INV-REI901 Gemeindehaus, Altes Schulhaus, 1830 (Dossier (Bauinventar))

Archive plan context


Identifikation

Signatur:INV-REI901
Signatur Archivplan:REI901
Titel:Gemeindehaus, Altes Schulhaus
Ansichtsbild:
1/2
Bildlegende:Ansicht von Osten (2011)
Bezirk:Kulm
Gemeinde:Reinach (AG)
Adresse:Hauptstrasse 66
Versicherungs-Nr.:58
Parzellen-Nr.:1344
Koordinate E:2656343
Koordinate N:1233552
Situationsplan (AGIS):http://www.ag.ch/app/agisviewer4/v1/html/agisviewer.htm?config=agis_geoportal_fs.json&thema=185&scale=5000&basemap=base_landeskarten_sw&x=2656343&y=1233552

Chronologie

Entstehungszeitraum:1830
Grundlage Datierung:Literatur
Nutzungen:Kaufhaus und Kornhaus bis 1829, Schulhaus bis 1905, seither Gemeindehaus

Typologie

Objektart (Einzelobj./Teil Baugr./Baugr.):Einzelobjekt
Nutzung (Stufe 1):Öffentliche Bauten und Anlagen
Nutzungstyp (Stufe 2):Gemeindehaus, Kanzlei

Dokumentation

Würdigung:Das Gemeindehaus ist ein gut proportioniertes, spätklassizistisch-biedermeierliches Gebäude, welches im frühen 20. Jahrhundert eine sorgfältige Putzgliederung und neubarocken Bauschmuck erhielt. Der Bau, der in seinem Kern auf ein Kaufhaus und Kornmagazin von 1588-89 zurückgeht und nach einer Aufstockung von 1830-1905 als Schulhaus diente, ist aufgrund seiner gewichtigen Vergangenheit von grosser wirtschafts- und ortsgeschichtlicher Bedeutung. Zusammen mit dem Hotel "Bären" (REI902) und dem Bankgebäude (REI903) gehört er zu den Bauten, welche den Lindenplatz noch heute massgeblich prägen.
Bau- und Nutzungsgeschichte:Das heutige Gemeindehaus und frühere Schulhaus Oberdorf ist durch einen 1830 vorgenommenen Umbau aus dem Kaufhaus und Kornmagazin von 1589 hervorgegangen.
1529 verfügte die Bernische Obrigkeit für den Kornhandel den Marktzwang, durch den die Bauern unter Strafandrohung verpflichtet wurden, ihr Getreide auf den Märkten der aargauischen Städte zu verkaufen. Die weiten Transportwege waren besonders für die Oberwynentaler beschwerlich, sodass 1587 neben Reinach auch Gontenschwil, Kulm und Seengen den Landvogt auf der Lenzburg um die Bewilligung eines Kaufhauses in ihrer Gemeinde angingen. Der Berner Rat entschied sich schliesslich für Reinach als Marktort. 1588 erhielt der Lenzburger Landvogt Meier den Auftrag, er solle "das khoufhuss zu Rynach fürderlich in mur und holzwerk ufrichten und buwen lassen mit zweyen böden und einer kornschütten daruf". Als Bauplatz schien ein in der Nähe der Mühle gelegenes Landstück auf der Westseite des heutigen Lindenplatzes geeignet. Landvogt Meier übertrug die Maurerarbeiten dem bekannten Baumeister und Steinhauer Anthoni Frymund von Lenzburg und die Zimmerarbeiten dem Zimmermeister Georg Wentz von Auenstein. Frymund hatte das neue Kornhaus "uffzumuren in vier muren, zeunderst vier schu dick und zuoberst noch zwen schu dick". Über den zwei Toren musste das Berner Wappen eingemeisselt werden. Der Zimmermeister hatte u. a. Balken und Bretter herzurichten, die Böden zu legen und in den beiden Hauptgeschossen zwei "starcke underzüg" auf je vier eichenen Stüden aufzurichten. Das 1589 vollendete Kaufhaus war ganz auf Kosten der Obrigkeit erstellt worden, da es neben seiner Funktion als Getreidemarkt auch als obrigkeitlicher Getreidespeicher dienen und die Bodenzinsen der umliegenden Dörfer und Höfe aufnehmen sollte. Mit einem kurzen Unterbruch zu Beginn des 18. Jh. florierte der Getreidehandel im Reinacher Kaufhaus während der gesamten Berner Zeit. Neben den erwähnten Bauauflagen gibt eine Zeichnung von 1705 Aufschluss über die Gestalt des Kornhauses. Dieser zufolge besass das zweigeschossige, unter einem steilen geknickten Satteldach errichtete Gebäude eine fünfachsige Trauffront mit einem mittigen, zweiflügligen Eingangstor, das die Durchfahrt von Fuhrwerken erlaubte. Die strassenseitige Lukarne diente dem Warenaufzug. Die beiden Vollgeschosse und das Dachgeschoss enthielten grosse Hallen, die nur durch eine Reihe von vier Eichenpfosten unterteilt waren. Im Erdgeschoss befand sich die Verkaufshalle des Getreidemarkts. Die Kornschütte, eine mit Steinplatten belegte Lagerfläche, war im Obergeschoss untergebracht. Der Dachboden diente ebenfalls als Speicherraum. Sämtliche Fenster waren mit hölzernen Fallläden und Eisengittern gesichert [1].
1828 regte die Gemeindeversammlung an, das staatliche Kornhaus zu kaufen und darin ein Gemeindehaus sowie dringlich benötigte Schulräume einzurichten. Beim Umbau von 1830 wurden ein zweites Obergeschoss und ein neuer Dachstuhl aufgeführt. Das zusätzliche Geschoss wurde jedoch erst 1832 ausgebaut, als für die neu gegründete Bezirksschule Unterrichtsräume geschaffen werden mussten. 1870 stieg der Wert des Schulhauses durch den Anbau von Abtritten und eines neuen Treppenhauses laut Brandkataster auf das Doppelte an. Der dadurch gewonnene Raum machte im Winter 1871/72 die Einrichtung eines weiteren Schulzimmers für die neue Mittelstufe möglich [2].
Mit dem Bau des Zentralschulhauses 1904-05 konnten die Platzprobleme bis auf weiteres gelöst werden. Das zum Gemeindehaus umfunktionierte Gebäude erhielt beim nachfolgenden Umbau, der möglicherweise erst 1922 erfolgte, ein neues Portal und an den Fassaden einen gliedernden Putz [3]. Eine Gesamtrenovation brachte 1989 eine Veränderung des Treppenhausanbaus sowie den Ausbau des unteren Estrichgeschosses. Vor wenigen Jahren wurde das Innere weiter modernisiert und die Sockelzone aussen mit einer hinterlüfteten Granitabdeckung verkleidet. Gleichzeitig wurde der Haupteingang in die südwestliche Ecke auf der Rückseite des Gebäudes verlegt.
Beschreibung:Das Gemeindehaus, das zusammen mit dem Gasthaus zum Bären und dem gegenüber liegenden Bankgebäude (vgl. Bauinventarobjekte REI902 und REI903) den Lindenplatz definiert, präsentiert sich seit dem Umbau und der Aufstockung von 1830 als dreigeschossiger spätklassizistisch-biedermeierlicher Mauerbau unter geradem Satteldach.
Der Baukörper wird von vier auf fünf Fensterachsen regelmässig gegliedert. In die Giebelfelder sind auf Höhe des zweiten Dachgeschosses Serlianamotive (dreiteilige Fenster mit höherer mittlerer Rundbogenöffnung) eingelassen. Die östliche Trauffassade mit dem zentralen Eingangsportal ist auf den Lindenplatz orientiert, während das in der Verlängerung der Mittelachse angebaute Treppenhaus mit den Toiletten rückseitig als Zwerchhaus vorspringt. Das ehemals durch einen horizontalen Fugenstrich im Putz als Sockel abgesetzte Erdgeschoss weist heute eine ähnlich strukturierte Verkleidung aus Granitplatten auf. Darüber sind die Fassaden seit dem Umbau zum Gemeindehaus im frühen 20. Jh. durch ein aus Arkaden und Pilastern sowie einem umlaufenden Gesims bestehendes Putzdekor gegliedert. Auf der Rückseite hat sich als oberer Abschluss ein spätklassizistischer Zahnschnittfries erhalten, welcher noch aus dem 19. Jh. stammen dürfte. Die strassenseitige Hauptfassade zeigt hingegen ein einfaches Kranzgesims, welches stilistisch zur neu gestalteten Dachuntersicht mit Kassetten und aufgemalten Blumenmotiven im Heimatstil passt. Das von Pilastern flankierte und unter einem Kranzgesims mit "Gemeindehaus" beschriftete Portal aus Muschelkalk schmückt eine neubarocke Kartusche mit dem Gemeindewappen, welche in das verkröpfte Brüstungsfeld des darüber liegenden Fensters gehauen ist. Die zweiflüglige Eichentür mit vergitterten Lichtern zeigt eine Mischung von spätbarocken und klassizistischen Stilelementen.
Aus der Ausbauphase von 1830 hat sich im Innern das gesamte Dachgebälk, eine Konstruktion mit doppeltem liegendem Stuhl, erhalten. Im oberen Estrichgeschoss besteht noch eine Aufzugsvorrichtung mit Winde. Ebenso wurden bei der Renovation von 1989 einige Türen und Täfer der historistischen Einrichtung aus der Jahrhundertwende wiederverwendet (gemäss Kurzinventar von 1996).
Anmerkungen:[1] Steiner 1995, S. 124-129.
[2] Steiner 1995, S. 509.
[3] Das Gebäude wurde laut Brandkataster 1911 an die Einwohnergemeinde überschrieben und sein Versicherungswert 1922 von 43'500.- auf 94'800.- verdoppelt; vgl. Staatsarchiv Aargau, CA.0001/0261-0264: Brandkataster Gemeinde Reinach 1850-1938.
Erwähnung in anderen Inventaren:- Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS), regionale Bedeutung.
- Kunstführer durch die Schweiz, Bd. 1, hg. v. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2005, S. 52.
Literatur:- Peter Steiner, Reinach. Die Geschichte eines Aargauer Dorfes, Reinach 1994, S. 146-151, 292-297.
- Peter Steiner, Reinach. 1000 Jahre Geschichte, Reinach 1995, S. 123-131 (zum Kornhaus), 509-510 (zum Schulhaus).
Quellen:- Staatsarchiv Aargau, CA.0001/0261-0264: Brandkataster Gemeinde Reinach 1850-1938.
- Historische Vereinigung Wynental, Fotoarchiv.
Reproduktionsbestimmungen:© Kantonale Denkmalpflege Aargau
 

Related units of description

Related units of description:siehe auch:
DOK-REI839.004 Hauptstrasse 66, Gemeindehaus (= REI901), Keine Angabe (Dossier (Dokumentationsobjekte))
 

URL for this unit of description

URL:http://www.ag.ch/denkmalpflege/suche/detail.aspx?ID=121943
 

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