Die seltene Italienische Schönschrecke auf einem Fangnetz. Für das Monitoring wurden die Arten gefangen und wieder freigelassen. Foto: Albert Krebs, Bildarchiv ETH Zürich
Um die Vielfalt der Heuschrecken im Kanton Aargau zu erfassen, wurde von 2021 bis 2025 das Heuschreckeninventar Aargau erstellt. Die Untersuchungen zeigen, dass Labiola-Flächen einen besseren Lebensraum für spezialisierte Arten bieten als Biodiversitätsförderflächen mit Standardbewirtschaftung.
Heuschrecken als Zeiger für wertvolle Wiesen
Heuschrecken sind Zeigerarten für die ökologische Qualität von Wiesen. Kommen viele verschiedene oder besonders anspruchsvolle Heuschreckenarten vor, ist dies ein Zeichen für einen hochwertigen Lebensraum, von dem zahlreiche andere Tierarten profitieren. Die Heuschrecken selbst sind ein begehrtes Futter für Brut- und Zugvögel.
Rund 50 Heuschreckenarten im Aargau
Die aktuellen Erhebungen (2015–2025) ergaben total 53 verschiedene Heuschreckenarten im Aargau. Davon gehören 21 Arten zu den Zielarten der Umweltziele Landwirtschaft (UZL-Arten). Besonders wichtige Lebensräume für diese Spezialisten sind Magerwiesen und -weiden. Dort kommen beispielsweise die Gemeine Sichelschrecke sowie gut ein Dutzend weitere Arten vor. Davon sind 11 als gefährdet eingestuft. Auch Streuewiesen sind beliebt bei den Heuschrecken. Zehn Arten kommen nur auf diesen feuchten Flächen vor, beispielsweise die Grosse Goldschrecke.
Vergleich der Artenanzahl pro 100-Meter-Streifen auf Labiola-Flächen, Standard-BFF und Nicht-BFF; oben: Übersicht über alle untersuchten Arten; unten: beschränkt auf die Zielarten der Umweltziele Landwirtschaft (UZL-Arten). Abbildung: Hintermann & Weber AG
Wie wirkt Labiola auf die Heuschrecken?
Die Auswertungen zeigen, dass Landschaften mit einem hohen Anteil an Labiola-Flächen mehr Heuschrecken beherbergen als Landschaften mit wenigen Labiola-Flächen. Auch auf der Ebene einzelner Flächen zeigt sich eine positive Wirkung auf die Heuschrecken: Labiola-Flächen weisen insgesamt mehr Arten und höhere Dichten auf als Biodiversitätsförderflächen mit Standardbewirtschaftung. Bei den UZL-Arten ist der Labiola-Effekt besonders deutlich. Auf Labiola-Flächen kommen rund sechsmal mehr spezialisierte Arten vor als auf Standard-Biodiversitätsförderflächen. Die grösste Heuschreckenvielfalt wurde auf Magerwiesen, Streuflächen und Fromentalwiesen mit jeweils hoher botanischer Qualität gefunden. Diese hochwertigen Flächen mit besonders schonender Bewirtschaftung tragen damit zur Erhaltung seltener und spezialisierter Arten bei.
Heuschrecken fördern
Die Ansprüche der Heuschrecken an ihren Lebensraum unterscheiden sich hinsichtlich Dichte, Höhe und Vielfalt der Vegetation. Für die Gemeine Sichelschrecke ist beispielsweise wichtig, dass Sträucher vorkommen, in die sie ihre Eier ablegen kann. Die Grosse Goldschrecke ist für die Eiablage auf Pflanzen mit markhaltigen Stängeln angewiesen, die über den Winter bis in den nächsten Frühling stehen bleiben. Die Art profitiert davon, wenn die Rückzugsstreifen beim Emdschnitt am selben Ort belassen werden.
Weitere Labiola-Massnahmen, von denen Heuschrecken profitieren, sind Wiesenbrachen, Gebüschgruppen in Wiesen und Weiden sowie die faunaschonende Futterernte.
Was zirpt denn da? – Zwei "Heugümper" im Portrait
Hervorgehoben:Artenvielfalt unter den Heuschrecken
Das Zirpen der Heuschrecken prägt den Klang der Landschaft. Im Laufe der Jahreszeiten ändern sich die Gesänge.Anhand des Zirpens lassen sich die Arten eindeutig bestimmen. Die Färbung hingegen kann zwischen den Arten ähnlich und innerhalb einer Art sehr variabel sein. Die Laute werden durch das Reiben der Beine oder Flügel erzeugt. Als Sänger treten bei den meisten Arten die Männchen auf. Die Weibchen lauschen und folgen dem Gesang, um sich zu paaren.
Grosse Goldschrecke
Foto: Thomas Stalling
Die Art trägt zwar die Farbe «Gold» im Namen, zeigt jedoch viele Farbvari-anten. Neben grauen und grünen Individuen treten selten auch violett gefärbte Tiere auf. Die Grosse Goldschrecke gehört zur Gruppe der Kurzfühlerschrecken. Sie bevorzugt feuchte Lebensräume wie Riedwiesen, Moorflächen, Gräben und Uferbereiche mit hochwüchsiger Vegetation. Diese nutzt sie auch zur Eiablage: Ab dem Frühsommer stechen die Weibchen ihre Eier in markhaltige Stängel ein. Die Larven schlüpfen erst im April des Folgejahres.
Die Gemeine Sichelschrecke gehört zur Gruppe der Langfühlerschrecken. Als gute Fliegerin besiedelt sie rasch neue Lebensräume. Ideal sind trockene Standorte wie Magerwiesen und -weiden mit Buschwerk, Rebberge, Böschungen und Ruderalflächen. Die Weibchen heften ihre Eier an die Blätter von Sträuchern. Strukturreiche Labiola-Flächen mit Gebüschgruppen sind deshalb besonders geeignete Lebensräume für diese Art.