Archäologie Hand in Hand mit dem Tiefbau
Rettungsgrabungen dokumentieren erstmals Siedlungsstrukturen des zweiten und dritten Jahrtausends v. Chr. in Teufenthal.
Archäologische Ausgrabungen sind manchmal langwierige Unterfangen, bei denen jeder Zentimeter des Untergrunds ganz genau untersucht wird. Schliesslich sind archäologische Quellen keine nachwachsende Ressource, sondern ein endliches Gut, zu dessen Schutz – oder ersatzweise zu deren Dokumentation – auch das Aargauer Kulturgesetz verpflichtet. Vielerorts ist die Quellenlage aber nicht so eindeutig, dass eine grossangelegte Ausgrabung etwa im Vorfeld einer Baumassnahme zu planen wäre. Dann muss sich die Archäologie in den allgemeinen Bauablauf integrieren. Zum Tagesgeschäft der Kantonsarchäologie gehört es in solchen Fällen, wissenschaftliche Ansprüche mit den Realitäten vor Ort in Einklang zu bringen – um Bauprojekte nicht unnötig zu verzögern und trotzdem möglichst viel vom kulturellen Erbe zu dokumentieren, auch oder sogar gerade in den bisher "weissen Flecken" der archäologischen Landkarte.
Bodeneingriff durch Bauprojekt
So war es auch 2026 in Teufenthal. Dort sollen in einem fast einen Hektar grossen Areal entlang der Dürrenäscherstrasse 31 Eigentumswohnungen, 20 Kompakthäuser und acht Reiheneinfamilienhäuser mitsamt Einstellplätzen für beinahe einhundert Personenwägen neu entstehen. Mit erheblichen Bodeneingriffen war also zu rechnen – aber auch mit Archäologie? Tatsächlich deuteten einzelne Funde darauf hin, dass das Gelände entlang des Dorfbachs schon in der Urgeschichte genutzt worden ist. Dazu zählen jungsteinzeitliche Beilklingen aus geschliffenem, alpinem Felsgestein und Scherben von Keramikgefässen, die in den letzten gut einhundert Jahren bei unterschiedlichen Bodeneingriffen gefunden worden waren.
Geophysik im Vorfeld
Um sich der Sache anzunähern, führte die Kantonsarchäologie zunächst eine sogenannte Geomagnetikprospektion durch. Dabei werden mithilfe spezieller Sonden feinste Störungen im Erdmagnetfeld gemessen. Manchmal rühren solche Störungen dann von archäologischen Strukturen im Untergrund, sodass die Messungen helfen, weitere Schritte zu planen. Auch an der Dürrenäscherstrasse zeigten sich einige Auffälligkeiten, bei denen es sich um Spuren archäologischer Funde handeln konnte. Deshalb sollte als nächstes eine Auswahl dieser Stellen gezielt untersucht werden.
Hand in Hand mit der Bauleitung
Die Arbeiten vor Ort gingen von Beginn an Hand in Hand mit der Bauleitung und dem ausführenden Aushubunternehmen. Der Bauplan sah einen etappierten Aushub vor, bei dem gemäss bodenschutzrechtlicher Vorgaben zunächst die oberen Erdschichten abgetragen werden sollten. Noch als die rund 20 Zentimeter dicke Humusschicht im ganzen Baufeld abgetragen wurde, konnten wir die ersten der oben genannten Verdachtsstellen mit dem Bagger untersuchen – und fanden nichts, dass das Messbild hätte erklären können. Wahrscheinlich stammten die magnetischen Signale doch von modernen Metallgegenständen im Humus. Aufschlussreich waren diese ersten Baggerschnitte dennoch, denn der gewachsene Boden wurde erst in über einem Meter, teils über zwei Metern Tiefe angetroffen. Darüber besteht das Gelände aus Schwemmlehm, der erst infolge von Erosionsprozessen hier am Talboden abgelagert wurde. Erfahrungsgemäss ist meist der Mensch Auslöser solcher Erosionsprozesse. Und tatsächlich fanden sich bis in den gewachsenen Boden herab einige Fragmente prähistorischer Keramik, was eine Besiedlung an Ort und Stelle annehmen liess.
Parallel zum Baubetrieb
Während die ersten Aushubetappen im restlichen Baufeld noch wie geplant liefen, beschlossen wir daher, testweise eine Teilfläche ganz im Osten zu untersuchen. Mit einem eigens angemieteten Grossbagger konnte dies völlig unabhängig vom laufenden Aushub geschehen. Es zeigte sich, dass das Gelände ursprünglich von Süden nach Norden hin leicht abfiel. Das umgekehrte, heutige Gefälle kam allein durch meterdicke Schwemmlehmschichten zustande, die im Lauf der Zeit von Norden her den Hang herabgeflossen waren. Und tatsächlich stellten sich bereits nach kürzester Zeit die ersten Funde ein. Bodenverfärbungen liessen sich als Standspuren vergangener Holzpfosten interpretieren, die einst zu Holzhäusern gehört hatten. Immer mehr Keramikfragmente liessen sich in die späte Bronzezeit (um ca. 1300 v. Chr.) einordnen.
Die Überraschung: in der Erdverfüllung einer unscheinbaren Grube fanden sich Reste eines Keramikbechers, der anhand seiner Glockenform und feinen Einstichverzierung sogar in die ausgehende Jungsteinzeit (etwa 2500 bis 2200 v. Chr.) datiert werden konnte. Funde aus dieser Epoche sind im Aargau und in der ganzen Schweiz sehr selten und für die Wissenschaft daher immer besonders interessant.
Brandgrube aus der Bronzezeit
Am eindrucksvollsten war jedoch der Inhalt einer etwa 1,6 Meter durchmessenden und ungefähr einen halben Meter tiefen Grube. Zunächst hatte man darin ein kräftiges Feuer entfacht und dann mit einer Lage Steine abgedeckt. Vergleichbare Brandgruben sind aus der Bronze- und Eisenzeit Europas vielfach bekannt und werden meist als eine Art Erdofen interpretiert, in denen zu besonderen Anlässen gekocht wurde. Im Fall der Teufenthaler Grube war dieser Anlass nach dem Kochen aber noch nicht zu Ende: auf der üblichen Steinlage fanden sich dicht gepackt und kiloweise Keramikscherben von dutzenden verschiedenen Gefässen. Sie müssen an anderer Stelle zerschlagen und verbrannt worden sein, ehe man sie in die Grube packte. Auch sie lassen sich sehr gut in die Zeit um etwa 1300 v. Chr. einordnen. Von dem Brauch, Tongefässe zu zerschlagen, zu verbrennen und anschliessend zu vergraben zeugen immer wieder solche bronzezeitlichen Keramikgruben. Meist handelt es sich dann aber um einfache Gruben, und nicht wie diesmal in Teufenthal um Brandgruben. Hier scheinen sich also unterschiedliche Bräuche unmittelbar miteinander verbunden zu haben.
Baubegleitend geht es weiter
Nach Abschluss der ersten Aushubetappen folgte bauseits ein mehrwöchiger Unterbruch, unter anderem wegen der sommerlichen Betriebsferien. Während dieser Zeit führte die Kantonsarchäologie die Arbeiten weiter, um möglichst viel vom Bauperimeter zu untersuchen, ehe der normale Aushub wieder weitergehen würde. Nachdem gut dreitausend Quadratmeter mit dem Bagger geöffnet waren, zeigte sich allerdings: abgesehen von den ersten Feldern mit den oben genannten Funden dünnten die archäologischen Spuren talabwärts nach Westen deutlich aus. Ein vermutlich mittelalterlicher Kanal wurde noch auf einigen dutzend Metern dokumentiert, aber Spuren spätbronzezeitlicher oder gar jungsteinzeitlicher Besiedlung fanden sich bald nicht mehr. Stattdessen war der Untergrund geprägt von etlichen Baumwurfgruben. Das sind Strukturen, die bei der Entwurzelung grösserer Bäume entstehen, insbesondere durch Sturmschäden. Interessanterweise fand sich in einem dieser Baumwürfe ein grösseres Stück von einem bronzezeitlichen Gefäss, das vermutlich nicht zufällig hineinrutschte, sondern dort abgelegt wurde. Möglicherweise wurde hier also der Rand einer sich weiter talaufwärts nach Osten erstreckenden bronzezeitlichen Siedlung mit dem sie umgebenden Wald erfasst. Das wäre durchaus eine ungewöhnliche Entdeckung. Allein dafür aber die übrigen Teile des Baufelds vor dem ohnehin geplanten Aushub aufzudecken, schien nicht gerechtfertigt. Deshalb hat Anfang August auch die Kantonsarchäologie ihre Arbeiten in Teufenthal vorläufig eingestellt, um stattdessen andernorts im Kanton tätig zu werden. Wir planen, die weiteren Aushubarbeiten in Absprache mit der Bauleitung und Bauführung nur noch punktuell zu begleiten. Sollten dabei doch noch einmal relevante Funde auftreten, wird der Aushub in dem riesigen Baufeld einfach an anderer Stelle weitergehen können.