Silber, Gold und koptische Schriftzeichen
Im Windischer Ortsteil Oberburg sind über 320 Menschen bestattet, die zwischen dem 4.–7. Jahrhundert n. Chr. am Platz des Legionslagers gelebt haben.
Die Funddichte in Vindonissa ist besonders für die Zeit der römischen Legionen (ca. 16−101 n. Chr.) hoch. Über die Zeit danach, die Spätantike und das Frühmittelalter, ist weniger bekannt. Das spätrömisch-frühmittelalterliche Gräberfeld im Windischer Ortsteil Oberburg ist deshalb ein wichtiger Referenzkomplex für Vindonissa, die provinzialrömische Archäologie und die Archäologie des frühen Mittelalters. Es war eine wechselvolle Geschichte, bis die Grabfunde endlich gedruckt vorgelegt werden konnten.
Über 320 Bestattungen
Unter der Leitung des damaligen Kantonsarchäologen Martin Hartmann führte die Kantonsarchäologie 1975/76 und 1979 an einem Hang südlich des kaiserzeitlichen Legionslagers Vindonissa Ausgrabungen im spätrömisch-frühmittelalterlichen Gräberfeld Oberburg durch. Seinerzeit wurde eine Vielzahl an Befunden dokumentiert: mehr als 320 Körperbestattungen, vorwiegend des 4. und 5. Jahrhunderts n. Chr., einige frührömische Brandgräber, ein mutmasslich frühkaiserzeitlicher Spitzgraben, Reste einer römischen Wasserleitung und sechs früh- oder hochmittelalterliche Grubenhäuser. Die spätrömischen Gräber wurden, ergänzt durch Befunde und Funde älterer Grabungen, im Jahr 1981 von Hartmann in einer Dissertation an der Universität Zürich bearbeitet. Diese Studie war seinerzeit zur Publikation vorgesehen. Zeit- und Personalmangel verzögerten jedoch zunächst eine zeitnahe Drucklegung, unglückliche Umstände verhinderten sie schliesslich ganz.
Ein Nachlass mündet in ein Buch
Nach dem Tod von Martin Hartmann im Jahr 2017 kam sein wissenschaftlicher Nachlass 2018 an die Kantonsarchäologie, darunter auch verschiedene Versionen des zum Druck vorgesehenen Manuskripts. Wegen der Bedeutung des Gräberfelds Windisch-Oberburg für die Geschichte von Vindonissa und der Schweiz zwischen Antike und Mittelalter entschloss sich die Kantonsarchäologie dazu, das Manuskript im Druck vorzulegen. Dabei galt es, Duktus und Stil des nachgelassenen Manuskripts zu bewahren, andererseits sollte mithilfe ergänzender Text- und Bildteile ein wissenschaftlicher Mehrwert gewonnen werden.
Silber-vergoldete Trachtbestandteile und koptische Schriftzeichen
Nur wenige Gräber der Nekropole enthalten Grabbeigaben des 4. Jahrhunderts n. Chr. Sie dehnte sich im Lauf der Zeit offenbar weiter hang aufwärts nach Südosten aus. Die jüngsten Gräber des 7. Jahrhunderts n. Chr. weisen wieder vermehrt Beigaben auf, darunter auch reichhaltige Waffenausrüstungen. Aus der spätrömischen Bestattung einer Frau und eines Kindes stammen silberne bzw. vergoldete Trachtbestandteile, die weitreichende Beziehungen innerhalb des spätrömischen Reichs erkennen lassen. In einem anderen Grab waren der verstorbenen Person Gold- und Silberbleche mit koptischen Schriftzeichen mitgegeben – ein schweizweit einmaliger Fund. Diese und andere Windischer Funde waren schon kurz nach ihrer Entdeckung in einer vielbeachteten Ausstellung in Mainz und Paris ausgestellt und wurden in der internationalen Forschung vielfach diskutiert.
Ein gutes Ende
Die wechselvolle Geschichte der "Grabfunde Oberburg" hat mit der gleichnamigen Publikation der Kantonsarchäologie 2026 zu einem guten Ende gefunden: Mehr als 45 Jahre nach Abschluss der damaligen Ausgrabungen ist der Text der Dissertation von Martin Hartmann als Buch erschienen.