Unverständliche Zerstörungswut
Zahlreiche Steine durchschlugen die Fenster der Kapelle St. Ludwig in Turgi. Mit herbeigeschleppten, schweren Eisenstangen wurde auf die Kapelle eingeschlagen. Kerben in der hölzernen Eingangstür und herausgebrochene Bruchstücke in den steinernen Gewänden um die Fenster und Türen zeugen davon. So hoch die Eisenstangen reichten, wurden die historischen Glasmalereien der Kapellenfenster zerstört.
Fast verborgen, auf einer kleinen Waldlichtung zwischen den Gleisen der SBB und der Limmat, liegt die Grab- und Friedhofskapelle St. Ludwig. Die Geschichte dieses kleinen Sakralbaus ist eng mit dem Werdegang der Gemeinde Turgi verbunden. Die Landzunge in der Flussschlaufe bei Turgi war unbewohnt, bevor die Zürcher Brüder Bebié in den Jahren 1826-1828 dort eine Baumwollspinnerei gründeten. In der Folge wurde neben den Fabrikbauten eine Arbeitersiedlung mit Fabrikantenvillen, Verwaltungsgebäuden, Kosthäusern und einem Schulhaus errichtet. 1845 errichteten die Gebrüder Bebiè die erste Holzbrücke, 1856 folgte der Bahnhof auf der Strecke Baden-Brugg. Die Entwicklung Turgis ist also eng mit der Familiengeschichte der Spinnereigründer und ihren Nachfahren verknüpft. 1894 verstarb der frühere Fabrikbesitzer Ludwig Kappeler-Bebié. Ihm und weiteren Verstorbenen aus den in Turgi ansässigen Industriellenfamilien ist die von seiner Tochter Matthilde erbaute Ludwigskapelle gewidmet. Die Ostseite der Kapelle ziert die Grabstätte von Matthilde Kappeler-Bebié in Form eines Engels aus weissem Marmor.
Eine authentisch überlieferte Gedenkstätte
Die Kapelle St. Ludwig ist eine historische Perle. Seit ihrer Errichtung im Jahr 1894 hat sie sich in weitgehend unverändertem Zustand erhalten. Ihr Inneres zeigt reiche Dekorationsmalereien und der originale Plattenboden wurde erst kürzlich mit viel Herzblut durch Mitglieder der Kirchgemeinde in Absprache mit der Kantonalen Denkmalpflege freigelegt. Zur originalen Ausstattung gehören auch der Altar mit dem Ölbild des Christusknaben unter einem reich geschnitzten, neugotischen Baldachin sowie die im Boden eingelassene Grabplatte des früheren Fabrikbesitzers Louis Kappeler-Bebié. Als besondere Zier können die Glasfenster gelten. Die neugotischen Glasmalereien mit ihrer kräftigen Farbigkeit, der feingliedrigen architektonischen Rahmung und der feinen, schablonenhaft aufgetragenen Ornamentik sorgen für eine ruhige und besondere Stimmung im Kapelleninnern.
Zerstörung ohne Sinn
Bisher bleibt im Dunkeln, weshalb die beiden Jungen im zarten Grundschulalter die Kapelle derart traktierten. Als blosser Kinderstreich kann es nicht mehr gelten. Es bedurfte auf jeden Fall Zeit und Kraft, um beide Fenster der Nord- und Südfassade derart gründlich zu zerstören, zumal die historischen Glasmalereien mit einer Schutzverglasung versehen waren. Auch diese musste erst zerbrochen werden, um an die historischen Gläser zu gelangen.
Immerhin blieben die oberen Fensterbereiche mit dem dekorativ gestalteten Masswerk aufgrund der mangelnden Reichweite von der Zerstörung verschont. Im unteren Fensterbereich ist die Verwüstung indes derart gründlich, dass eine Restaurierung der historischen Gläser unmöglich ist – zu kleinteilig und zerstreut sind die hinterlassenen Bruchstücke. Der Schaden ist insgesamt beträchtlich und mehrere Gewerke sind in dessen Behebung involviert. Die Fensteröffnungen mussten provisorisch verschlossen werden, um das Kapelleninnere vor Witterungseinflüssen zu schützen. In der Umgebung wurde gemäht, um die zahlreichen Glassplitter, die teils im Boden steckten, zu entfernen. Der Fussboden und die Marmor-Grabplatte wurden gereinigt.
Eine Begutachtung mit dem Steinmetz ergab, dass Schäden am Stein teils reprofiliert und lose Stellen gesichert werden müssen. Der Grossteil der Aufwendungen geht auf die Arbeit der Glasmalerin zurück. Die erhalte Bleiverglasung muss aus dem Fensterfalz entnommen werden. Lose, grössere Glasstücke müssen zugeordnet und repariert werden. Die feinen Bleiruten, welche die bunten Glasscheiben zusammenhalten, sind so verbogen und gebrochen, dass sie neu geschaffen werden müssen, ebenso wie ein Grossteil der bemalten Glasscheiben selbst. Nach dem Wiedereinbau soll eine modernere Schutzverglasung mit Verbundsicherheitsgläsern die Glasmalereien vor weiteren mechanischen Einwirkungen schützen (Heiko Dobler).