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Wohnen an der Stadtmauer

Vier mal neun Meter Grundfläche: Heute unvorstellbar für ein Einfamilienhaus. Doch als das Gebäude an der Stadtmauer Aaraus vor rund 400 Jahren entstand, war Wohnfläche im Schutz der Stadtmauern knapp und wertvoll. Heute ist das platzsparende Altstadthaus ein Bau mit Vorbildcharakter geworden. Den Nutzungsanforderungen und dem historischen Gebäude gerecht zu werden, war eine Herausforderung – die Architekten meisterten sie, indem sie die alten Strukturen kreativ und respektvoll nutzten. Aus dem engen Altbau ist ein aussergewöhnliches, doch funktionierendes Familienheim mit fünf Etagen und einem Keller geworden.

Altstadthaus in Aarau

Die grosse Fensterfront des Wohnraums ist von aussen kaum zu sehen: Holzlamellen kaschieren die Glasfläche, die im geschlossenen Fassadenbild der Stadtmauer stören würde.
Die Holzlamellen vor der Glasfront des neuen Wohnraums lassen viel Licht herein und verleihen dem Raum seine besondere Atmosphäre.
Die Wohnküche ist das Herz des Altstadthauses geblieben.
Historische Details des Altbaus wie die Fenster, die Täfer, der Riemenboden und die alte Bank machen jeden Raum, hier die Stube, zu etwas Besonderem.
Raumnot macht erfinderisch: Das Schlafzimmer liegt im ausgebauten Dachstock, über dem darin eingebauten Bad entstand zusätzlicher Stauraum.

Die Bauherrenfamilie musste das Alte zuerst schätzen und lieben lernen. Denn am Anfang stand der Wunsch, das Gebäude hinter der historischen Fassade komfortabel und modern auszubauen, etwa mit einer durchgehenden Treppe. Doch das 400-jährige Haus im äusseren Altstadtring steht unter Schutz. Solch tiefgreifende Änderungen waren in diesem Fall also nicht möglich. Zum Glück, findet die junge Besitzerfamilie heute. Denn so waren alle Beteiligten gezwungen, sich mit den Eigenheiten des alten Gebäudes anzufreunden und mit den baulichen Gegebenheiten statt gegen sie zu arbeiten. Entstanden ist ein Familienhaus mit einer Vielzahl an Treppenläufen, aber auch an überraschenden Nischen und Rückzugsräumen. Und mit Zimmern, von denen jedes eine andere Geschichte erzählt.

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Die ursprünglich unbeheizte Laube wurde neu dem geheizten Wohnraum zugeschlagen.

Die bestehenden Gebäudestrukturen durften nicht grundlegend verändert werden. So gruppieren sich heute alle Räume auf den verschiedenen Stockwerken um das Herz des Hauses: die grosse Küche. Durch den Ausbau des Dachgeschosses konnte Wohnraum hinzugewonnen werden. Auch die ehemals kalte Laube an der Westfassade wurde dem heizbaren Wohnbereich zugeschlagen. Die stadtseitige Ostfassade dagegen wurde originalgetreu restauriert. Einzig der marode zweigeschossige Vorbau im Garten musste komplett ersetzt werden. Um hier einen hellen Wohnraum zu ermöglichen, ohne das Bild der Altstadtfassaden zu stören, wurde die grossflächige Verglasung des Wohnzimmers mit vorgehängten Holzlamellen kaschiert. Sie gliedern die Glasfläche, machen sie von aussen fast unsichtbar und lassen doch viel Licht ins Haus. Selbst das Dach des Vorbaus wird genutzt: als luftige Terrasse.

Die Struktur des Gebäudes machte vieles, was heute zum gängigen Wohnkomfort zählt, etwa grössere Zimmer oder einen Lift, unmöglich. Im Gegenzug bot der Altbau mit seiner geschichtsträchtigen Atmosphäre und seinen Materialien das Potential für eine einzigartige Wohnsituation. Die Bauherrschaft und die Architekten haben es klug genutzt. Die Geschichte geht weiter.

Altstadthaus in Aarau

Baujahr 16. Jahrhundert
Nutzung Wohnhaus
Renovation Umbau 2014–2015
Realisierung Gautschi Lenzin Schenker Architekten AG, Aarau
Bauherrschaft Till Hollinger und Patrizia Zanetti
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