwerk und einer Maske gebildete Kartusche mit dem Rheinfelder Stadtwappen, die auf die Doppelnutzung der Halle als Gemeindesaal verweist. Das Türblatt ist samt Beschlägen weitgehend original erhalten. Während das Gebäude früher über zwei Freitreppen auf Höhe der Halle betreten wurde, öffnet der ebenerdig an die Front des Vorbaus versetzte Eingang heute auf eine Betonplattform, von der aus je ein Treppenlauf in den Keller zu den Umkleiden und ins Hochparterre in die Halle führt. Die Granitstufen und Eisengeländer mit hölzernem Handlauf stammen vom bauzeitlichen Treppenhaus, das sich in der Südwestecke befand. Die eigentliche Halle bewahrt das bauzeitliche Korbbogengewölbe der Decke, das als Rabitzkonstruktion mit Gipsmörtel auf einem Drahtgeflecht als Träger ausgeführt ist. Sichtbar sind auch die auf steinernen Auflagern ansetzenden hölzernen Binder, die aus mehreren Bogensegmenten zusammengesetzt und über metallene Zugstangen mit der übrigen Dachkonstruktion verbunden sind. Selbst die Aufhängung der Turngeräte entspricht noch weitgehend den Aufzeichnungen aus der Bauzeit. Das quadratische Feld in der Deckenmitte, das sich über eine Zugvorrichtung mittels Jalousien öffnen lässt, befindet sich unmittelbar unter dem Dachreiter und dient der Lüftung – ein Thema, dem in der Reformbewegung um 1900 viel Beachtung geschenkt wurde. Für die Luftzufuhr sorgten traufseitig über den Fensterstürzen des Untergeschosses eingelassene Ventilationsschlitze, die inzwischen aussenseitig mit Plättchen verschlossen sind. Das Untergeschoss ist erneuert, wobei südseitig ein Direktzugang zum Jugendraum ergänzt wurde. |
| Anmerkungen: | [1] Bau- und Nutzungsgeschichte, wo nicht anders vermerkt, nach: Lesny 2025. [2] Hunziker, Hoegger 2011, S. 270. [3] Bericht der Turnhallenbaukommission Rheinfelden (Kopie), gta-Archiv, ETH Zürich, Nachlass Karl Moser, Beilage zu 33-1902-13. [4] Stadtarchiv Rheinfelden, Neues Archiv 351.16, Alte Turnhalle 1897–1904, 14.6.1902. [5] Thomas Wehrli, "Nach Bodenabsenkung: Die fast 120 Jahre alte Turnhalle am Schützenweg muss weiter stabilisiert werden", in: Aargauer Zeitung vom 03.11.2022, abgerufen am 27.03.2023. |
| Erwähnung in anderen Inventaren: | - Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS), nationale Bedeutung. |
| Literatur: | - Kunstführer durch die Schweiz, Bd. 1, hg. v. d. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2005, S.168. - Edith Hunziker, Peter Hoegger, Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bd. 9: Der Bezirk Rheinfelden, Bern 2011, S. 252, 270. - Katja Lesny, Als Denkmal gebaut – die Schützenmatt-Turnhalle von Karl Moser (1860–1936), in: Rheinfelder Neujahrsblätter 2025, S. 88-104. - Werner Oechslin, Sonja Hildebrand (Hg.), Karl Moser. Architektur für eine neue Zeit 1880 bis 1936, Bd. 2, Zürich 2010, S. 360, Nr. 194. |
| Quellen: | - Stadt Rheinfelden Baugesuchsarchiv, Baugesuch Nr.106 / 1988 (darin auch ältere Unterlagen), L2.1.2. Schützenweg Alte Turnhalle, 1989 Sanierung. - Fricktaler Museum, FMR Fo.03043, Fo.02344. - Staatsarchiv Aargau (StAAG): CA.0001/0570 (1876–1898) Vers.-Nr. 399; CA.0001/0571–0573 (1899–1938) Vers. Nr. 524, Brandkataster Gemeinde Rheinfelden. - gta-Archiv, ETH Zürich, Nachlass Karl Moser, 33-1902-13-4, 33-1902-13-7, 33-1902-13-9, 33-1902-13-17, 33-1902-13-20, 33-1902-13-21; Beilage zu 33-1902-13: Bericht der Turnhallenbaukommission Rheinfelden (Kopie) |
| Reproduction conditions: | © Kantonale Denkmalpflege Aargau |
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