Fanfarenstösse für das "Hörnli"
Über die Kernaufgabe der beratenden Tätigkeit an kantonal geschützten Baudenkmälern hinaus begleitet die Denkmalpflege häufig auch bauliche Massnahmen in den Altstädten. Dass sich historische Substanz und zeitgenössische Hinzufügungen mit Respekt und gleichzeitig grosser Konsequenz begegnen können, zeigt der Umbau des historischen Gasthauses "zum Gelbhorn" in den Grossen Bädern in Baden durch den Architekten Benedikt Zweifel.
Die, gestützt auf eine historische Postkarte von 1911, rekonstruierte und neu interpretierte Schaufensterfront des historischen Gasthauses Hörnli lädt zum Eintreten ein. Generell schmückt die ganze Fassade und das restaurierte, repräsentative Wirtshausschild die Gasse. Der Gang zum benachbarten Badgasthof Blume hat dadurch in jüngerer Zeit deutlich an Attraktivität gewonnen. Wenn das langjährige gegenüberliegende Fassadengerüst des Verenahofs irgendwann doch noch abgebaut werden könnte, würde sich der Gassenraum gar noch schöner präsentieren.
Umbauprojekt 2025
Beim Umbauprojekt des historischen Gasthauses kam vieles zusammen, das zu einem auch für die Denkmalpflege aussergewöhnlichen Resultat beigetragen hat. Ein Eigentümer mit Freude an historischer Substanz, ein Architekt mit Blick aufs Ganze und guten Ideen sowie fähige Unternehmen, die mit traditionellem Handwerk mit der Substanz umzugehen wussten. Das Resultat ist insofern auch erstaunlich, da bei der ersten Hausbegehung nichts auf die verborgenen Schätze hingedeutet hatte. Vollgepfercht mit Kleinstwohnungen war hinter Farbschichten, Vorsatzschalen und abgehängten Decken kaum etwas von historischer Relevanz zu erahnen. Um Klarheit über die noch vorhandene Substanz zu erlangen, wurden erste Sondagen erstellt, und das Objekt später durch die Mittelalterarchäologie des Kantons bauarchäologisch untersucht. Nach einem wohl hölzernen, durch einen Brand im 15. Jahrhundert abgegangenen Vorgängerbau konnte der Kernbau des Hauses auf 1559 datiert werden. Darüber hinaus wurden spätere Bauphasen vom 17. bis ins 19. Jahrhundert in Substanz und historischer Ausstattung festgestellt.
Bauarchäolgische Erkenntnisse
Gestützt auf die bauarchäologischen Erkenntnisse wurde das Projekt angepasst, um die historisch relevante Substanz zu schonen, und so sind Erschliessung und die einzelnen Räume des historischen Gasthofs "zum Gelbhorn" noch heute im Wohnungsgrundriss erlebbar. Der Respekt zur überlieferten Substanz zeigte sich indes nicht nur strukturell. Nach dem Entfernen sämtlicher im 20. Jahrhundert nachträglich eingebauten Schichten entblätterte sich das historische Gasthaus inkl. seiner teils schmuck bemalten und früher reich gestalteten Oberflächen. Teils nur noch fragmentarisch überlieferte Grisaille-Malereireste im früheren Saal im 1. Obergeschoss, teils erstaunlich gut erhaltene, mit Ocker und Rot gefasste Begleitbandmalereien an Wänden und Decke fanden sich nebst einzelnen Resten alter Tapeten.
Akzeptanz des überlieferten Zustandes
Das von Bauherrschaft und Architekt initiierte und durch die Denkmalpflege gestützte Restaurierungskonzept sah nun vor, sämtliche freigelegten Fassungen aus unterschiedlichen Epochen zu akzeptieren und diese wie überliefert zu konservieren. Somit gab es keine Diskussion über eine für die Gestaltung grundlegende Epoche und auch kein Abwägen, wie weit man mit Instandstellung und eventuell Rekonstruktion gestörter Oberflächen gehen soll. Die Akzeptanz des überlieferten Zustandes war das Credo. In dieser Konsequenz ist das bei Umbauten selten, die durch die Denkmalpflege begleitet werden.
Um das Jahr 1600 wurde im 1. Obergeschoss eine geriegelte Korridorwand entfernt und in der massiven Trennwand zum benachbarten Badgasthof Blume zwei Wandnischen herausgebrochen und repräsentativ bemalt, vermutlich um einen kleinen Saal zu schaffen. Fragmentarisch haben sich von dieser frühen Ausbauphase sogenannte Grisaille-Malereien erhalten. Bei genauerer Betrachtung erkennt man einzelne Voluten und Streifbandmalereien in den Wandnischen. Direkt neben den bemalten Wandstellen finden sich indes auch substanziell gestörte Oberflächen, wo der historische Putz gänzlich fehlt und das darunterliegende Mauergefüge zutage tritt. Die erstaunliche Konsequenz des umgesetzten Restaurierungskonzeptes lag darin, selbst solche Mauerpartien als überlieferten Zustand und geschichtliches Zeugnis zu akzeptieren und die teils fragilen Putze nur soweit in Stand zu stellen und zu sichern, dass keine Folgeschäden entstehen können.
Fragmentarisch und doch homogen
Die historische Raumschale ergibt somit ein fragmentarisches und gleichwohl homogenes Bild, zumal der Materialkanon durch die über Jahrhunderte gleich gebliebenen Werkstoffe Holz, Stein und Kalk definiert wird. Selbstverständlich wurden die Wohnungen den normativen Anforderungen hinsichtlich Schall-, Energie und Brandschutz angepasst. Dafür notwendige neue Oberflächen sind angelehnt an die historischen Baustoffe, und die neuen Holzböden sowie die mit Kalk verputzten Wände fügen sich nahtlos zu den historischen Oberflächen, die sich einzig durch ihre Patina und ihren Alterswert unterscheiden. Dass auch zeitgenössische Interventionen erfolgten, zeigt sich in architektonisch sorgfältig gestalteten Details und eine geschickt gewählte Materialisierung. Am augenfälligsten zeigt sich das im Bereich der Küche und des Bades, die architektonisch ihre eigene Sprache sprechen und gleichwohl wie die metallenen, roh belassenen Heizungsinstallationen ohne künstliche Farbgebung durch ihren materiellen Charakter geprägt sind – und sich daher gut zum historischen Kontext gesellen.
Rebstockkohle als Fassadenpigment
Eine besondere Erwähnung verdient auch die Pigmentierung der Fassade. Wie die Erstbemalung im Gebäudeinnern wurde auch die neu verputzte Fassade mit einem Grauwert getönt. Dafür wurde das Pigment "Rebschwarz" verwendet, das seit der Antike aus verkohlten Resten von Reben gewonnen wird. Die hauseigenen Rebstöcke des Eigentümers haben hier unter Mithilfe des Architekten beste Dienste geleistet.
Die Grossen Bäder in Baden sind durch das Umbauprojekt um ein unprätentiöses Gasthaus reicher geworden, das Aufmerksamkeit verdient, auch wenn das goldene Horn des restaurierten Wirtshausschildes keine Töne von sich gibt. (Heiko Dobler)