Ausbildung für den Ernstfall
Zu den weniger bekannten Aufgabenbereichen der Denkmalpflege gehört der Kulturgüterschutz (KGS). Wesentlicher Bestandteil ist die Ausbildung der für den Kulturgüterschutz verantwortlichen Personen. Jährlich wird der zweiwöchige Kaderkurs Gruppenführer Kulturgüterschutz und der einwöchige Zusatzkurs Kulturgüterschutz im Zivilschutzausbildungzentrum Eiken durchgeführt. Die Leitung der Kurse verantwortet die Sektion Ausbildung Zivilschutz und die Kantonale Denkmalpflege.
Ausbildungskurse Fachspezialisten KGS
Gestützt auf das Bundesgesetz über den Schutz der Kulturgüter bei bewaffneten Konflikten, bei Katastrophen und in Notlagen (2014) und das aktuell geltende Bevölkerungsschutz- und Zivilschutzgesetz Aargau (2006) finden alljährlich die entsprechenden Ausbildungskurse der Fachspezialisten im Bereich Kulturgüterschutz statt. Die Leitung der Kurse verantwortet die Sektion Ausbildung Zivilschutz in der Abteilung Militär und Bevölkerungsschutz.
Die Kantonale Denkmalpflege hat die Fachverantwortung für den Lerninhalt und die Durchführung der Fachschulung im Rahmen der Ausbildungskurse. Ziel dieser Kurse ist unter anderem, dass die Teilnehmer die Grundlagen des Kulturgüterschutzes kennen, selbständig Inventare von Kulturgütern erstellen können, Fachwissen bezüglich Sicherungs- und Konservierungsmassnahmen von Kulturgütern umsetzen können, im Bereich der lokalen Kulturgüter und ihrer Erhaltung sensibilisiert werden und über die Zusammenarbeit des KGS mit Kulturinstitutionen und Partnerorganisationen orientiert sind.
Objektinventarisation
Im Laufe der intensiven Ausbildungskurse lernen die Teilnehmer drei verschiedene Kulturinstitutionen mit wertvollen Kulturgütern kennen: ein Museum, ein Archiv sowie eine Kirche. Im Fricktaler Museum in Rheinfelden (AG) bekommen die Teilnehmer durch die Museumsleitung einen Überblick über das Gebäude sowie die Sammlung und die zugehörigen Depoträumlichkeiten. Im Rahmen einer Übungssequenz müssen die Zivilschutzangehörigen eigenständig Kulturgüter erfassen und priorisieren und die Prozesse definieren, wie jene im Ereignisfall zu evakuieren sind.
Zusammenarbeit mit anderen Kulturinstitutionen
Mit dem Staatsarchiv Aargau und dem Stadtarchiv Aarau lernen die Teilnehmer weitere Kulturinstitutionen kennen, die wertvolle Kulturgüter bewahren. Auch hier werden sie für das Objekt sowie die darin enthaltenen Kulturgüter sensibilisiert und dürfen mit der bereits existierenden Notfallplanung üben, sich im Ernstfall schnellstmöglich zu orientieren. Weiter vertiefen Sie im Bereich Konservierung ihre Kenntnisse in der materialgerechten Handhabung von archivalischen Quellen und Schriftgut und im Erkennen von Schadensbildern.
Beispiel Herznach
Das Erstellen eines Kulturgüterschutz-Inventars üben die Kursteilnehmer auch in der überregional bedeutenden röm.-kath. Pfarrkirche in Herznach. Die angehenden KGS-Spezialisten erhalten einen fundierten Überblick über die Geschichte der Kirchengruppe und deren besondere Ausstattungsstücke und erstellen im Anschluss daran eigenständig eine KGS-Dokumentation.
Feuerwehrlaufkarten
Wesentlicher Bestandteil einer Kulturgüterschutz-Einsatzdokumentation sind die sogenannten Feuerwehrlaufkarten, die im Ernstfall dafür gedacht sind, der Feuerwehr eine Handhabe zu geben, die Kulturgüter zu identifizieren und – falls überhaupt noch möglich – aus der Kirche zu evakuieren. Für diesen Zweck finden sich Informationen wie Standort, Befestigung, Material, Gewicht, Grösse, Handhabung und der direkte Weg zum Objekt beziehungsweise der schnellste Weg zur Bergung in ein sicheres Notdepot auf den Laufkarten. Dies ist insofern von Bedeutung, da im Brand- oder Ereignisfall nur noch die Feuerwehr das Objekt, nach eigenem Ermessen, betreten darf. Die Spezialisten des Kulturgüterschutzes nehmen die Kulturgüter an einer im Vorfeld definierten Kulturgüterschutz-Sammelstelle in Empfang, um jene im eigens erstellten Notdepot fachgerecht zu erfassen, verpacken und für den Transport in das Notlager oder Kulturgüterschutzraum vorzubereiten.
Die enge Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Kulturgüterschutz ist von grosser Bedeutung im Ereignisfall und so ist auch der Besuch durch eine Fachperson aus den Reihen der Feuerwehr Teil des Ausbildungsprogramms. Der Fokus liegt hier auf dem Kennenlernen der beiden Partnerorganisationen und in diesem Zusammenhang dem Verständnis der Denk- und Funktionsweisen beider Bereiche.
Vorbereitung für den Ernstfall
Die angehenden Kulturgüterschutzspezialisten lernen im Rahmen ihrer Ausbildung nicht nur, wie sie die historisch wertvollen Objekte auf den Ernstfall vorbereiten, sondern auch, was im Ernstfall zu tun ist und wie die Kulturgüter fachgerecht erfasst, dokumentiert und verpackt werden. Kann die Feuerwehr im Ereignisfall Kulturgüter aus einem Gebäude retten, werden diese am Schadensplatz dem Zivilschutz übergeben (Sammelstelle und Notdepot).
Prozessstrasse
Aus diesem Grund lernen die Zivilschützer, wo sie sinnvollerweise ihre sogenannte Prozessstrasse am Schadensplatz aufstellen, ohne dabei anderen Blaulichtorganisationen in der Erfüllung ihrer Aufgaben zu behindern oder sich selbst in Gefahr zu bringen. Sie lernen, was die wesentlichen Elemente einer Kulturgüterschutz-Prozessstrasse sind: eine „Strasse“, die mehrere Arbeitsschritte beinhaltet. Einen Ort, an dem die Kulturgüter gesammelt werden, getrennt nach ihren Schadensbildern (Triage nach verbrannt, trocken, feucht, nass, …).
Weiter gehören folgende Stationen zu einer Prozessstrasse: Dokumentation, möglicherweise eine erste Reinigung, schadensbildabhängige Verpackung (nasse Schriftstücke werden zum Beispiel möglichst schnell gefriergetrocknet, um sie später fachgerecht restaurieren zu können) und schliesslich eine Station, an der die Kulturgüter für den Weitertransport vorbereitet werden. Dies kann ein Kühllager sein, ein Restaurierungsatelier oder einfach vorerst eine gesicherte und nicht kontaminierte Lagerhalle.
Evakuationsübung
Zu Übungszwecken müssen die Teilnehmer in beiden Kursen unter möglichst realen Bedingungen eine Prozessstrasse für die Handhabung von mobilen Kulturgütern errichten, sich Gedanken darüber machen, wie und wo der Aufbau im Verhältnis zum betroffenen Gebäude am meisten Sinn ergibt und welche Stationen sie in welcher Reihenfolge benötigen, um einen effizienten und dem Objekt gerechten Arbeitsablauf ermöglichen zu können.
Die Teilnehmer schlüpfen für einen Moment auch in die Rolle der Feuerwehr und erhalten Feuerwehrlaufkarten, die der Ausbildungsleiter Zivilschutz in Zusammenarbeit mit der Kantonalen Denkmalpflege vorbereitet hat. Mit diesen müssen sie selbst Kulturgüter aus einem Gebäude evakuieren. Durch diese Übung lernen sie die richtige Handhabung von Kulturgütern verschiedener Materialität und mit unterschiedlichen Schadensbildern, werden für Details sensibilisiert und erkennen selbst, welche Details auf Feuerwehrlaufkarten für die Evakuation von Kulturgütern relevant sind.
Nach erfolgreichem Abschluss der breit gefächerten Ausbildung ist zu hoffen, dass die neuen Kulturgüterschutzspezialisten ihr Wissen in der Erstellung von KGS-Dokumentationen und Einsatzplanungen zur Rettung bedrohter Kulturgüter nur präventiv und nie in einem tatsächlichen Katastrophenfall anwenden müssen. Der Film "Notre-Dame in Flammen" von Jean-Jacques Annaud (2022) zeigt eindrücklich, was Kulturgüterschutz im Katastrophenfall bedeutet. (Loretta Röhrs, Jonas Kallenbach)