Wittnau-Oberer Kirchweg
Auf dem Kirchhügel von Wittnau war im Hinterhof eines Bauernhauses eine Grossüberbauung mit einer Einstellhalle geplant, die über 1000 Quadratmeter misst. Die Baumassnahmen tangierten einen römischen Gutshof.
Die Einheimischen wissen seit jeher: es gibt "auf der ganzen Fläche zwischen Kirche und Schulhaus Mauerwerke und Gewölbe". Aber erst 1929 wurden erste Hinweise auf römerzeitliche Siedlungsspuren in der Fachliteratur festgehalten. Ab 1997 fanden erste archäologische Untersuchungen im Wirtschaftstrakt, der sogenannten pars rustica des Gutshofes, statt. Dort standen Schwellbalkenbauten auf steinernen Unterlagen oder Pfostenbauten.
Zum ersten Mal hatte die Kantonsarchäologie mit dieser Grabung die Gelegenheit, Teile des römischen Herrenhauses, der sogenannten pars urbana, zu untersuchen. Zu den frühesten römischen Spuren vor Ort gehört ein Nutzungshorizont aus dem frühen 1. Jahrhundert n. Chr.
Ein stattliches Herrenhaus
Das Herrenhaus, die parsurbana, war in Stein gebaut. Im Westteil traf die Grabungsequipe vier Bauphasen an. Aus der ältesten Bauphase (2. Jahrhundert n. Chr.), der Bauphase 1, ist eine über 30 m lange Mauer dokumentiert, deren Funktion − eventuell Gebäude- oder Umfassungsmauer − unklar ist. Noch im 2. Jahrhundert wurde diese erste Steinmauer abgebrochen und ein neuer, leicht abweichend orientierter Steinbau errichtet (2. Bauphase). Später entstand ein stattlicher Steinbau (3. Bauphase), der wiederum anders orientiert ist. Darin entdeckte das Grabungsteam neben den Resten eines Raumes mit Mörtelboden zwei Räume mit Heizung, sogenannte Hypokauste. Hierbei handelt es sich vielleicht um die Badeanlage des Hauses. Diese, sowie seltene Bruchstücke von Kalksteinplatten und zahlreiche bemalte Putzfragmente bezeugen die gehobene Ausstattung des Steinbaus.
Bemalter Wandverputz wurde bislang noch nie im Fricktal gefunden, weshalb der Fund von besonderer Bedeutung ist. Erreichen konnte man den Bau über einen Kiesweg, der von Südwesten nach Nordosten über die abgebrochenen Mauern führte, die von den älteren Phasen stammen.
Ein Brand zertörte alles
Eine neue Situation zeigt sich im ersten Drittel des 3. Jahrhundert n. Chr. (4. Bauphase). Möglicherweise war das Gebäude bereits verlassen, als man es noch einmal umbaute und die alten Fundamente als Sockel für hölzerne Fachwerkbauten nutzte.
Diese Bebauung wird in der Mitte des 3. Jahrhunderts durch einen Brand vollständig zerstört. Ob das Feuer mit einem kriegerischen Ereignis − zum Beispiel mit den Germaneneinfällen − zusammenhängt, ist nicht nachweisbar. Dennoch ist auffallend, dass im gleichen Zeitraum eine Höhensiedlung als Rückzugsort auf dem Wittnauer Horn aufgesucht wird.
Allerdings gab es auch vor Ort immer noch Menschen, welche das Gutshofareal bis ins fortgeschrittene 3. Jahrhundert n. Chr. nutzten, wie die Funde beweisen. Aus dem letzten Brandhorizont bzw. aus den Nutzungshorizonten über den Ruinen stammen unter anderem zwei Lanzenspitzen und eine ungewöhnliche Speerspitze.
Die Trotte von Wittnau: Die letzte ihrer Art
Bis vor kurzem stand auf dem Areal der römischen Villa die einzige im Aargau bekannte Trotte, die vollständig aus Holz gebaut war. In der Trotte fanden die sogenannten Trottbäume Platz, mit denen die Wittnauer ihre Trauben pressten. Während 166 Jahren geschah dies in der 125 Quadratmeter grossen und 3,5 Meter hohen Halle.
Sie war 1720 erbaut worden und zeugte bis vor kurzen vom Können der damaligen Zimmerleute. Denn das hölzerne Ständergerüst war so konstruiert, dass die ganze Dachlast auf die Seitenwände abgeleitet wurde. Sämtliche Streben der Wände und des Dachstuhls waren nur ineinander verzapft und mit Holznägeln fixiert. Eine Verbretterung schützte das Gerüst. Ein Walmdach überdeckte die Trotte noch bis ins 19. Jahrhundert. Dann wurde es abgebaut, weil es unmodern geworden war.
Im Jahre 1886 wurde die Kelterei aufgegeben und die Trottbäume aus dem Gebäude entfernt. Fortan nutzte die Familie Fricker, die im Bauernhaus nebenan lebte, die ehemalige Trotte als Scheune. Am 13. August 2015 wurde die Trotte abgerissen.