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Bruno Benz, Freiwilliger von Bibliothek und Archiv Aargau
Seit 2024 transkribieren und erforschen Freiwillige von Bibliothek und Archiv Aargau und Museum Aargau gemeinsam den Briefwechsel von Julie von Effinger (1837–1912), der letzten Bewohnerin von Schloss Wildegg. In redaktionellen Beiträgen teilen sie ihre persönlichen Gedanken und Recherchen zu den Inhalten und Themen der Briefe. Dieser Artikel eröffnet Einblicke in Julie von Effingers geschäftige Sommertage.
1861 – Julie von Effinger ist 22 Jahre alt.
Das Leben auf Schloss Wildegg ist für Julie anstrengend. Es gibt viele standesgemässe Verpflichtungen. Die Effingers sind bedeutende Geschäftsleute und pflegen Kultur. Viele Personen kommen auf Besuch und Kontakte müssen gepflegt werden. Zu Fuss, zu Pferd, mit Kutsche und Bahn ist Julie fast täglich unterwegs.
Am 12. Juni 1861 wird Julie alles zu viel: Die Texte sind auf Französisch geschrieben.
… Ich musste trotz der Erdbeertörtchen zum The spielen. Um 8 Uhr [abends] begleitete ich unsere Gäste mit meinem Vater und Chereli zum Bahnhof. Ihr Besuch war sehr angenehm, wenn auch etwas anstrengend durch die Hetzerei. Ich glaube, wir dürften hier in Wildegg nicht friedlich sterben, sondern müssten wieder aus dem Grab auferstehen, um Besucher zu empfangen. Im Sommer sollte man am Schlosseingang ein Schild mit der Aufschrift „Hier ist eine Sommerwirtschaft“ anbringen. Wenn man so viele Leute sieht, hat man keine Zeit, die Menschen zu genießen, die einem Freude bereiten. Ich mag Fräulein Trümpler; sie ist sehr aufgeschlossen und hat immer Gesprächsthemen parat.
Wenn wir nun Schloss Wildegg besichtigen stellen wir uns vor: Anstatt ein "Herzlich Willkommen", sollte also ein grosses Plakat vor dem Eingang hängen: "Wir sind für Ihr Wohlbefinden aus dem Grab gestiegen".
Das Tagebuch hat im Monat Juni wirklich sehr viele Termine, täglich ist etwas zu unternehmen.
Mitleid muss man mit dem jungen Fräulein natürlich nicht haben, schliesslich ist sie reich und muss nicht arbeiten. Sie ist auch nicht durch einen Mann angebunden; natürlich hat der Vater das Sagen.
Lesen wir die Notizen einiger Tage:
Schönes Wetter. Herr Rabes Unterricht [Gesang und Musik]war von 9:00 bis 12:00 Uhr, eine Wohltat gegen meine Kopfschmerzen. Die Imhof-Kinder sind den ganzen Tag draussen. Die kleine Fanny ist freundlicher und gehorsamer als Anna; letztere wirkt launisch und eigensinnig.
Schönes Wetter. Es war unerträglich heiss. Um 11 Uhr war das Dîner, damit wir nach Baden fahren konnten, wo meine Mutter und ich einige Besuche abstatten wollten, während mein Vater und Frl. d'Etienne zurückblieben, um Frau Imhof Gesellschaft zu leisten. Die Hitze war während der Fahrt und auch in Baden, wo es immer so heiss ist, erdrückend. Als das Dîner fast beendet war, liessen wir unsere Ankunft bei den Forer‘s und Frau Phené ankündigen, die uns sehr herzlich empfingen. Frau Phenés Zimmer bietet Blick auf den Eingang des [Hotel ]Schiff von wo aus ich die Suite der Herzoginnen von Parma und Berry erblicken konnte. Meine Mutter sah sie persönlich aus der Kutsche steigen, während Herr und Frau Forer einkaufen waren. Um 6 Uhr boten sie uns Nachmittagstee an und begleiteten uns drei um 8 Uhr zum Bahnhof. Wir waren kurz im Stadthof [Hotel]gewesen, um die Fräuleins Iselin zu besuchen, die dort mit ihrem Vater weilten; Ihr herzlicher Empfang ließ mich kaum glauben, dass wir uns zehn Jahre nicht gesehen hatten. Sie haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis und sind sehr angenehme Gesprächspartner.
Schönes Wetter. Ein relativ ruhiger Tag. Ich erhole mich langsam von meinen Beschwerden, bin aber Tag und Nacht müde und habe immer noch Kopfschmerzen; abends bin ich meist zu unruhig, um gleich einzuschlafen. Ich stehe um 6:00 Uhr auf und serviere um 7:30 Uhr das Frühstück, aber da Fräulein Imhof nicht sofort erscheint, verlieren wir beim Essen viel Zeit. Die Kinder sind ziemlich quengelig und gierig am Tisch; wir versuchen, sie im Zaum zu halten, was ihre Mutter uns erlaubt.
Schönes Wetter. Abends ein kurzer Regenschauer. In Möriken erlebte ich eine recht erbauliche Predigt, zu der mich Frl. d'Etienne [Erzieherin] begleitete. Der Pfarrer schien seinen Text gut studiert zu haben und untermauerte ihn mit zahlreichen Bibelstellen. In Lenzburg fand ein Musikfestival statt, bei dem sich alle Männerchöre des Kantons zum gemeinsamen Singen in der Kirche versammelten. Da Madame Imhof uns begleiten wollte, mussten wir warten, bis der kleine Max wach und satt war, bevor wir aufbrechen konnten. So kamen wir mitten im Konzert an. Glücklicherweise hatte Herr Rabe uns dank eines grossen Gefallens Plätze reserviert, die uns ein Komiteemitglied mit grossem Getue und Lärm zuwies und uns den Weg durch die Menge freimachte. Ein von Herrn Rabe komponiertes Stück, aufgeführt vom gesamten Chor, fand allgemein großen Anklang; es waren 1600 Sänger mit ihren Fahnen anwesend. Ich fühlte mich etwas unwohl, darum fächelte ich mir ständig Luft zu. Überall wurden wir zum Tee eingeladen, doch nachdem der Festzug passiert hatte, fuhren wir mit der Kutsche nach Hause. Frau J. [Imhof] hatte ihr Baby zu Hause gelassen. Dort trafen wir Frau Wespi, die Näherin, die Besuch von ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn Fritz bekommen hatte, dem man einen kleinen Imbiss gab. Frau Wespi wird morgen unsere Garderobe fertig sortieren. …
Oder noch ein anstrengender Tag eine Woche vorher: am 4. Juni 1861:
Schönes Wetter. Ein sehr anstrengender Tag. Herr Flügel [Pferdedompteur] kam nach dem Dîner an, also ging es von vorne los. Er begann sofort, uns seine ganze Geschichte zu erzählen, die die Familie Tronchin in Verruf bringt und uns deutlich zeigt, wie sie sich von solchen Leuten hatte täuschen lassen. Mein Vater blieb zurück, um Herrn Flügel Gesellschaft zu leisten, während wir die Ärzte besuchten, Frau Jenny Hunerwadel wegen der Hochzeit ihrer Nichte, Fräulein Saxer mit Herrn Schlumberger und anschließend Lenzburg. Von dort aus bestiegen Fräulein d'Etienne und ich vergeblich in der brütenden Hitze das Schloss. Anstatt gleich wieder zurückzugehen, ging ich zu Frau Elise Laué hinunter und erreichte unser Schloss erst nach den Damen. Gross war meine Überraschung, als ich Heini auf mich zulaufen sah und hörte, wie er sagte, dass Herr de Diesbach und Adele auf uns warteten. Sie waren zu Pferd gekommen und hätten uns in Niederlenz beinahe getroffen. Ich hatte nur wenige Augenblicke Zeit mit meiner Freundin vor dem Tee. Die Pferde waren zu erhitzt zum satteln, und zu meinem grossen Bedauern mussten wir unsere Gäste gegen 20 Uhr gehen lassen, ohne sie zu begleiten. Adele ritt auf dem Pony und war nach dem Ausflug am Nachmittag sicher erschöpft. Dieser Besuch verging wie im Flug, und ich kann es kaum glauben, dass er wirklich war. Nachdem ich Adele begleitet hatte, hielt ich auf dem Bauernhof an, wo mir die kleine Lisebeth große Zuneigung entgegenbrachte. Herr Flügels Anwesenheit stört mich ein wenig.
Julie besuchte fast jeden Sonntag die Predigt, an vielen Sonntagen leitete sie am Nachmittag zwei Stunden Sonntagsschule mit den Kindern. Waschtage dauerten drei Tage.
Überraschende Besuche waren nicht so erwünscht. Die Etikette musste eingehalten werden und so schnell waren die Frauen auch nicht an- und umgekleidet wie heute. Das Kochen war bei den damaligen Möglichkeiten auch eine Herausforderung an Zeit und vorhandenen Waren.
Abschliessend kann ich schreiben: Für diesen Blog musste ich mich nicht aus dem Grab erheben; aber schon um zwischendurch Kaffee zu behändigen.
Bruno Benz, Freiwilliger von Bibliothek und Archiv Aargau