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Ein Dorf aus der Bronzezeit in Möriken-Wildegg

Bei einer routinemässigen Baustellenkontrolle stiessen Mitarbeiter der Kantonsarchäologie 2021 in Möriken-Wildegg auf ausserordentlich gut erhaltene Überreste eines 3500 Jahre alten Dorfs aus der Bronzezeit. Einige Steinbeile und Scherben zeigen, dass hier sogar schon vor über 5000 Jahren steinzeitliche Bauern lebten.

In Möriken waren im Bereich des römischen Gutshofs unterhalb des Kestenbergs immer wieder auch ältere Funde bei Erdarbeiten zutage gekommen. Der Verdacht, dass diese Funde von vorgeschichtlichen Siedlungen stammen, bestätigte sich im Juni dieses Jahres. Derzeit entstehen in dem bislang als Grünland genutzten Areal in zwei Baufeldern sechs Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 41 Wohneinheiten. Nachdem die Aushubarbeiten im westlichen Baufeld begonnen hatten, entdeckten Mitarbeiter der Kantonsarchäologie dort ungewöhnlich gut erhaltene Siedlungsspuren, grosse Mengen an Keramikscherben und sogar einige Bronzen.

Feldkurs für Freiwillige

Im August fand der dritte Feldkurs für Freiwillige der Kantonsarchäologie in Möriken-Wildegg statt. In diesem Rahmen konnte ein zusätzliches Feld ausserhalb des Bauperimeters und ein rund 250 Quadratmeter grosses Feld im Bereich der zweiten Baugrube von Hand abgetragen werden.

Seither werden die archäologischen Hinterlassenschaften wiederum durch das Grabungsteam der Kantonsarchäologie untersucht, und dies zum Schluss unter einigem Zeitdruck, da die Bauarbeiten nicht verzögert werden sollen.

Selten gute Erhaltungsbedingungen

Die Fundstelle im "Sandacher" ist aufgrund ihrer ausserordentlich guten Erhaltung etwas Besonderes: Die bronzezeitlichen Erdschichten liegen in kaum einem Meter Tiefe. Das zeigt, dass hier in den vergangenen dreitausend Jahren vergleichsweise wenig Erosion und Sedimentation stattfand. Oft sind prähistorische Fundstellen nämlich abgeschwemmt oder durch den Pflug zerstört, manchmal aber auch von mehrere Meter dicken Erdschichten überdeckt, welche in Folge der menschlichen Bodennutzung von den Hängen herabgeschwemmt wurden. Nur in seltenen Fällen blieb dabei der Boden erhalten, auf dem Mensch und Vieh sich vor Jahrtausenden bewegten. In Möriken bietet sich erstmals im Aargau die Möglichkeit, eine nahezu ungestörte, 3500 Jahre alte Oberfläche zu dokumentieren.

Reiche Funde

Mit der Abfallentsorgung hat man es damals offenbar noch nicht so genau genommen. Auf der alten Landoberfläche verstreut finden sich zahllose Funde, die seit der Bronzezeit liegen geblieben sind. Hierzu zählen vor allem tausende Bruchstücke von Keramikgefässen. Da sich Gefässformen und Verzierungen im Laufe der Zeit änderten, können schon jetzt mehrere Siedlungsphasen zwischen 1500 und 1200 vor Christus ausgemacht werden. Einige Keramikscherben und Steinwerkzeuge zeigen zudem, dass bereits um 3000 vor Christus hier gesiedelt worden war.

Die bronzezeitlichen Funde zeugen vom Alltag und Handwerk in der Siedlung. Neben Alltäglichem wie Keramiktöpfen und Webgewichten stellen die Metallfunde echte Highlights dar: Gussreste und Schlacken zeigen, dass in Möriken vor 3500 Jahren Bronze gegossen wurde. Bronzene Sicheln wurden bei der Getreideernte benutzt und von der Tracht der einstigen Bewohner finden sich Gewandnadeln sowie ein fein polierter Dolch aus Bronze. Eine derartige Fülle an Metall aus einem so kleinen Teil einer Siedlung dieser Epoche ist bisher einzigartig im Aargau und weit darüber hinaus. Wenn die Bronzen in den nächsten Jahren noch näher analysiert werden können, geben sie möglicherweise ganz neue Einblicke in den bronzezeitlichen Handel mit diesem kostbaren Rohstoff.

Reste eines weitläufigen Dorfes

Weniger spektakulär wirken die unscheinbaren Spuren der einstigen Holzhäuser. Die tragenden Holzpfosten der Gebäude waren eingegraben. Sie verfaulten mit der Zeit und hinterliessen dunkle Stellen im hellen Boden des "Sandachers". Hunderte solcher Pfostenlöcher wurden bereits freigelegt, fotografiert, beschrieben und zentimetergenau eingemessen. Dadurch entsteht ein digitaler Plan, in welchem das Dorf – oder vielmehr die zeitlich aufeinander folgenden Dörfer – Haus um Haus rekonstruiert werden können. Neben Wohnhäusern, Ställen, Vorratsspeichern und anderen Nutzbauten finden sich weitere Spuren des bronzezeitlichen Alltags. So wurden Gruben unterschiedlicher Form und Grösse ausgehoben, unter anderem wohl, um Vorräte unter der Erde kühl zu lagern oder um windgeschützte Öfen für die Keramikherstellung zu errichten. Charakteristisch für Siedlungen dieses Zeitabschnitts sind ausserdem Feuergruben. Das sind flache Gruben, in denen zunächst ein starkes Feuer entfacht wurde und auf dessen Glut dann eine Schicht Steine gelegt wurde. Vielleicht wurden auf diesen heissen Steinen bei besonderen Anlässen üppige Mahlzeiten zubereitet.

Im Aargau wurde bisher nur ein weiteres Dorf aus der Bronzezeit in vergleichbarem Umfang untersucht (Gränichen). Die aussergewöhnlich gute Erhaltung und das reichhaltige Fundmaterial verleihen der Fundstelle im "Sandacher" in Möriken-Wildegg eine überregionale Bedeutung.

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