Geheimnisvoller Platz im Wohler Wald: Feldkurs für Freiwillige
Der 8. Feldkurs für Freiwillige widmet sich römischen Ruinen im Wohler Wald.
Der Häslerhau in Wohlen war über Jahrhunderte immer wieder Begräbnis- und Siedlungsplatz, wie bronze- und eisenzeitliche Bestattungen in Grabhügeln und Reste eines römischen Gebäudes belegen. Im Mittelalter wurde das gerodete Gebiet als Weide- und Ackerland bewirtschaftet. Die römische Ruine war gemäss alten Überlieferungen noch im 19. Jahrhundert sichtbar und wurde als Steinbruch genutzt.
Erste archäologische Untersuchungen der Gräber und des römischen Gebäudes fanden 1927/28 unter der Ägide des Wohler Lehrers Emil Suter im Auftrag der Historischen Gesellschaft Freiamt statt. In den 1960er -Jahren wurden Teile des römischen Steingebäudes freigelegt. Die freiliegenden Mauern sind seither der Witterung und Vegetation ausgesetzt und schlummern unbeachtet im Wald.
Freiwilligen-Blog
Beitrag 1: Spurensuche im Unterholz (6.9.2026)
Spurensuche im Unterholz
von Bruna, Freiwillige
Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm, es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um…
Wer bei diesen Zeilen an die Hagebutte aus dem bekannten Volkslied denkt, liegt weit daneben. Das “Männlein” auf meinem Foto trägt zwar einen leuchtend roten Pullover und steht mitten im Dickicht, ist aber ein Freiwilliger der Kantonsarchäologie. Und “still und stumm” blieb es bei uns diese Woche ganz bestimmt nicht: Das Rauschen der Blätter und das Pfeifen der Vögel wurde immerzu von regen Gesprächen, dem leisen Schrappen des Langstielkratzers auf Waldboden oder den Hieben des Pickels im steinharten Gelände begleitet.
Zusammen mit einer Gruppe von Gleichgesinnten habe ich zum wiederholten Male am Feldkurs der Kantonsarchäologie teilgenommen. Unser Auftrag im Häslerhau oberhalb Anglikon lautete, den Zustand der römischen Hinterlassenschaften, die hier vor Jahren zum Teil freigelegt wurden, zu überprüfen. Die Abklärungen sollen weitere Erkenntnisse zutage fördern und gegebenenfalls als Grundlage für geeignete Schutzmassnahmen dienen.
Die topografischen Gegebenheiten und Auflagen machen die Waldgrabung zur reinen Handarbeit. So waren wir denn vom ersten bis zum letzten Tag körperlich sehr gefordert, da der Waldboden durchwurzelt, steinig und von einer dichten Humusschicht bedeckt war. Inmitten in dieser schweisstreibenden Plackerei im Unterholz fragte ich mich, was mich eigentlich hierzu antreibt. Es ist eine Mischung aus Faszination, Entdeckungslust, Naturerlebnis und Verantwortung.
Der stärkste Motor ist die pure Faszination. Wenn man eine römische Mauer oder die Reste eines Gutshofs freilegt, ist die Geschichte plötzlich keine abstrakte Jahreszahl mehr. Sie ist real.
Man berührt Steine und Ziegel, die vor rund 2000 Jahren von römischen Handwerkern gesetzt wurden. Das Arbeiten unter dem schützenden Blätterdach mit dem einfallenden Licht hat eine fast meditative Wirkung. Man vergisst die Zeit, während man sich voll und ganz auf das Grabungsfeld vor sich konzentriert. Ein riesiger Motivationsfaktor ist aber auch das Team. Alle arbeiten Hand in Hand für dasselbe Ziel. Man teilt die Geduldsproben, die Pausensnacks und die Freude über jede wiederentdeckte römische Scherbe. Diese leidenschaftliche Gemeinschaft schweisst in kürzester Zeit zusammen. Archäologie bedeutet aber nicht nur, Neues zu finden, sondern auch das Bestehende zu bewahren. Indem wir Freiwilligen die Profis der Kantonsarchäologie unterstützen, helfen wir aktiv, dieses kulturelle Erbe für die Zukunft zu sichern.
Es gibt ein tiefes Gefühl von Sinnhaftigkeit zu wissen, dass man einen Beitrag, sei er noch so klein, zur Wissenschaft und zum Denkmalschutz leistet.
Mit Erde unter den Fingernägeln und müde, aber einem Lächeln im Gesicht habe ich meine Sachen Ende Woche gepackt. Es war eine grossartige Erfahrung: Die Mitarbeit bei der Kantonsarchäologie verändert den Blick auf die eigene Heimat. Wer einmal den Boden beiseitegeschoben und Geschichte berührt hat, sieht die Umgebung beim nächsten Spaziergang mit ganz anderen Augen!
Beitrag 2: Die magischen Ziegel vom Häslerhau (6.9.2026)
Die magischen Ziegel vom Häslerhau
von Urs, Freiwilliger
Erwartungsvoll betrat am 31. August 2026 die erste Gruppe des diesjährigen Feldkurses den Wald oberhalb des Aussichtspunktes "Alpenzeiger" in Anglikon, um dort die Suche nach Spuren einer römischen Siedlung zu beginnen. Frühere Ausgrabungen und die Bodenradaraufnahmen liessen auf einen erfolgreichen Einsatz hoffen.
Schon nach wenigen Minuten zeigte sich mit den ersten Pickelhieben, dass wir nicht falsch lagen. Beim Aushub stiessen wir auf viele Ziegelfragmente und auf Steinformationen, die eindeutig belegten: Hier waren einst die Römer! Ein Mitglied der Gruppe erinnerte sich an die Aussage eines Professors, der einst den "Jeans-Test" erwähnt hatte.
Wenn ein Ziegelstein, an einer Jeans gerieben, rote Spuren hinterlässt, dann ist er römisch.
Im Laufe der ersten Tage häuften wir Ziegelsteinfragmente in allen Grössen an und waren alle beeindruckt vom Ertrag unserer Grabungen. Valentin untersuchte zusätzlich die Erdhügel mit seinem Metalldetektor. Dabei stellte er fest, dass auch etliche Ziegel mit einem Piepsen ansprachen. Grosse Verwunderung machte sich breit. Waren in diesen Fragmenten Münzen versteckt? Gibt es eine natürliche Erklärung?
Niemand konnte sich einen Reim darauf machen. Auch Cornel Braunwalder, erfahrener Sondengänger aus Wohlen, besuchte uns in dieser Woche mehrmals und Valentin machte ihn auf seine Entdeckung aufmerksam. Cornel konnte es nicht glauben und erschien tags darauf mit seinem eigenen Detektor. Auch er konnte dieses Phänomen beobachten und sagte, so etwas hätte er noch nie erlebt.
Ob es sich hier tatsächlich um "magische" Ziegelsteine handelt?
Diese Frage konnte in der ersten Woche nicht geklärt werden und so hoffen wir, dass das Rätsel bis zum Ende der Grabungen gelöst werden kann.
Beitrag 3: Back to the roots (12.9.2026)
Back to the roots
von François, Freiwilliger
Es gibt Orte, an denen man zunächst nur Wald sieht. Bäume, Laub, Steine und jede Menge Wurzeln. Doch wenn man genauer hinschaut – und vor allem anfängt zu graben –, öffnet sich plötzlich ein Fenster in eine Vergangenheit, die Jahrhunderte und sogar Jahrtausende zurückreicht. Genau so einen Ort durfte ich während des Feldkurses 2026 der Kantonsarchäologie kennenlernen: den Häslerhau bei Wohlen.
Für mich war diese Woche in mehrfacher Hinsicht ein "Back to the roots". Zum einen führte mich der Feldkurs zurück zu meinen beruflichen Wurzeln. Als gelernter Forstwart ist der Wald für mich vertrautes Terrain. Nur war das Werkzeug diesmal ein anderes: Statt Motorsäge und Forstwerkzeug kamen Kelle, Schaufel, Pinsel und anderes archäologisches Gerät zum Einsatz, um vorsichtig Schicht für Schicht Vergangenheit freizulegen. Zum zweiten waren da die Wurzeln im ganz wörtlichen Sinn. Wer im Wald archäologisch gräbt, merkt schnell: Bäume haben die unangenehme Angewohnheit, ihre Wurzeln genau dort wachsen zu lassen, wo Archäologen gerne graben möchten. So wurde manche Wurzel zum kleinen Endgegner auf dem Weg in die Vergangenheit.
Und dann ist da noch die dritte und für mich faszinierendste Bedeutung: Wir gruben nach den Wurzeln unserer Geschichte.
Dass der Häslerhau kein gewöhnlicher Wald ist, wusste man schon lange vor unserem Feldkurs. Bekannt sind bronze- und eisenzeitliche Bestattungen in Grabhügeln. Besonders die Gräber aus der späten Hallstattzeit erzählen von Menschen, die hier vor rund 2500 Jahren ihre Toten bestatteten. Doch eine entscheidende Frage ist bis heute offen: Wo lebten diese Menschen? Ihre Gräber kennt man. Ihre Siedlung nicht. Und damit nicht genug. Im selben Gebiet liegen die Überreste eines römischen Steingebäudes. Schon ein Grabungsbericht von 1929 stellte sinngemäss fest, dass eine fünftägige Grabung das Rätsel der Ruine nicht lösen konnte und weitergeforscht werden müsse. Fast hundert Jahre später standen nun wir wieder dort.
Mit sieben anderen Freiwilligen geht es am Montagmorgen los mit dem Graben. Die Infrastruktur war einfach. Unser Arbeitsplatz lag mitten im Wald. Kein Strom, kein Grabungszelt, Grabungsfläche, Werkzeug, auch hier "Back to the roots". Wir gruben verschiedene Flächen aus und präparierten sie sorgfältig. Dabei zeigt sich schnell, was mich an der Archäologie so begeistert: Man weiss nie genau, was die nächsten Zentimeter bringen. Man entfernt Erde, beobachtet Veränderungen in Farbe und Struktur, legt Steine frei und versucht zu verstehen, was davon natürlich ist und was vielleicht durch Menschenhand entstanden sein könnte.
Plötzlich ist Erde eben nicht mehr einfach nur Erde. Und ein Stein nicht unbedingt nur ein Stein.
Das Wetter sorgte dafür, dass wir die ganze Bandbreite eines Feldkurses kennenlernen durften. Montag und Dienstag waren heiss. Bei körperlicher Arbeit im Wald merkt man ziemlich schnell, dass Archäologie durchaus auch als Fitnessprogramm durchgehen könnte. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zog dann ein Sturm über das Gebiet. Am Mittwochmorgen kam Regen dazu. Regenschutz war nun keine theoretische Empfehlung mehr, sondern ein ausgesprochen nützlicher Bestandteil der Ausrüstung. Und die Überraschung, ein grosser Ast quer über die Grabung. Für den Forstwart in mir ganz klar "Back tot he roots". Ein gemeinsames Hauruck vom ganzem Team und der Graben ist wieder frei. Zum Glück trocknete es im Laufe des Tages wieder ab. Donnerstag und Freitag wurden angenehm warm und trocken – gerade richtig, um unsere Arbeiten fortzusetzen.
Natürlich hofft man beim Graben immer auf Funde. Bei uns kamen unter anderem Keramikstücke, zahlreiche römische Ziegelfragmente sowie verschiedene ältere und neuere Nägel zum Vorschein. Im Aushubmaterial wurde zudem eine Münze aus der Grabungswoche zuvor entdeckt. Solche Momente faszinieren mich. Ein Gegenstand, der jahrhundertelang unbeachtet im Boden gelegen hat, liegt plötzlich vor einem. Und sofort beginnen die Fragen: Wie alt ist er? Wer hat ihn benutzt? Wie kam er hierher?
Mein persönlicher Favorit war allerdings kein wertvolles Schmuckstück und keine spektakuläre Münze. Es war ein römischer Ziegel mit dem Pfoten Abdruck eines Hundes.
Irgendwann vor sehr langer Zeit war dieser Ziegel noch weich. Und irgendwann fand offenbar ein Hund, dass genau jetzt der richtige Moment sei, darüber zulaufen. Vielleicht hat sich der damalige Ziegelmacher darüber geärgert. Knapp zweitausend Jahre später sorgt derselbe Pfoten Abdruck bei uns für Begeisterung. Ich mag solche Funde besonders. Sie bringen einem die Menschen der Vergangenheit auf eine ganz andere Art näher. Geschichte besteht eben nicht nur aus grossen Ereignissen, Gebäuden und Jahreszahlen. Sie besteht auch aus Alltag. Und offenbar aus Hunden, die schon damals nicht immer dort hintraten, wo sie sollten.
Besonders faszinierend finde ich heute den Gedanken, wie sehr sich dieser Ort verändert haben muss. Vor Jahrtausenden bestatteten Menschen hier ihre Toten in Grabhügeln. Später stand hier ein römisches Gebäude. Im Mittelalter war das Gebiet gerodet und wurde als Weide- und Ackerland genutzt. Noch im 19. Jahrhundert soll die römische Ruine sichtbar gewesen sein; ihre Steine wurden sogar als Baumaterial abgetragen. Irgendwann holte sich der Wald den Platz zurück. Heute stehen wir zwischen Bäumen und Wurzeln und versuchen, die Spuren all dieser Zeiten wieder sichtbar und verständlich zu machen.
Nach fünf Tagen im Häslerhau war für mich klar, dass mein Titel dieser Woche kaum passender sein könnte. Ich war zurück bei meinen beruflichen Wurzeln im Wald. Ich hatte es mit mehr als genügend echten Wurzeln zu tun. Und gleichzeitig durfte ich mithelfen, ein kleines Stück unserer historischen Wurzeln freizulegen und zu dokumentieren.
Vielleicht ist es gerade diese Verbindung, die meine Begeisterung für die Archäologie ausmacht. Man arbeitet mit den Händen in der Erde und gleichzeitig mit dem Kopf in der Vergangenheit. Jeder Befund, jeder Ziegel und jede noch so kleine Scherbe kann Teil einer Geschichte sein.
Und im Häslerhau sind noch längst nicht alle Geschichten erzählt. Wer waren die Menschen, die hier ihre Toten bestatteten – und wo lebten sie? Was genau war das römische Gebäude? Wer hielt sich darin auf? Weshalb gerade an diesem Ort? Und was wartet vielleicht noch unentdeckt unter unseren Füssen? Wir haben während dieser Woche einige Antworten gefunden. Aber mindestens ebenso viele neue Fragen. Und genau deshalb werde ich wohl weiterhin gerne zur Kelle greifen. Denn manchmal muss man ein bisschen tiefer graben, um seinen Wurzeln näherzukommen.
Ziel des Feldkurses
Mit den Freiwilligen untersuchen wir die römischen Hinterlassenschaften im Häslerhau. Ziel ist die Zustandsabklärung der römischen Hinterlassenschaften, die als Grundlage für geeignete Schutzmassnahmen dient.
Anforderungen an die Freiwilligen:
- Der Feldkurs findet mit einer minimalen Infrastruktur statt im Wald. Die Teilnehmenden müssen deshalb wetterfest sein.