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Fritz Hertach, Freiwilliger von Bibliothek und Archiv Aargau: Sammlung sichtbar machen
Beitrag zum grossen Schiffsunglück von Brugg AG im Rahmen des Fokusthemas "Wahrheit oder Lüge".
Als der Tod auf der Aare mitfuhr: Das grosse Brugger Schiffsunglück von 1626 erschütterte die ganze Region. Am frühen Morgen des 1. September 1626 herrschte in der Stadt geschäftiges Treiben. Wie jedes Jahr wollten zahlreiche Menschen per Schiff zur bekannten Zurzacher Messe reisen – einer der bedeutendsten Handels- und Jahrmärkte der damaligen Eidgenossenschaft. Niemand ahnte, dass diese Fahrt in einer der grössten Katastrophen der Aargauer Geschichte enden würde.
Die vier Brugger hatten mehrere Frachtkähne, der besagte war einer davon, alt und morsch. Da man um den schlechten Zustand wusste, wurde am Vorabend neu zusammengenagelt und mit Lappen gestopft. Es gab warnende Stimmen, die aber in Anbetracht des lockenden Zurzachs in den Wind geschlagen wurden. Das Schiff sollte mit seiner letzten Fahrt noch viel Geld einbringen: "Viel Leut, viele Batzen!", meinte Stadler. Die Fahrt kostete pro Person einen Batzen.
Der Kahn wurde früher lange Zeit für Salz- und Korntransporte eingesetzt. Es herrschte Getreidemangel wegen nasser Ernte und dadurch bedingt eine Teuerungswelle. Getreide wurde vermischt mit gutem Korn und mit Profitgier der Transportunternehmer gehandelt. Es war mitten im Dreissigjährigen Krieg, zugleich wütete die Pest an einigen Orten.
Die vier einheimischen Transportunternehmer waren der "ehrbare Kleinrat" Hans Ulrich Stadler, der "ehrbare Grossrat" Hans Schneidler und der "rabiate Schiffsmann" Hans Dägerfeld. Der jüngste Schiffmann war Hans Jakob Zimmermann, er hat später bis zuletzt auf dem Schiff ausgehalten.
Da es zu dieser Zeit noch keine Tageszeitungen gab, um Veranstaltungen anzuzeigen, wurden sogenannte Flugschriften oder Einblattdrucke verteilt.
Trompetenklänge und Ausrufer künden an: "Morgen früh fährt das Marktschiff nach Zurzach. Wer an den Verenamarkt nach Zurzach will, der möge sich morgen früh zwischen 4 und 5 Uhr zur Schifflände zur Eröffnung des Zurzacher Herbstmarktes einstellen!"
Aus Brugg und Umgebung hatten sich rund 200 Personen eingefunden, im Nebel, unterhalb der "Schiffmühle".
Der Landweibel Huber von Königsfelden erkannte die Gefahr, dass der Kahn aus den Fugen krachte. Vor dem Auslaufen wollten einige deshalb wieder aussteigen. Dägerfeld aber machte dem Hadern Schluss und stiess das Schiff ab.
Dabei fiel bei der ersten Strömung der Vorderteil krachend in Trümmer und der Schiffsmann mitsamt der Ruderbank ins Schiff zurück. Das Wasser drang schwallweise über die Ränder ein.
Ein zu spät Kommender bemerkte die "Hülfio-Rufe", sputete zurück und liess das Wassernotglöcklein läuten. Bewohner eilten zur Aare und fanden sechs Personen, die sich selbst hatten retten können. Das Schiff trieb die Aare abwärts, verschwand im Nebel.
Ratsherr Schneider und seine Frau versanken beide. Stadler nahm seinen Geldsack, der ihn mit in die Tiefe riss. Viele, die keinen Halt mehr hatten, gingen unter.
Gegenüber der seichteren Reussmündung konnten sich Dägerfeld und einige Leute retten. Dägerfeld lief bald seinen Häschern in die Hände.
Die Zahl der Personen wurde immer weniger. Einige sprangen gegen den Geissenschachen, die Strömung riss sie jedoch in den Fluss zurück.
Der Brugger Dekan Benedikt Rau, ein pfälzischer Prediger, spendete auf dem untergehenden Schiff Trost und wurde selbst Opfer. Schulmeister Hans Heinrich Clarin aus Brugg sowie Benedikt Rau konnten schwimmen und retteten sich zuerst ans Ufer. Sie stürzten sich aber zur Rettung ihrer Gattinnen ins Wasser zurück und ertranken alle.
Michael Clarin, Pfarrer von Brugg, wurde selbst durch das Unglück schwer getroffen: Er verlor seinen Sohn, Hans Heinrich Clarin mit Frau, und seine Tochter Maria, welche beim Isteiner Klotz (D), 80 Kilometer weiter flussabwärts aus dem Rhein gezogen wurde. Hans Heinrich Clarin stürzte sich noch in die Fluten um seine Frau zu retten, aber vergeblich.
Der junge Schiffer Hans Jakob Zimmermann hielt sich tapfer. Er gab ruhig Anweisungen an die Verzweifelten und verblieb bis zuletzt auf dem Schiff. Er wollte das morsche Boot an die Lauffohrer Platte lenken, wo ein Teil des Bootes durch eine Welle über zwanzig Leute aus dem Boot ins nasse Grab riss, auch Benedikt Rau und seine Frau.
80 Menschenleben ertranken [andere Quellen bis zu 100];
darunter 47 aus Brugg stammend [andere Quelle 51].
In Brugg wurden 90 Kinder zu Voll- oder Halbwaisen und trauerten um ihre Eltern. Auf der Aare und dem Rhein fand man während Wochen noch entkleidete Leichen, die ihrer Habseligkeiten beraubt, wieder zurück in Fluss geworfen worden waren.
Über die strafrechtlichen Folgen dieses Unglücks ist leider nichts aktenkundig. Zimmermann war eine Zeit lang landesflüchtig und für den Rest seines Lebens verbittert. Auf Dägerfeld ruhte der Hass und die Verachtung der Schiffbrüchigen und der öffentlichen Meinung.
Eine in Liedform abgefasste Flugschrift "Neue Zeitung" wurde publiziert.
Das Schiff hat lang gedienet und solt Feyrabend han, war doch kein gnügen nienen: das Schiff mußt weiters dran. auff Zurzach ward es wider gricht, aber ein Tag zuvore hat man es zimblich geflickt.
Im Brugger Stadtarchiv liegt eine "Gründliche Beschreibung" des Unglücks mit unbekanntem Autor.
Für das damalige rund 900 Einwohner zählende Brugg sind die Verluste verheerend. Auf die heutige Bevölkerung von 15'310 Personen übertragen, entsprächen allein die 47 Brugger Opfer etwa 800 Menschen. Der Autor hat in Brugg eine Gedenktafel angeregt, wobei jetzt ein Standort gesucht wird.
Fritz Hertach, Freiwilliger von Bibliothek und Archiv Aargau: Sammlung sichtbar machen