Ein Beitrag in Sachen Schaufensterkultur
Die Erdgeschosszonen unserer Altstädte wandeln sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Nutzung in besonderem Masse. So verändert sich häufig auch das äussere Erscheinungsbild der Eingangsfronten und damit räumlich verbunden die Wirkung des Gassenraumes. Auf der Grundlage einer Bildquelle wurde am historischen Gasthof zum Gelbhorn ein altstadtspezifischer und zugleich zeitgenössischer Eingriff vorgenommen, der eine nähere Betrachtung mehr als verdient.
Über das Gasthaus Hörnli, oder wie es früher hiess "zum Gelbhorn", war bis zu den jüngsten bauarchäologischen Untersuchungen kaum etwas bekannt. Heute kann aufgrund der Bauforschung mit Sicherheit gesagt werden, dass der Kernbau des Hauses 1559 anstelle eines abgebrannten, vermutlich hölzernen Vorgängerbaus errichtet wurde. Trotz der dokumentierten baulichen Veränderungen vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ist ein grosser Teil der historisch wertvollen Bausubstanz erhalten geblieben. Die noch laufenden Renovationsarbeiten in den Obergeschossen sind vielversprechend, so dass die Denkmalpflege sicher demnächst wieder über dieses Objekt berichten wird. Aktuell soll das Erdgeschoss mit der neu gestalteten Fensterfront im Mittelpunkt stehen.
Eigentlich historische Schaufensterpartien sind nur noch selten überliefert. Dabei handelt es sich um eine Sonderform des Fensters, die dazu dient, Waren auszustellen oder auf ein Angebot aufmerksam zu machen. Ihre Urform geht auf einen hölzernen Laden zurück, der nach oben oder unten geklappt werden konnte. Der hochgeklappte Laden markierte gleichzeitig die Ladenöffnungszeiten und bot Schutz vor der Witterung. Die umgangssprachliche Redewendung "der Laden hat geöffnet" weist noch heute auf diese Tradition hin.
Im Mittelalter war Glas als Verschluss für solche eher gross dimensionierten Öffnungen im Profanbereich eher selten. Abhängig von der Glasherstellung waren grossformatige, transparente Gläser im Mittelalter nicht möglich. Kleinere Fensterformate mit Butzenscheiben waren indes kaum geeignet, eine eventuell hinter der Verglasung gelagerte Ware zu präsentieren.
Die Typologie des Schaufensters ist somit eng mit der technischen Entwicklung der Glasherstellung verbunden. Mit relativ glattem und durchsichtigem Tafelglas konnten ab dem 17. Jahrhundert immerhin grossflächigere, mit Sprossen verbundene Fenster gestaltet werden. Der eigentliche Siegeszug des Schaufensters begann jedoch erst im 19. Jahrhundert. Ab diesem Zeitpunkt konnten auch grossflächige Verglasungen mit hoher Transparenz hergestellt werden. Durch den Einsatz von Metallkonstruktionen ergaben sich auch architektonisch neue Möglichkeiten, Schaufensterfronten gezielt und repräsentativ zu gestalten.
Daraus entwickelte sich eine eigene Kunstform. Im Historismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstanden regelrechte "Tempelfronten", die durch ihre reiche Gestaltung beste Werbung für die darin präsentierten Waren boten. Auch das Gasthaus Hörnli dürfte Ende des 19. Jahrhunderts eine repräsentative Eingangsfassade erhalten haben, wovon noch eine Postkarte von 1911 bildlich zeugt.
Mit neuen technischen Möglichkeiten und dem starken Wandel der Erdgeschossnutzungen in den historischen Städten wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts die Schaufenster immer wieder angepasst. Der Fokus lag dabei mehr auf der Ware oder der Werbung und weniger bei der rahmenden Schaufenstergestalt. So bilden heute häufig nur noch einfachste Verglasungen den rein technischen Abschluss, und die Verglasung wird zum Träger von Klebefolien und Leuchtreklamen zur Absatzförderung der ansässigen Nutzung. Kurz gesagt, die Schaufenstertradition liegt seit einigen Jahrzehnten tendenziell im Argen.
Auch das Hörnli hat wohl in den 1950er Jahren seine repräsentative Front verloren. Im Rahmen der aktuellen Umbauten wollten der Bauherr Bernd Reichert und der Architekt Benedikt Zweifel aus Zürich unter anderem die gassenseitige Fassade mit dem Eingang des dort geplanten spanischen Restaurants wieder aufwerten. Historisch relevante Bausubstanz wurde dabei nicht tangiert, die glücklicherweise überlieferte Postkarte konnte zudem als Inspirationsquelle dienen.
Die Denkmalpflege liess sich somit sehr leicht überzeugen. Dass die Eingangsfront nicht einfach auf Basis der Bildquelle rekonstruiert wurde, entsprach auch einem denkmalpflegerischen Ansatz zur Fortführung einer in Schieflage geratenen Schaufenstertradition. Die traditionelle Formensprache mit Sockel, Gesims, Pilastern und Diamantquadern in den Füllungen wurde in einem traditionellen Baumaterial (Eiche) gefügt, und mit einer ausgesprochen modernen Herstellungsweise verknüpft.
Die mit einer CNC-Fräse eingefrästen Einkerbungen ergeben ein verblüffend vertrautes Bild. Anstelle einer gestemmten Holzkonstruktion mit klassischen Diamantquadern erzeugen Licht und Schatten die gewünschte Wirkung. Die Verglasung ist wie beim historischen Vorbild zweigeteilt, wobei der untere Teil der Verglasung nach oben geschoben werden kann. Eine entsprechend gestaltete Beleuchtung und hochwertige Beschläge runden das Gesamtbild ab. Das von einem Kunstschlosser restaurierte und neu vergoldete Wirtshausschild mit dem "Gelbhorn" thront nun wieder über einer dem Gasthaus würdigen und baukulturell wertvollen Eingangsfront.
Nicht nur das Gasthaus, sondern auch der angrenzende Gassenraum profitiert von diesem Eingriff. Dass diese Arbeit mit dem Prix Lignum als eine der besten Schreinerarbeiten des Jahres 2024 ausgezeichnet wurde, ist mehr als verdient.
Mit dem Einzug des spanischen Restaurants "Don Jose" wird ein historisches Gasthaus in bestem Ambiente wiederbelebt. Die noch vor wenigen Jahren totgesagte Bäderstadt macht damit einen weiteren wichtigen Schritt und entwickelt sich immer mehr zu einer beliebten Gastromeile der Stadt Baden, ganz im Sinne der jahrhundertealten Bäder- und Kurtradition. (Heiko Dobler)