Von der klösterlichen Trotte zum privaten Wohnhaus
In der Denkmalpflege gehört die Umnutzung historischer Bauten zur gelebten Praxis. Eine kontinuierliche Nutzung sichert nicht nur den Unterhalt, sondern schreibt die Geschichte des Ortes fort und trägt wesentlich zu seiner langfristigen Erhaltung bei. Bei geschützten Baudenkmälern gilt es jedoch, die Eingriffe besonders umsichtig abzuwägen: Jede Anpassung an neue Nutzungsanforderungen darf die historische Substanz nicht beeinträchtigen. Die Rote Trotte in Wettingen verdeutlicht diese Balance auf eindrucksvolle Weise. Aufgrund ihrer besonderen topografischen Lage und der teils gegensätzlichen Anforderungen von historischer und zeitgemäßer Nutzung stellte das Projekt alle Beteiligten vor anspruchsvolle planerische und gestalterische Aufgaben.
Historischer Hintergrund
Der Rebbau nahm im östlichen Kanton Aargau seit dem Mittelalter eine bedeutende wirtschaftliche Stellung ein. Die ausgedehnten, nach Süden exponierten Hänge der Lägern eigneten sich hervorragend für den Rebbau. Im Gebiet der früheren Grafschaft Baden zeugten im späten 18. Jahrhundert noch über 180 Trotten davon. Der Grossteil des Reblandes befand sich einst im Besitz der Klöster. In der Umgebung von Baden kontrollierte das Kloster Wettingen bis zu seiner Aufhebung im Jahr 1841 sieben Trotten, darunter die Rote Trotte an der Rebbergstrasse. Es war ein einträgliches Geschäft, zumal die Lehensleute und Rebbauern einen festgelegten Anteil – zumeist die Hälfte – des jährlichen Weinertrags an die Grundherren abzuliefern hatten.
Die Rote Trotte in Wettingen wurde erstmals im Jahr 1504 urkundlich erwähnt. Über dem Portal auf der Ostseite befindet sich zudem eine eingelassene Wappentafel, die auf die Wettinger Äbte Johann Schwarzmurer und seinen Amtsbruder Rudolf Wülflinger hinweist. Diese leiteten von 1427 bis 1455 die Geschicke des Klosters Wettingen. Ob der steinerne Unterbau noch aus dieser Zeit stammt, ist nicht gesichert. Dendrochronologische Untersuchungen von Balkenlage und Dachstuhl weisen auf das Jahr 1760 (d) hin.
Die Trottenstube
In der südöstlichen Gebäudeecke der Trotte findet sich mit der Trottenstube eine bis heute überlieferte Besonderheit. Mit der Organisation und Überwachung des Kelterbetriebes wurde unter noch klösterlicher Aufsicht ein Trottmeister betreut. Dieser hatte die Anlage funktionstüchtig zu halten und für einen geregelten Ablauf des Pressvorgangs zu sorgen, auch war er verantwortlich für das korrekte Abmessen und Registrieren des Weinzehntes. Während der Weinernte durfte der Trottmeister selbst über Nacht das Gebäude nicht verlassen. Als Schlaf- und Aufenthaltsort diente ihm und seinen Gehilfen die Trottenstube, ein kleines, vom Pressraum abgetrenntes Gemach.
Im Gegensatz zum Rest des Bauwerks wiesen die Trottenstuben eine recht wohnliche Ausstattung auf. Balkendecken mit einfachem Deckentäfer, Wandtäfer, Tannenriemenböden und bisweilen sogar Kachelöfen waren typische Ausstattungsmerkmale. Ansonsten gab es keine weiteren Raumaufteilungen, zumal die Pressvorrichtung (bis zur Mitte des 19. Jh. waren das ausschliessliche Baumpressen) den Grossteil der zur Verfügung stehenden Fläche beanspruchte. Einrichtungen, wie die Trottenstube in Wettingen, haben grossen Seltenheitswert.
Im spezifischen Fall der Wettinger-Stube wird der historische Wert noch durch einen künstlerischen ergänzt. Die frühere Besitzer- und Winzerfamilie Steimer beauftragte im Jahr 1952 den bekannten Aargauer Künstler und Bildhauer Eduard Spörri (1901-1995), die Raumschale der Stube unter Mithilfe weiterer Künstlerpersönlichkeiten aus Wettingen bildhaft zu gestalten. Entstanden ist ein wohl einzigartiger Raum, der neben Szenen aus dem Weinbau auch Mitglieder und Bekannte der Winzerfamilie zeigt.
Der Umbau
Die Ausgangslage für die Umnutzung war sowohl architektonisch als auch denkmalpflegerisch anspruchsvoll. Der Trottenraum war hangseitig der Länge nach raumhoch ins Terrain eingelassen. Einige schmale Lüftungsschlitze und die Zugangstore sorgten für eine nur spärliche Belichtung. Mehr war für eine Trotte auch nicht notwendig. Die dem Norden zugewandte, direkt aus dem Hang stossende Dachfläche verfügte über eine einzige Lukarne, welche die Nutzung des Dachstuhls als Lagerraum ermöglichte. Der Unterhalt wurde nur noch minimal bewerkstelligt, zumal der Winzer den Betrieb der Trotte im Jahr 2022 eingestellt hatte. Die Lage inmitten eines Wohnquartiers – die Rebberge wurden seit Jahren zurückgedrängt –, die eng geschnittene Parzelle und das Minimum an Parkplätzen standen alternativen Nutzungsszenarien im Wege. Eine Wohnnutzung war demnach das plausibelste und realisierbarste Szenario.
Da ein Wohnen in der Trotte nicht ohne denkmalpflegerische Kompromisse möglich ist, wurden gemeinsam mit der Bauherrschaft und dem Architekten denkmalpflegerische Leitplanken definiert, die es zu erfüllen galt. Ein möglichst grosser Substanzerhalt, Rücksichtnahme auf die inneren Strukturen, Wahrung des Charakters sowie Erhalt der Altersspuren waren dabei zentrale Aspekte. Neue Zufügungen und Eingriffe in die historische Substanz sollten gezielt und mit einem hohen gestalterischen Anspruch erfolgen.
Abgestimmt auf die inneren Tragstrukturen (Balkenlagen und Stütze) wurden durch die Architekten zwei eigenständige, neue Holzbauten geplant, die gewissermassen losgelöst von der historischen Gebäudehülle funktionieren. Durch das "Haus im Haus" System wurde die historische Hülle von bauphysikalischen Anforderungen entlastet und konnte in traditioneller Handwerksmanier renoviert werden. Im Bereich der teils abgewitterten Aussenputze hat man sich entschieden, diese zu konservieren, d.h. den über Jahrhunderte gewachsenen Zustand mit seinem Charakter und der Patina zu bewahren. Gleiches galt für die historischen, handgemachten Ziegel, die einzeln geprüft wiederverwendet und wo notwendig mit ebenfalls handgemachten Ziegeln ergänzt wurden. Der Charakter des Daches mit seinen Altersspuren und Unebenheiten konnte wie auch der über Jahrhunderte verwitterte Verputz weitgehend gesichert und bewahrt werden.
Während sich die dem Betrachter meist zugewandte Ostseite mit der geriegelten Giebelfassade unverändert zeigt, wurden in der Südfassade gezielte Perforationen gesetzt, um für ein adäquates Mass an Belichtungsmöglichkeiten für die Wohnungen zu sorgen. Die neu geschaffenen Öffnungen zeigen sich mit roh belassenen Stahlzargen und bündig eingelassenen Gläsern. In Kombination mit flächigen Glaslamellenfenstern und Glasziegeln zeigen sich die neuen Wohnhäuser im Innern der historischen Hülle ausreichend gut belichtet.
Im Bewusstsein, dass sich die zur Belichtung notwendigen Massnahmen nicht verbergen lassen, wurden diese als zeitgenössische Interventionen gestaltet, ohne aber in zu grosse Konkurrenz mit dem ursprünglichen Charakter der Trotte zu treten. In Kombination mit dem wichtigen Erhalt des Alterswertes, also der überlieferten Patina, ist eine interessante Synthese entstanden, welche das Handlungsfeld von der Konservierung historischer Mörtel bis hin zum modernen Innenausbau aufzeigt. Erfreulich, dass die Häuser nach kurzer Zeit bereits Liebhaber gefunden haben und sich die Trotte wenige Woche nach deren Renovation wieder belebt zeigt. (Heiko Dobler)