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Bauberatung

Es knarrt seit 1562

Die Gemeinde Schinznach zeichnet sich durch eine beträchtliche Anzahl historischer Steinbauten aus. Sie ist nicht umsonst im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz aufgenommen und als national bedeutend eingestuft. Gleich unterhalb der ev.-ref. Pfarrkirche, an der Gäbigasse 3, liegt ein besonders stattliches, frühneuzeitliches Wohnhaus, das mit seinen Treppengiebeln und markanten Äusseren auf Bedeutung und Wohlstand der damaligen Bewohner verweist.

Haus an der Gäbigasse 3, vor dem Umbau im Jahr 2009. © Kantonale Denkmalpflege Aargau, 1951

Ein Wappen an der Fenstersäule im 1. Obergeschoss mit der Inschrift 1677 verweist auf eine wesentliche Bauphase, bei der das Gebäude umgebaut und aufgestockt wurde. Im Kern geht das Haus aber auf das Jahr 1562 zurück, wie dendrochronologische Beprobungen im Rahmen von archäologischen Untersuchungen im Jahr 2009 gezeigt haben.

Kellertüre an der Gäbigasse 3 in Schinznach, nach der Restaurierung. © Kantonale Denkmalpflege Aargau, Philipp Rück, 2020.

Der Keller, ursprünglich ein grosser Raum ohne Unterteilung, weist an seiner Nordflanke ein recht breites Steinportal mit umlaufender Fase und einem Rundbogen auf. Verschlossen wird es mit einer innen angeschlagenen Brettertüre aus breiten Bohlen. Solche Rundbogenportale an ländlichen Bauten sind seit dem 16. Jahrhundert bezeugt und haben sich an manchen Haus- und Kellereingängen bis heute erhalten.

Seltener sind die eigentlichen Brettertüren, deren einfachste Art ein hölzerner Flügel darstellt, der aus einigen stumpf aneinandergestossenen Brettern besteht. Diese werden an der Türinnenseite durch Gratleisten zusammengehalten, die ihrerseits mit Eisen- oder gar mit Holznägeln an den Brettern befestigt sind. Derart einfach konstruierte Türflügel waren früher wohl weit verbreitet, wurden dann insbesondere in den Wohngeschossen durch neuere und dichtere Konstruktionen verdrängt. So blieben, wenn überhaupt, solche Türen einzig an untergeordneten Hauszugängen, wie beispielsweise zum Keller, erhalten.

Türe von innen, vor und nach der Restaurierung. © Kantonale Denkmalpflege Aargau, 2007 / 2020

Schon aufgrund der handwerklichen Machart hat man vermuten können, dass die Kellertüre an der Gäbigasse 3 auf ein langes Leben zurückschauen kann. Offenbar machte das auch den Eigentümer Philipp Rück neugierig. Nicht nur hat er die Türe durch die in Herznach ansässige Antikschreinerei von David Kläusler denkmalgerecht restaurieren und richten lassen, er hat auch das aus Eiche und Tanne gefügte Türblatt über eine dendrochronologische Untersuchung (Holzalterbestimmung) datieren lassen. Man hat nun die Gewissheit, dass sich seit der Bauzeit des Kernbaus von 1562 ein und dieselbe Türe in der Angel dreht. Die beprobte Stelle ergab, dass diese von einer Eiche stammt, die 1476 das erste Sonnenlicht auf ihren Blättern spürte und die im Sommer 1556, also nur wenige Jahre vor dem Bau des Hauses an der Gäbigasse, geschlagen wurde.

Ihre volle Funktion hat die Türe wieder zurückerhalten, indem der Lenzburger Kunstschmied Ueli Schneider das alte Schloss repariert und einen neuen Schlüssel zu dessen Bedienung hergestellt hat. Das Engagement des Eigentümers und der respektvolle Umgang der Handwerker mit diesem nicht ganz alltäglichen Bauteil sind aus denkmalpflegerischer Sicht speziell zu würdigen.

Geblieben ist ein filmreifes Knarren beim Öffnen der Türe, welches man ihr nach rund 460 Dienstjahren aber gerne zugestehen mag.

Detailansicht der restaurierten Türe mit einzelnen Flickstellen mit neuem Holz und restauriertem Schloss. © Kantonale Denkmalpflege Aargau, Philipp Rück, 2020