Zu Tisch bitte schön
1872 erweiterte Architekt Robert Moser das Badhotel Blume um einen Südtrakt mit zwei reich bemalten Speisesälen. Nach der Restaurierung des zentralen Deckenfeldes 1998 und des angrenzenden Damensalons 2009 war zu vermuten: Die farbenfrohen Neorenaissance-Malereien schlummern grösstenteils noch unter der monochromen Malschicht. Ein erfahrenes Team von Restauratorinnen legte diese nun frei und ermöglicht damit wieder den polychromen Raumeindruck, wie ihn die Kurgäste im 19. Jahrhundert schon geniessen durften.
Wenn man der langwierigen Pandemie aus denkmalpflegerischer Sicht etwas abgewinnen kann, dann wohl die Begebenheiten, die sich seit Februar dieses Jahres im Badhotel Blume in den Grossen Bädern in Baden ereignet haben. Wie viele andere Betreiber von Hotels und Restaurants mussten auch die Gebrüder Patrik und Silvio Erne, deren Familie das Hotel seit den 70er Jahren führt, den Betrieb erheblich einschränken und teilweise ganz stilllegen. Dieser Umstand hat nun im Bereich des Grossen Speisesaals überhaupt die Möglichkeit eröffnet, den Raum einer gesamtheitlichen Restaurierung zuzuführen, die unter laufendem Betrieb kaum oder nur mit erheblichen Einbussen möglich gewesen wäre. Das im Jahre 1421 erstmals erwähnte Gasthaus "Zur Blume" liegt direkt am Kurplatz im Herzen der Grossen Bäder und hat als einziges Haus am Platz seine Nutzung als Herberge durch alle Wirren der Geschichte bis in die heutige Zeit bewahrt. Es zeigt ein für das Kurgebiet typisches Nebeneinander von unterschiedlichen Bauphasen vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert. So wurde der direkt an den Kurplatz grenzende, noch spätmittelalterlich-barock anmutende Kernbau der Blume 1872 durch den Architekten Robert Moser um einen historistisch geprägten Südtrakt mit reich bemalten Speisesälen erweitert. Dieser spannt ein glasüberdachtes Atrium zwischen Kern- und Erweiterungsbau auf, welches zum gemütlichen Treffen und kulinarischen Schlemmen einlädt. Gleiches kann selbstverständlich im grossen Speisesaal geschehen, der sich nun seit kurzem wieder in seinem angestammten Erscheinungsbild als Gesamtkunstwerk des Historismus präsentiert. Dass sich im repräsentativen Saal eine reiche malerische Ausstattung erhalten hat, konnte erhofft werden. Wenige historische Innenaufnahmen, und eine aufgrund eines Wasserschadens 1998 vorgenommene Restaurierung im zentralen Deckenfeld, liessen zumindest erahnen, in welchem Reichtum sich der Saal den damaligen Kurgästen ersten Ranges präsentiert hat. In etwas kleinerem Massstab konnte zudem bereits im Jahr 2009 der direkt benachbarte sogenannte Damensalon restauriert, und die dortigen Dekorationsmalereien zu Tage gebracht werden.
Gewiss handelte es sich bereits vor den aktuellen Massnahmen um einen beachtlichen und allseits beliebten Saal mit hübschem Deckenschmuck. Augenfällig wird erst heute, wie verloren die bisherigen Malereien an der Decke schwebten und was es ausmacht, die als Gesamtkunstwerk gestaltete Raumschale mit all ihren reich gegliederten und bemalten Elementen wieder wirken zu lassen. Dass man den Saal wenn möglich auf den ursprünglichen Zustand rückführen möchte, war in Absprache mit den Hoteliers, den Restauratorinnen und der Denkmalpflege schnell klar. Eine klare Absicht kann im Detail gleichwohl intensiv zur Diskussion Anlass geben. So wurde der ursprüngliche Zustand im Laufe der Zeit nicht bloss überstrichen und sonst schadlos überliefert. Es zeigten sich diverse und teils grossflächige Fehlstellen, deren Klärung denkmalpflegerische, restauratorische und nicht zuletzt auch finanzielle Fragen aufgeworfen haben. Die Ausschmückung des Saals im Stil der Neurenaissance wurde schon ursprünglich in unterschiedlicher Technik und Materialisierung ausgeführt. Schablonenmalerei, freie Malerei, Vergoldungen/Broncierungen und Marmorierungen zeigen die ganze Palette der Dekorationsmalerei. Nebst Kenntnissen zu Material- und Verarbeitungstechnik, waren für eine gelungene Restaurierung deshalb auch grosse handwerkliche Fähigkeiten unabdingbar. Die Restauratorinnen und Kirchenmalermeisterinnen Ina Link und Johanna Vogelsang und ihr Team zeigten hier nebst Engagement grosse Kompetenz und handwerklich-künstlerisches Geschick.
Die Malereien an der Decke waren in Leimfarbe gefasst. Diese lässt sich äusserst leicht abwaschen, so haben sich von der Leimfarbmalerei nur Fragmente erhalten, die aber zusammen mit den digital bearbeiteten historischen Aufnahmen gleichwohl ein weitgehend exaktes Bild über Form und Farbe vermittelten.
Die grafisch regelmässig gestaltete Schablonenmalerei zu rekonstruieren war so auch bedeutend einfacher, als die floralen, frei gemalten Motive, bei denen letzte feine Spuren über den ganzen Raum gesammelt, abgeglichen und unterstützt durch die historischen Fotografien neu aufgebaut werden mussten.
Viel besser erhalten haben sich die Malereien an Wänden, Pilaster und dem Gebälk, welche mit Ölfarben bemalt waren. Hier zeigten zu Beginn der Massnahmen erste Befundfenster, dass sich die originalen Malereien weitgehend unter den neueren Farbfassungen erhalten haben, wenn auch mit einigen Fehlstellen. Bei den eher flächigen Partien, wie den Wandmedaillons und dem Gebälk, wurden die neueren Farbschichten entfernt und Fehlstellen einretuschiert, so dass man heute an die ursprüngliche Fassung von 1872 sieht.
Bei den stärker strukturierten Bauteilen, wie den mit Kanneluren versehenen Wandpilastern und auch den mit zusätzlichen Broncierungen geschmückten Kapitellen, wurde in derselben Dekorationstechnik eine neue Fassung aufgebracht und gleichartig marmoriert. Der exakte Beobachter wird an der einen oder anderen Stelle im Raum noch die ursprünglichen Befundfenster entdecken können.
Dass diese Arbeiten trotz den finanziellen Einbussen durch den lock-down und den damit einhergehenden Unsicherheiten bewerkstelligt werden konnten, ist besonders hervorzuheben. Nebst den ordentlichen kantonalen Subventionen konnte ein namhafter Beitrag durch den Bund gesprochen werden. Zudem hat auch "Swiss Historic Hotels" die Massnahmen finanziell unterstützt. Mit den nun abgeschlossenen Arbeiten verfügt das Badhotel Blume wieder über einen äusserst stattlichen, repräsentativen Speisesaal und trägt damit zu einer beachtlichen Vielfalt von Sälen in den Grossen und Kleinen Bädern bei, die vom früheren und hoffentlich auch künftigen reichen Kur- und Badebetrieb in den Bädern zeugen.