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Trudi Engelhardt, Freiwillige von Bibliothek und Archiv Aargau: Sammlung sichtbar machen
Dieser Beitrag zum Leben und Wirken von Johann Heinrich Pestalozzi wurde im Kontext des Fokusthemas 2025 "Schulzeiten" erarbeitet.
Johann Heinrich Pestalozzi wird am 12. Januar 1746 in Zürich am Hirschengraben 10 geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters 1751 verbringt Pestalozzi viel Zeit bei seinen Grosseltern in Höngg – zu dieser Zeit ein Weinbauerndorf – und kommt dort das erste Mal mit dem Landleben in Kontakt.
Die Schulzeit erlebt Pestalozzi oft als unbefriedigend und hat Schwierigkeiten mit den damals herrschenden strengen Unterrichtsmethoden. Seine Mitschüler verspotten ihn wegen "seiner unangenehmen Gesichtsbildung, seiner ausserordentlichen Nachlässigkeit und Unreinlichkeit". Mit 17 Jahren wird Pestalozzi Student im Collegium Carolinum, der damaligen Hochschule in Zürich. Sein Ziel ist, Pfarrer zu werden.
Pestalozzi schliesst sich einer Vereinigung von Vaterlandsfreuden an, der das Wohl der Landbevölkerung am Herzen liegt. Er entschliesst sich, das Studium abzubrechen und im Sinne einer "Rückkehr zur Natur" von Jean-Jacques Rousseau, die Landwirtschaft zu erlernen.
Der Traum von einem eigenen Landwirtschaftsbetrieb erfüllt sich Pestalozzi mit dem Kauf von 15 Jucharten (1 Juchart sind 3600 Quadratmeter) Land im Birrfeld. Mit dem geliehenen Geld eines Verwandten baut er auf dem Gelände ein weitläufiges Gebäude: den Neuhof.
Pestalozzi und seine Frau Anna Schulthess (1738–1815), die er im September 1769 nach langem Widerstand ihrer Eltern geheiratet hat, ziehen in den Neuhof. Ein Jahr später kommt Sohn Jakob zur Welt.
Wegen schlechten Böden und vor allem aufgrund mangelnder Erfahrung hat Pestalozzi jedoch keinen Erfolg in der Landwirtschaft. Dazu kommt, dass er sich stark verschuldet. Anfangs der 1870er Jahre schreibt er Anna, die gerade in Zürich weilt: "...der Landvogt in Lenzburg möchte Geld, und ich hab keins."
Das Elend in den ländlichen Gegenden ist zu dieser Zeit sehr gross. 1774 nimmt das Ehepaar Pestalozzi daher die ersten verwahrlosten Kinder im Neuhof auf. Diese müssen in der Landwirtschaft und in der Hauswirtschaft mitarbeiten und bekommen dafür Nahrung, Kleidung, Bett und Bildung. Pestalozzi stellt die Kinder immer mehr in den Mittelpunkt und verwandelt seinen Landwirtschaftsbetrieb in eine Erziehungs- und Arbeitsanstalt für Kinder.
Die Kinder arbeiten an Webstühlen und in der Landwirtschaft. Pestalozzi versucht, die gewobenen Arbeiten in der Stadt zu verkaufen. In der übrigen Zeit bemühen sich Pestalozzi und seine Frau Anna, den Kindern Lesen, Rechnen und Schreiben beizubringen.
Der Neuhof steht von Anfang an nicht auf sicheren Füssen, finanzielle Probleme beschäftigen die Pestalozzis von Beginn an. Der Unterhalt des Hauses und der Ankauf der Lebensmittel ist teuer. Kurz glaubt Pestalozzi, dass sich doch noch alles zum Guten wendet, da seine Frau Anna Geld aus einer Erbschaft erhalten wird.
Doch das finanzielle Loch kann nicht mehr gestopft werden. Im Herbst 1780 verlassen die letzten Kinder den Neuhof.
Anna wird depressiv und verbringt viel Zeit bei ihrer Freundin Franziska Romana von Hallwil im Schloss Hallwil. Pestalozzi selbst stürzt in eine tiefe Krise. Der gemeinsame Sohn Jakob wird von der Kaufmannsfamilie Battier in Basel aufgenommen, die sich um sich um seine Ausbildung kümmert. In dieser für Pestalozzi äusserst schwierigen Zeit ermuntern ihn die wenigen verbliebenen Freunde, unter anderen Isaak Iselin und Caspar Füssli, seine Erfahrungen literarisch zu verwerten.
Durch das Verfassen von Aufsätzen über seine Erziehungsarbeit im Neuhof, die er in den "Ephemeriden der Menschheit" von Isaak Iselin veröffentlichen kann und Spenden kann er den Betrieb des Neuhofs finanzieren.
Pestalozzi beginnt zu schreiben und wird mit dem ersten Teil von "Lienhard und Gertrud: Ein Buch für das Volk" ein weit über die Landesgrenzen und das deutsche Sprachgebiet hinaus berühmter Autor. Im "Schwanengesang", dem letzten seiner Werke, schreibt er:
Lienhard und Gertrud', deren Geschichte mir, ich weiss nicht wie, aus der Feder floss, und sich von sich selbst entfaltete, ohne dass ich den geringsten Plan davon im Kopf hatte, oder auch nur einem solchen nachdachte. Das Buch stand in wenigen Wochen da, ohne dass ich eigentlich nur wusste, wie ich dazu gekommen.
Der Umsturz in Frankreich 1798 wird von Pestalozzi grundsätzlich begrüsst. Er wird von der Regierung zum Redaktor des "Helvetischen Volksblatts" ernannt. Der Übergang vom Staatenbund zum Einheitsstaat verläuft nicht ohne Schwierigkeiten, die Vertreter der Innerschweiz weigern sich, auf die neue Verfassung zu schwören. Die einmarschierten Franzosen wüten in Nidwalden und hinterlassen nebst enormem Schaden auch viele Waisen.
Pestalozzi wird die Aufgabe übergeben, in einem Nebengebäude des Frauenklosters Stans ein Waisenhaus aufzubauen und zu führen. Er hat allerdings nicht mit dem Widerstand der Bevölkerung gerechnet, die es ihm nicht verziehen hat, dass er die neue Regierung unterstützt hatte. Pestalozzi muss in ein halbfertiges Gebäude einziehen, da die nötigen Arbeiten zum Fertigstellen nicht gemacht wurden.
Mit grosser Begeisterung übernimmt Pestalozzi aber die Arbeit mit den Kindern. Davon hat er schon lange geträumt. Im Dezember 1798 trifft er, ohne seine Gattin Anna, in Stans ein. Am 14. Januar 1799 kann er das Haus eröffnen. Zusammen mit einer Magd betreut er bald darauf über 80 Kinder. Hier kann er alle seine pädagogischen Ideen, die er seit vielen Jahren entwickelt hat, anwenden.
Die positive Entwicklung der ihm anvertrauten Kinder bestätigt seine Methode. Da Pestalozzi sich weigert, weitere Lehrpersonen zu beschäftigen, überfordert er sich zunehmend.
Neue Kriegswirren beenden die Arbeit von Pestalozzi in Stans. Im Waisenhaus wird ein Lazarett für die vielen Kranken und Verwundeten eingerichtet. Am 8. Juni 1799 werden die Kinder, ausgerüstet mit Kleidung und ein bisschen Geld zu ihren Familien zurückgeschickt.
Pestalozzi, zutiefst verzweifelt ob der erneuten Niederlage, folgt der Einladung eines Freundes und erholt sich während einiger Wochen im Gurnigelbad. Dort schreibt er einen langen Brief mit seinen Stanser Erfahrungen, seinen pädagogischen Methoden und Konzepten an einen Freund, vermutlich an den Verleger Heinrich Gessner.
Dieser Brief wird 1807 das erste Mal unter dem Titel "Pestalozzi’s Brief an einen Freund über seinen Aufenthalt in Stanz" veröffentlicht.
Pestalozzi tritt eine Stelle als Lehrer in Burgdorf an. Auch dank tüchtigen Mitarbeitern fühlt sich Pestalozzi bald sehr wohl in Burgdorf und hat Erfolg mit seinen Methoden.
1801 wird in Zürich das Buch "Wie Gertrud ihre Kinder lehrte" gedruckt. Diese Schrift mit einer Anleitung seiner Erziehungsmethode stösst auf lebhaftes Interesse in der Gesellschaft.
Nach dem Tod von Pestalozzis Sohn Jakob 1801 zieht seine Witwe mit dem Sohn Gottlieb nach Burgdorf. Der Neuhof in Birr wird verpachtet. Bereits 1804 wird Pestalozzi gezwungen, seine Schule zu räumen, da das Schloss Burgdorf als Wohnsitz für den neuen Oberamtmann benötigt wird.
Nach einem kurzen Zwischenstopp in Münchenbuchsee nimmt Pestalozzi das Angebot der Waadtländer Regierung an und zieht mit seiner Familie nach Yverdon. Seine Schule umfasst bald einmal gegen 160 Schüler und mehr als 30 Lehrer, die aus ganz Europa nach Yverdon kommen. Es werden zudem junge Männer zu Lehrern ausgebildet. 1806 eröffnet Pestalozzi im Rathaus neben dem Schloss ein Mädcheninstitut, um diese nach den gleichen pädagogischen Ideen zu Erzieherinnen und künftigen Familienmüttern auszubilden. 1809 übernimmt ein Lehrer die Betreuung eines taubstummen Kindes und so wird das erste Institut dieser Art in der Schweiz gegründet.
In den folgenden Jahren kann Pestalozzi die Erziehungsideen, die er in Birr, Stans und Burgdorf entwickelt hat, anwenden und fortsetzen. Pestalozzi ist inzwischen eine Berühmtheit und seine humanistischen Erziehungsmethoden werden in ganz Europa und bis in die Vereinigten Staaten angewendet.
Ab 1811 kommt es zu immer heftigeren Differenzen in der Lehrerschaft. In dieser Zeit erkrankt Anna Pestalozzi und stirbt am 12. Dezember 1815 auf Schloss Yverdon.
Pestalozzis grosse Zuneigung zu seiner Frau Anna zeigt sich in folgender Aufzeichnung:
Ich beklage nur meine Gemahlin, die, indem sie sich mir aufopferte, alles verlor, was ihr edles Herz hätte glücklich machen, und wo sie durch ihre Verheiratung mit mir an meiner Seite zu wirken und zu geniessen hoffte.
1825 löst Pestalozzi die Schule auf und verlässt Yverdon. Er geht zurück nach Birr in den Neuhof, der von seinem Enkel Gottlieb verwaltet wird. In seinen letzten zwei Lebensjahren kann er sich nun dem widmen was ihm noch möglich ist: Er schreibt.
Pestalozzi stirbt in den frühen Morgenstunden des 17. Februars 1827 in Brugg.
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