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Ausgrabungen & Untersuchungen

Die Pesttoten von Zofingen

Archäologin kniet in einer ausgehobenen Grube und dokumentiert ein Skelett.
Das Baumloch östlich der Kirche. Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Im Januar führte die Kantonsarchäologie auf dem Kirchplatz Zofingen infolge einer Baumpflanzung eine Grabung durch. Dabei stiess sie auf Pestopfer.

Ende Januar wurde auf dem Zofinger Kirchplatz ein Baum gepflanzt. Bereits im Dezember letzten Jahres wurde bei einer Sondierung vor Ort ersichtlich, dass im vier Quadratmeter grossen Baumloch einige Bestattungen des ehemaligen Friedhofs zum Vorschein kommen werden. Deshalb wurde vorgängig zur Baumpflanzung eine archäologische Grabung durchgeführt.

Die Bestattungen unmittelbar neben der Stadtkirche überraschen nicht, kann doch in anderen Städten ganz Ähnliches beobachtet werden. So lagen auch in Baden und Aarau die Friedhöfe bis ins 16./17. Jahrhundert neben den Stadtkirchen.

Die Zofinger Kirche und ihr Friedhof

Alter Stadtplan von Zofingen.
Vogelschauansicht Zofingens aus Westen, um 1715. Im Osten der neue ummauerte Friedhof ausserhalb der Stadt.

Die Ursprünge der Stadtkirche Zofingen reichen bis in das 7. Jahrhundert zurück, wie Ausgrabungen von 1979/80 zeigten. Im 11. Jahrhundert wurde die frühmittelalterliche Pfarrkirche durch einen neuen Kirchenbau ersetzt und in ein Chorherrenstift umgewandelt. Der Friedhof lag vermutlich seit den Ursprüngen der Kirche in ihrer unmittelbarer Nähe und blieb bis 1668 an dieser zentralen Lage innerhalb der wachsenden Stadt bestehen.

Dies änderte sich erst, als im 17. Jahrhundert die Pest durch die Schweiz zog. Dabei starben auch in Strengelbach 20 Personen. Da Strengelbach in den Einflussbereich der Zofinger Kirche gehörte, wurden die Pesttoten auf dem Zofinger Friedhof begraben. Die Beisetzung der ansteckenden Toten innerhalb der Stadt war jedoch vielen Einheimischen und den Menschen in den Nachbardörfern nicht ganz geheuer. Daher verhängten viele der umliegenden Gemeinden eine Quarantäne über Zofingen und seine Bewohnerinnen und Bewohner. Als Folge darauf wurde im Zofinger Rat beschlossen, einen neuen, ausserhalb der Stadt liegenden Friedhof anzulegen.

Was die Toten erzählen

Ausgehobene Grabgrube mit zwei Skeletten.
Die oberste Grablage mit geosteten Bestattungen in Rückenlage. Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Sorgfältiges Ausgraben und Dokumentieren von Bestattungen sind wichtig, denn die Lage, Grösse und der Zustand der Knochen sind Hinweise, mit denen Alter, Geschlecht und mögliche Krankheiten bestimmt werden können. Daher wird die Kantonsarchäologie meist durch eine Anthropologin oder einen Anthropologen unterstützt, die bereits im Feld erste Beobachtungen machen.

Die auf dem Kirchplatz dokumentierten Gräber sind typisch für den christlich-protestantischen Kontext: Sie liegen auf dem Rücken mit über dem Bauch gekreuzten Armen, wobei der Kopf im Westen, die Füsse im Osten liegen ("geostet"). Meistens wurden keine Beigaben gefunden, mit Ausnahme einiger Bronzefragmente, die vermutlich von Schnallen und Fibeln stammen, und einer grossen gelochten Murmel aus Glas oder Achat. Sie war womöglich Bestandteil eines Rosenkranzes. Da die Gräber in unterschiedlichen Tiefen gefunden wurden, lässt sich bestätigen, dass der Friedhof über eine längere Zeit genutzt wurde.

Die Pesttoten von Strengelbach?

Mehrere Skelette liegen freigelegt übereinander.
Das Massengrab der möglichen Pesttoten. Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Ein besonders interessantes Grab bildet das auf der untersten Bestattungsebene gefundene "Massengrab". Darin liegen neun Skelette, die sorgfältig neben- und übereinander gelegt wurden. Die unteren Skelette stammen von Erwachsenen, auf denen mehrere Kinderskelette gebettet wurden. Die Stellung der Knochen legt nahe, dass die einzelnen Personen nicht in Särgen, sondern in Tüchern eingewickelt in das Grab gelegt wurden.

Die Spannweite des Alters der Bestatteten sowie ihre Anordnung im Grab und der Aufbau des Grab selbst, deuten auf eine Epidemie hin. Möglicherweise die Pest? Wenn eine Analyse dies bestätigt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es sich um die Pesttoten aus Strengelbach handelt. Denn laut Schriftquellen wurde die erste Zofinger Pesttote erst später auf dem neuen Friedhof ausserhalb der Stadt begraben.

Die Ausgrabungen auf dem Kirchplatz in Zofingen liefern Einblicke in eine aufwühlende Zeit der Stadtgeschichte. Ob das Massengrab tatsächlich Pesttote beherbergt und wie alt die Bestattungen sind, diese Fragen sind Teil der aktuellen Forschungsarbeit.