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Funde & Archäologische Sammlung

Verlorener Antonius und vergrabener Benedikt

Drei Pilgerzeichen nebeneinander vor dunkelgrünem Hintergrund.
Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Neuzeitliche Funde aus dem Freiamt geben Einblick in den Umgang mit Alltagsnöten und die Kirchenarbeit.

Wer heute etwas verliert, nutzt die Suchfunktion seines iPhones, hofft auf den Keyfinder oder wendet sich an ein Fundbüro. Welche Möglichkeiten hatten die Menschen vor 250 Jahren in einer solchen Situation? Zahlreiche Funde eines Freiwilligen der Kantonsarchäologie beantworten diese und weitere Fragen nach dem Umgang mit alltäglichen Nöten im neuzeitlichen Freiamt.

Rundes, braun korrodiertes Heiligenabzeichen mit der unscheinbaren Darstellung einer Figur, die ein Kind auf den Armen trägt.
Der heilige Antonius. Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Auf den Feldern und Äckern von Villmergen und angrenzenden Gemeinden fand ein Freiwilliger der Kantonsarchäologie eine Vielzahl an religiösen Medaillons aus dem 17. bis 20. Jahrhundert. Diese unscheinbaren Medaillons lassen einen Blick auf die Volksfrömmigkeit werfen und vermögen in einigen Fällen auch persönliche Geschichten zu erzählen. So etwa eine verlorene Medaille mit einem Abbild des heiligen Antonius – dem Schutzpatron verlorener Gegenstände –, die jemand erneut gelocht hat, nachdem die erste Befestigung ausgerissen war. So wichtig war die Medaille für ihren Träger. Der heilige Antonius ist jedoch nur ein Heiliger unter vielen, die auf den Medaillons abgebildet sind.

Heilige für alle Fälle

Ovales, hellgrau metallenes Pilgerabzeichen mit der Darstellung eines bärtigen Mannes, der nach rechts unten blickt.
Der heilige Anastasius. Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Die Medaillons zeigen meist Heilige, deren Schutz man sich in unterschiedlichen Nöten und Lebenslagen erhoffte. Rita von Cascia bietet etwa Hilfe in aussichtslosen Anliegen, bei Examensnöten und sie gewährt Schutz vor Pocken. Anastasius, der Perser, hilft bei Kopfschmerzen und Raserei, und der bereits erwähnte Antonius bietet nicht nur Hilfe bei verlorenen Gegenständen, sondern ist auch Patron der Armen und Sozialarbeiter, der Liebenden und der Ehe. Er hilft auch bei Pest und Viehkrankheiten, in Kriegsnöten und bei der Entbindung. Eine Gruppe für sich bilden die Heiligen aus dem Orden der Jesuiten: So etwa Aloysius von Gonzaga, Patron der Jugend und der Studenten, welcher der Legende nach zu Lebzeiten den Augenkontakt mit Frauen mied und bei der Pflege von Pestkranken verstarb. Wie zu erwarten ist, hilft Aloysius bei Augenleiden und der Pest. Franz von Xaver, der während der Jesuitenmission in Kalkutta starb, war Patron der katholischen Mission und gab einem in der Stunde des Todes Kraft. Die Medaillons zeigen aber nicht nur Heilige, sondern auch Darstellungen der Jungfrau Maria aus unterschiedlichen Pilgerorten. Denn die Medaillons sind nicht nur eine Quelle für die Volksfrömmigkeit, sondern auch Belege für das neuzeitliche und moderne Pilgerwesen.

Pilgerzeichen von nah und fern

Ein grosser Teil der Medaillons stammt aus Wallfahrtsorten und zeigt die verehrten Bilder oder Heiligen. Der mit Abstand grösste Teil der Medaillons aus Villmergen stammt aus dem Kloster Einsiedeln und zeigt meist die Gnadenfigur der Maria. Aber auch Pilgerzeichen aus dem süddeutschen Ettal oder Wesobrunn gelangten in Villmergen in den Boden. Von weiter her stammen die Pilgerzeichen aus Rom. Auf ihnen sind die vier heiligen Pforten in Rom dargestellt, welche, ansonsten immer zugemauert, nur alle 25 Jahre während eines sogenannten Jubeljahres geöffnet werden. Wer nach Rom pilgert und die vier Pforten durchschreitet, erreicht dadurch einen Ablass seiner Sünden. Die jüngsten Medaillons stammen aus dem heute noch oft besuchten Marienwallfahrtsort Lourdes. Wie aber verwendete man die Medaillons?

Rundes, braun korrodiertes Pilgerabzeichen mit der Darstellung der Maria von Einsiedeln.
Pilgerabzeichen aus Einsiedeln. Vorderseite. Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau
Rundes, braun korrodiertes Pilgerzeichen mit der Darstellung einer geflügelten FIgur.
Pilgerabzeichen aus Einsiedeln. Rückseite. Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

An Bett, Wiege und Tür

Ovales, braun korrodiertes Pilgeranbzeichen mit der Darstellung eines Kreuzes.
Ein Benediktspfennig. Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Religiöse Medaillons konnte man als Anhänger um den Hals tragen oder auf der Kleidung anbringen. Wohl am häufigsten befestigte man sie jedoch am Rosenkranz, den man für das Gebet verwendete. Zum Schutz vor Schicksalsschlägen konnten die Medaillons auch an kritischen Stellen angebracht werden. Besonders die Medaillons des Heiligen Benedikts wurden zum Schutz vor dem Bösen am Bett, der Wiege, der Tür oder der Krippe befestigt. Ausserhalb des Hauses legte man sie in die Ackerfurche oder vergrub sie an Bachläufen, um sich vor Missernten, Unwetter oder Hochwasser zu schützen.

Volksfrömmigkeit oder Propaganda?

Die Medaillons hatten auch andere Funktionen. Sie waren Erinnerungsstücke an besondere Momente im Leben wie die Firmung oder eine Pilgerfahrt. Sie sollten die Besitzerinnen und Besitzer allerdings nicht nur an persönliche Erlebnisse erinnern, sondern ihnen auch die Lebensgeschichten der Heiligen wiederholt vor Augen führen. Kirchenleute förderten deshalb den Gebrauch solcher Pilgerzeichen und verteilten religiöse Medaillons und andere Geschenke gezielt in der Bevölkerung. Die geistlichen Orden, allen voran der Jesuitenorden, nutzten solche Geschenke sogar als ein Mittel der Propaganda. Geistliche verteilten diese Geschenke an alle Gläubigen, aber insbesondere an Kinder und Jugendliche. Das Ziel war einerseits die Vermittlung religiöser Inhalte, andererseits aber auch der Erhalt und die Ausweitung des klerikalen Einflusses auf die Gesellschaft.

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  • Stefan Fassbinder, Wallfahrt, Andacht und Magie, Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Beiheft 18 (Bonn 2003).