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Bauberatung

Innenrestaurierung des Hauses Rathausgasse 22 in Aarau

2012 entdeckte man bei Restaurierungsarbeiten im Haus Rathausgasse 22 in Aarau Wandmalereien, eine reiche Flachschnitzdecke und zwei Fenstersäulen.

Das Altstadthaus an der Rathausgasse 22 besticht mit seiner reich geschmückten frühbarocken Fassade von 1641 mit spätgotischen Staffelfenstern. Mit Ausnahme des Ladeneinbaus im Erdgeschoss ist die Schaufassade von 1641 unversehrt erhalten geblieben. Das Haus wurde bereits im Baugeschichtlichen Inventar von 1976 als eines der bedeutendsten spätgotischen Bürgerhäuser in Aarau bezeichnet. 2012 kamen überraschend qualitativ hochwertige Ausstattungselemente früherer Jahrhunderte zum Vorschein. Neben barocken Wandmalereien entdeckte man eine Flachschnitzdecke und zwei Fenstersäulen.

Baugeschichte und Würdigung

Reich geschmückte frühbarocke Fassade von 1641 mit spätgotischen Staffelfenstern. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Bei der Bauuntersuchung der Kantonsarchäologie 2012 konnte die freigelegte Bausubstanz untersucht und die Baugeschichte des Altstadthauses an der Rathausgasse 22 besser gefasst werden. Es verfügt über ein Parterre, drei Obergeschosse und einen zweistöckigen Dachstuhl. Dieser konnte zusammen mit Deckenbalken und Binnenunterteilung der Stockwerke mittels dendrochronologischer Altersbestimmung der Holzproben in die Jahre 1493/94 datiert werden. Folglich fand spätestens 1493 ein umfassender Umbau oder Neubau des Hauses statt. Damals wurde auch die Nordostfassade mit den spätgotisch profilierten Fenstern und den zugehörigen Fenstersäulen neu errichtet. Gemäss Bericht der Kantonsarchäologie ist anzunehmen, dass die Umbaumassnahmen von 1493 mit einer sekundären Aufhöhung des Gebäudes verbunden waren. Darauf weisen die zugemauerten Fenster in der Brandmauer zur Nachbarliegenschaft an der Rathausgasse 24 hin.

Restaurierungsmassnahmen

Freigelegte barocke Wandmalereien, vermutlich 17. Jh. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Die Bauherrschaft baute 2012-2014 das bisher als Estrich genutzte Dachgeschoss mit seinen bestehenden Brandmauern und einer Innenhöhe von rund 7.80 m in eine 3.5-Zimmer- Maisonettewohnung um und aus. Die Hauptstruktur der Dachkonstruktion blieb intakt und wurde wo notwendig konstruktionstreu repariert. Der Dachraum, bestehend aus einem Dachgeschoss und einem Galeriegeschoss, erhielt eine Innenwärmedämmung, die sich auf die Dachfläche beschränkt und die bauzeitlich verputzten Brandmauern somit sichtbar lässt. Auf der westlichen Dachseite gegen den Ehgraben wurde auf der Höhe des 1. Dachgeschosses eine breite Schlepplukarne durch eine grössere ersetzt. Auf Höhe des Galeriegeschosses wurden zudem zwei halbrunde Dachgauben eingefügt. Mit moderaten Massnahmen wurden die Wohnungen im Grundriss an heutige Bedürfnisse angepasst, ein neuer Einbau mit Bad und Küche gliedert den Grundriss jeweils in ein gassenseitiges und ein hofseitiges Zimmer. Historische Oberflächen aus unterschiedlichen Zeitepochen wurden freigelegt und tragen wieder viel zur ursprünglichen Raumstimmung in den Wohnungen bei. Im nördlichen Hausteil des zweiten und dritten Obergeschosses wurde der gegenwärtige Zustand mit der Innenausstattung aus dem 18./19. Jahrhundert erhalten und restauriert. Durch die Entfernung des Täfers in der gassenseitigen Stube des 1. Obergeschosses, das aus dem 19. Jahrhundert stammte, trat verputztes und farbig gefasstes Mauerwerk zutage.

Ausstattung der gassenseitigen Stube in der bel étage

Eine der zwei freigelegten Fenstersäulen. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Nach ersten Sondagen der Holzverkleidungen aus dem 19. Jahrhundert konnte man die ältere Ausstattung der Wandoberflächen erahnen. Im Laufe der Untersuchungsarbeiten entschloss man sich dazu, die neuzeitlicheren Vertäferungen grösstenteils zu entfernen. Nach diesem Rückbau präsentiert sich die gassenseitige Stube mit ihrer spätgotischen bzw. barocken Ausstattung und besticht durch ihre Proportionen wie auch besonders durch die Fensterfront samt erhaltenen Fenstersäulen.

Barocke Wandmalereien

Die Restauratorin reinigt die Wandmalereien mit einem Lasergerät. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Der Verputz dieses Raumes war mehrschichtig mit grauen und roten Bandfassungen, gemalten Früchtegirlanden und Blumen dekoriert. Die Bemalung erinnert an die barocke Girlandenmalerei in der Nachbarliegenschaft Rathausgasse10, die ebenfalls im 17. Jahrhundert entstanden sein dürfte. Unter den barocken Blumenmalereien liegen gemäss der Restauratorin Ina Link mindestens zwei frühere Fassungen,eine mit grau und eine mit rot gemalten Bändern, die jeweils von schwarzen Begleitlinien auf kalkweissem Anstrich begleitet werden. Die Schichten dieser früheren Fassung konnten jedoch nicht eindeutig zugeordnet werden, da ansonsten die darüberliegende Malereifassung hätte zerstört werden müssen. Die ornamentale Malerei wurde vermutlich in Kalkkasein ausgeführt und war unter einer starken Russschicht verdeckt. Im unteren Bereich konnte aufgrund der Malgrenze festgestellt werden, dass ein Brusttäfer eingebaut war, von dem noch Begleitlinien und Holzanker vorhanden waren.

Für die Restaurierung und Sicherung der fragilen Mal- und Kalkschichten zeigten sich herkömmliche Reinigungsmethoden als ungeeignet. Weder durch Trockenreinigung noch durch Kompressen war der starken Verrussung beizukommen ohne massive Substanzverluste in Kauf nehmen zu müssen. Die Reinigungsmethode mit einem Trockenschwamm löste zu wenige Schmutzpartikel von der Malerei. Mit einer Nassreinigung wurden wiederum zu viele Farbpigmente mit der Schmutzschicht zusammen entfernt. Eine Reinigungsprobe mit einem „Art Laser“-Gerät war dann so erfolgreich, dass man sich für das vorsichtige Abstauben mit einem Staubpinsel und Staubsauger einigte, um die Flächen danach mittels Laser von den Russschichten zu befreien. Die pulvrigen, spröden Malschichten und die abblätternden Kalkschichten hielten dem Laserstrahl stand, weshalb sich tatsächlich nur die Verschmutzung löste. Ein weiterer positiver Faktor war, dass die schlechten neuzeitlichen Übermalungen im gleichen Arbeitsgang grösstenteils ebenfalls durch den Laser entfernt werden konnten. Die Malereien wurden zunächst nur mit geringer Strahlungsintensität gereinigt. Nach und nach wurde der Laserbeschuss intensiviert, um ein optimales Ergebnis zu erhalten. Die Reinigung von Wandmalereien mit Laser wurde dabei erstmals im Kanton Aargau angewendet. Nach der Reinigung wurden die Malschichten gesichert und die artfremden Kittungen und Zementausbesserungen entfernt. Störende grössere Risse wurden mit Kalkmörtel geschlossen. Stark störende Fehl- und Kittstellen in der Malerei wurden einretuschiert und die Flickstellen und Neuputzflächen lediglich dem Umgebungsgrundton angepasst.

Geschenk zum 150-Jahre-Jubiläum

Das Umbaukonzept besteht zum einen in der Offenlegung der Grundrisse und der damit lichtdurchflutenden und übergreifenden Raumbereiche. Zum anderen liegt der Fokus in den zahlreichen Schnittstellen von alt und neu. Diese verschiedenen Epochen und deren Geschichten werden bewusst wieder sicht- und erlebbar, der Grad der Freilegung spannend und zentral. Dank der äusserst fruchtbaren und hilfreichen Zusammenarbeit mit der Kantonalen Denkmalpflege konnten nun viele und auch unkonventionelle Lösungen diskutiert, erarbeitet und umgesetzt werden. Das führte schlussendlich zu einem einzigartigen Ganzen, das alle Beteiligten überzeugt.

Steve Walther
Steve Walther Walther Architektur und Formgebung HTL / SWB

Flachschnitzdecke

Flachschnitzdecke, 1. OG, gassenseitige Stube. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Die ebenfalls 2012 entdeckte, braun gebeizteBretterdeckeweist eine spätgotischeFlachschnitzerei des späten 15. bzw. frühen 16. Jahrhunderts auf. Solche geschnitzten Decken waren um 1500 im deutschsprachigen Raum weit verbreitet. Als Flachschnitzerei wird ein auf zwei Ebenen flach beschnitztes Stück Holz bezeichnet. Auf diesem werden in der Regel farbig bemalte Motive dargestellt. Meistens wurde die erhabene Ebene heller gehalten als die tiefere Fläche, damit die Einzelmotive besser sichtbar waren. Zudem ist die Oberfläche der erhabenen Ebene häufig glatt, wohingegen bei der tieferen Ebene Schnitzspuren sichtbar sind. Dies erzeugt den Eindruck einer belebten Fläche. Die Flachschnitzereien wurden als publikumswirksame Schmuckform in repräsentativen Räumen unterschiedlicher Bautypen verwendet. Im Kanton Zürich konnte man feststellen, dass sich Flachschnitzereien auf eine kurze Zeitspanne zwischen 1470 und 1524 beschränken. Nach der Reformation wurden kaum noch Holzdecken mit Schnitzereien verziert. Auf der AarauerFlachschnitzdecke laufen zwei Friese dem Rand der Decke entlang und zeigen florale Ranken, welche optisch kunstvolle Unter- und Überschneidungen suggerieren. In der Forschung wird betont, dass nur die wenigsten mit Flachschnitzereien geschmückten Decken und Wände bis heute vollständig an ihrem ursprünglichen Ort erhalten geblieben sind. Somit stellt die AarauerFlachschnitzdecke ein künstlerisch wertvolles Zeugnis für die Raumausstattung der frühen Neuzeit dar.

Die Naturholzdecke wurde mit Laugepulver gereinigt und nachgewaschen. GrössereFehlstellen und Anpassungen am Rand wurden mit bauseits vorliegendem Restholz in Zweitverwendung ergänzt, auf Aufbesserung kleiner Fehlstellen wurde auch bei den Schnitzereien verzichtet. Das Ziel der Retuschierarbeiten durch die Restauratorin in diesen Bereichen war nur eine Beruhigung der Fläche, so dass wieder ein stimmiger Raumeindruck entstand. Der gefasste Grund der geschnitzten Friese wurde mit schwarzer Ölfarbe einretuschiert, womit auch die kleineren Fehlstellen in den Schnitzereien ausgeglichen werden konnten. Durch die statische Sicherung der Decke und des Balkengefüges mittels Stahlträger konnten die diversen Fremdeinbauten weitestgehend zurückgeführt werden.

Fenstersäulen

Fenstersäulen, gassenseitige Stube, 1. OG. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Zu den Staffelfenstern der Schaufassade gehören zwei aus Muschelkalkstein gefertigte Fenstersäulen des 15./16. Jahrhunderts. Beide weisen auf dem achteckigen scharrierten Säulenschaft eine reiche Kannelierung mit filigranen Masswerkformen auf. Neben der vollständig erhaltenen Fenstersäule befand sich eine zweite, die gleich aufgebaut gewesen sein dürfte. Jedoch stand sie nicht auf einer Säulenbasis, sondern auf einem Holzpfosten. Die fehlende Basis wurde mit Hilfe einer Abguss-Kopie der vollständigen Fenstersäule rekonstruiert. Der Sockel darunter wurde mit Backsteinen aufgemauert und verputzt. Auf den Kapitellen der beiden Fenstersäulen sass jeweils ein Kämpfer, auf dessen Rückseite ein Rundbogen anschloss, der die Säulen mit den Gewänden verband. Die Vorderseite des Kämpfers der westlichen Säule war mit einer unverzierten Wappenscheibe versehen. Heraldisch konnte diese aufgrund nicht mehr vorhandener Farbfassung leider nicht zugeordnet werden. Die Säulen wurden zusammen mit den Bruchsteinen und Ziegeln, die der Vermauerung zwischen Säule und Fenstergewände dienten, übertüncht. Der Verputz schützte die filigrane Scharrierung vor Abnützung. Die gotischen Fenstersäulen waren ebenfalls mit mehreren Anstrichschichten adäquat zur sonstigen Raumausstattung in grauen und roten Farbaufträgen gefasst. Die filigrane Masswerkstruktur und die feine Scharrierung der Steine waren dadurch fast nicht mehr zu erkennen.

Gassenseitige Stube im 1. OG, nach der Restaurierung. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Bauherrschaft und Denkmalpflege einigten sich auf eine sanfte Rückführung, eine Sicherung und partielle Instandstellung der Decken und der Wandfassung mit den Dekorationsmalereien und Fenstersäulen. Man nahm hierbei bewusst ein Überschneiden der diversen historischen Schichten und eine eher fragmentarische Darstellung in Kauf. Dies bewirkt eine sehr gut gelunge Ablesbarkeit der historischen Oberflächen. Das seitens des Architekten angestrebte Zusammenspiel zwischen Alt und Neu, zwischen perfekten und fragmentarischen Oberflächen führt künstlerisch wie historisch zu einem stimmigen Gesamteindruck.