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Eine verlorene Stadt in Lenzburg

Im Lindfeld in Lenzburg liegt eine römische Kleinstadt verborgen im Boden.

Auf einem grossen Feld in Lenzburg finden sich schon seit über 100 Jahren immer wieder Spuren aus der Vergangenheit. Es sind Überreste einer verlorenen Stadt, deren Namen niemand kennt. Nun bringen neue Untersuchungsmethoden die Stadt wieder zum Vorschein.

Wie Puzzleteile fügen sich die Spuren zusammen: eine Strasse, Häuser, Gräber und ein Theater weisen auf eine römische Kleinstadt nur wenig ausserhalb der heutigen Altstadt von Lenzburg hin. Im Rahmen eines mehrjährigen Projektes widmet sich die Kantonsarchäologie gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern, der Vindonissa-Professur der Universität Basel und dem Museum Burghalde in Lenzburg, der römischen Siedlung im Lindfeld.

Auf der Suche nach der verlorenen Stadt

Seit einigen Jahren setzt die Kantonsarchäologie auf geophysikalische Untersuchungsmethoden, um archäologische Hinterlassenschaften im Boden zu orten. So werden unsichtbare Überreste im Boden sichtbar. Dies geschieht im Sinne des Schutzgedankens ohne Bodeneingriff. Bereits wurden viele Dutzend solcher Untersuchungen durchgeführt, doch die Ergebnisse im Lindfeld bei Lenzburg stellen alle in den Schatten: Die römische Kleinstadt wird in ihrer ganzen Ausdehnung sichtbar.

Unter dem Arbeitstitel "Auf der Suche nach der verlorenen Stadt" soll in den kommenden Jahren die Siedlung im Lindfeld dokumentiert, deren Ausdehnung und Erhaltungszustand erfasst und die Funde analysiert werden. Die bisher bekannten Quellen werden aufgearbeitet und die Informationen fliessen in die Fundstellenkarte ein. Zum Abschluss des Projektes entsteht 2025 eine Sonderausstellung im Museum Burghalde.

Eine Stadt ohne Namen

Erste Nachrichten über eine römische Besiedlung im Lindfeld stammen vom Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals stiess man beim Bau der Aargauischen Südbahn auf kleinere Stücke der Siedlung. In der 1930er-Jahren wurden im Rahmen von Güterregulierungen weitere Teile angeschnitten. Erste Ausgrabungen fanden 1950 und 1963/64 durch die Kantonsarchäologie im Zusammenhang mit dem Bau des Autobahnzubringers statt. Man dokumentierte grössere Teile der Siedlung – des sogenannten Vicus –, die grösste Überraschung war allerdings die Entdeckung eines fast vollständig erhaltenen Theaters. Das befindet sich etwa 250 Meter nördlich der Siedlung und bietet Platz für etwa 4000 Personen – eine grosse Masse an Menschen. Hier waren nicht nur Komödien und Dramen zu sehen, Theater dienten ebenfalls für religiöse Versammlungen. Deshalb ist anzunehmen, dass hier in Lenzburg ein überrregionales religiöses Zentrum lag. Doch der Name der Kleinstadt ist bisher unbekannt. Sie ist nirgends verzeichnet und bisher ist keine Inschrift gefunden worden, die einen Namen überliefert.

Moderne Methode: Die Geophysik

Geophysikalische Prospektion mithilfe von Bodenradar.

Geophysikalische Messungen wie Geomagnetik und Geoelektrik erlauben – ähnlich einem Röntgenblick – einen zerstörungsfreien Bodeneinblick. Damit lassen sich archäologische Befunde im Boden aufspüren.

Bei der Geoelektrik wird der elektrische Widerstand in einer definierten Fläche in regelmässigen Abständen gemessen. Ein Graben ergibt zum Beispiel einen niedrigen Widerstand, Mauern aus Stein einen hohen. Die Messresultate visualisieren somit im Boden steckende Überreste. Bei der Geomagnetik wird das Erdmagnetfeld gemessen, was sich je nach Untergrund unterscheidet. Beide Methoden wurden im Lindfeld angewandt, wobei die Geoelektrik deutlichere Resultate lieferte.

Das besondere an diesem Projekt ist nicht, was wir tun, sondern, was wir nicht tun.

Thomas Doppler Kantonsarchäologe

Die zerstörungsfreie Methode entspricht im Gegensatz zu invasiven Methoden wie zum Beispiel einer Baggersondierung dem Schutzgedanken, wonach archäologische Hinterlassenschaften wenn immer möglich im Boden erhalten bleiben sollen. So wird die Methode zur genaueren Abklärung bekannter archäologischer Fundstellen verwendet, aber auch im Vorfeld von Bauprojekten, um eine bessere Planungssicherheit zu erhalten. Das besonderem am Lindfeld-Projekt ist, dass die Untersuchungen ohne archäologische Ausgrabung stattfinden. Allerdings sind der geophysikalischen Methode auch Grenzen gesetzt: wie tief die Überreste im Boden liegen, kann sie nicht eruieren und eine genaue Datierung ist auch nicht möglich. Um diese Fragen zu klären, müssen andere Mittel zum Einsatz kommen.

Die Funde

Silberne Münze mit Kaiserbildnis.
Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

In enger Zusammenarbeit mit dem Landeigentümer wurde das gesamte Areal von einem Freiwilligen der Kantonsarchäologie mit dem Metalldetektor abgesucht, um oberflächennahe Funde zu bergen und sie damit vor dem Pflug und vor illegalen Sondengängern zu schützen. Die Funde geben einen Anhaltspunkt zur Datierung der Siedlung im Lindfeld. So bestand die Siedlung vom späten 1. Jahrhundert n. Chr. bis ins die Mitte des 3. Jahrhunderts.

Das Theater

Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Ganz überraschend entdeckte man im Herbst 1964 bei Bau des Autobahnzubringers das Theater. In der Folge wurde es ausgegraben und 1972 bis 1973 konserviert, sodass es heute zugänglich ist.

Der kleine Hang im Lindfeld wurde von den Römern geschickt genutzt: die Frontmauer liegt an der Hangsohle, während sich die halbkreisförmige Umfassungsmauer den Hang hinaufzieht. So mussten für die oberen Zuschauerränge nur noch wenig Erdmaterial angeschüttet werden. Aufgeteilt ist das Theater durch drei strahlenförmige Ränge in vier Sektoren und durch einen halbkreisförmigen Umgang in zwei Ränge. Der Zuschauerraum bot Platz für rund 4000 Personen. Das Theater diente nicht nur zur Aufführung von Dramen und Komödien, hier wurden auch religiöse Zeremonien abgehalten.

In der Schweiz sind bisher nur drei weitere römische Theater bekannt: in Lausanne (Lousonna), Avenches (Aventicum) und Augst (Augusta Raurica).

Der Tempel

Geophysikalische Methoden visualisieren einem im Boden des Lindfelds steckenden Tempel..
Plan Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Forschende vermuten schon lange, dass zum Theater in Lenzburg ein Tempel gehören müsse. Nun brachten die geophysikalischen Messungen den Tempel im Untergrund zum Vorschein. Das Tempelareal misst etwa 60 x 70 Meter in der Grundfläche und entspricht damit in der Grösse ähnlichen Bauten beispielsweise in Avenches. Sein Aussehen bleibt weitgehend Spekulation, kann aber im Vergleich mit anderen Tempelanlagen erschlossen werden. Im Innern lag das Heiligtum, welches mit einer Umfassungsmauer umgeben war. Zusammen mit weiteren kleinen Sakralbauten im Umfeld des Theaters und dem Theater selbst gehört der Tempel zu einem heiligen Bezirk. Das macht wahrscheinlich, dass in Lenzburg in römischer Zeit ein religiöses Zentrum lag, wozu eine Siedlung gehörte. Hierhin pilgerten vermutlich Menschen aus der weiteren Umgebung für religiöse Feste.

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Medienberichte

Literatur

  • M. Hartmann, Der römische Vicus von Lenzburg. Archäologische Führer der Schweiz 15 (1980)
  • U. Niffeler, Römisches Lenzburg: Vicus und Theater. Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa VIII (Brugg 1988)

Ausstellung

Im Museum Burghalde Lenzburg sind Funde aus dem Gräberfeld nahe des Lindfelds ausgestellt.