Die ältesten Spuren von Vindonissa
Im Vorfeld einer grossen Überbauung in Windisch führte die Kantonsarchäologie 2025 bis 2026 eine Rettungsgrabung durch.
Zwischen der Zürcherstrasse und der Scheuergasse in Windisch ist eine Wohnüberbauung mit Tiefgarage geplant. Das Bauprojekt "via romana" wird – wie der Name andeuten mag – in einem rund 4000 Quadratmeter grossen Areal realisiert, in dem zahlreiche archäologische Hinterlassenschaften im Boden lagen. In einer 11-monatigen Rettungsgrabung hat die Kantonsarchäologie Mitte 2025 bis Mitte 2026 die archäologischen Hinterlassenschaften vor ihrer Zerstörung durch das Bauvorhaben ausgegraben und wissenschaftlich dokumentiert.
Verlauf der Lagermauer geklärt
Vor über 90 Jahren haben die Pioniere der Vindonissaforschung im Park von Königsfelden einen Spitzgraben des ersten römischen Truppenlagers dokumentiert. Nun konnte mit der Ausgrabung an der Zürcherstrasse endlich auch der Verlauf der südlichen Holz-Erde-Mauer dieses Lagers und der zugehörige Spitzgraben belegt werden. Sie verlief etwa 70 Meter südlich der Lagermauer des späteren Legionslagers und bog direkt ausserhalb des Grabungsareals nach Nordwesten ab. Damit besteht nun eine bessere Vorstellung von der Fläche des ersten Truppenlagers und klare Indizien für den weiteren Verlauf der zugehörigen Lagermauer. Leider lässt sich der Zeitpunkt des Baus dieser ersten Lagermauer, der vermutlich in der frühen Herrschaftszeit des Kaisers Tiberius stattfand, anhand des Fundmaterials nicht genauer eingrenzen. Zeigen liess sich jedoch anhand des Nachweises von Pioniervegetation in der Verfüllung des Grabens, dass die Wehranlage wahrscheinlich längere Zeit nicht gepflegt und danach neu in Stand gesetzt wurde.
Leben im Lager
Nebst der Lagermauer des ersten Truppenlagers fanden sich verschiedene Hinweise auf das Leben der Legionäre in der Frühzeit von Vindonissa: Unterhalb der späteren römischen Strasse, im Westen des Areals, wurde ein neun Meter breites und mindestens 30 Meter langes Gebäude mit regelmässig angeordneten Stuben und Vorräumen dokumentiert. Es handelt sich dabei wohl um eine Mannschaftsbaracke für Legionäre, die ersten Berufssoldaten der Geschichte.
Im Osten, direkt innerhalb der ersten Lagermauer, fanden sich die Überreste eines möglichen Backofens. Dabei könnte es sich um die Überreste der Handwerkszone des älteren Lagers handeln. Direkt daneben, im Innenraum eines noch älteren und damit wohl aus der Pionierzeit von Vindonissa stammenden Gebäudes, fand sich die Esse einer sorgfältig gebauten Feldschmiede.
Zahlreiche Funde
Die grossflächigen Grabungsarbeiten – die, wo nötig, mit dem Bagger ausgeführt wurden – tangierten weitläufige Schuttschichten vor dem Legionslager: diese enthielten eine Fülle an Münzen aus der Zeit der römischen Republik bis in die Spätantike. Ebenso wurde verschiedenes Werkzeug der Legionäre und der ausserhalb des Lagers lebenden Zivilbevölkerung gefunden. Dazu gehören Schmiedeutensilien, Lederwerkzeug, aber auch der Bodenstein einer römischen Handmühle. Einzelne Highlights waren eine Goldmünze, ein Aureus, geprägt unter Kaiser Tiberius. Im Weiteren fanden sich aussergewöhnliche Funde wie eine 1 cm grosse Gemme aus Karneol, auf der die Siegesgöttin Victoria mit Stab und Kranz zu erkennen ist, sowie zwei mögliche Griffe von römischen Skalpellen.
Ein römisches Brot
Unter den zahlreichen Funden ist auch eine Seltenheit zu verzeichnen. Ein schwarz verkohltes, rundes Objekt erregte bei den Freilegungsarbeiten die Aufmerksamkeit des Grabungsteams. Das Objekt wurde mit der umliegenden Erde im Block geborgen und umgehend ins Restaurierungslabor der Kantonsarchäologie gebracht. Hier wurde das Objekt sorgfältig freigelegt. Ein erster Augenschein eines Archäobotanikers der Integrativen und Naturwissenschaftlichen Prähistorischen Archäologie der Universität Basel zeigte, dass es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um ein verkohltes römisches Brot handelt. Das mutmassliche Gebäck besitzt einen Durchmesser von zehn Zentimetern und ist etwa drei Zentimeter dick – es sieht aus wie ein kleines Fladenbrot. Nähere wissenschaftliche Analysen an einem Speziallabor in Wien sind geplant und werden hoffentlich die Zusammensetzung des Brotes offenbaren. Funde von römischen Broten sind äusserst selten. Diese erhalten sich nur, wenn sie verbrannt sind, wie beispielsweise Brote in der Bäckerei des römischen Pompeji. Der Fund des schweizweit ersten römischen Brotes untermauert einmal mehr, wie bedeutend der Fundplatz Vindonissa für die archäologische Wissenschaft ist.
Fristgerechte Baufreigabe
Das rund 20-köpfige Grabungsteam hat während 11 Monaten 2225 Quadratmeter im Bauperimeter freigelegt und dokumentiert, in den letzten beiden Wochen zum Abschluss noch den ehemaligen Standplatz der Grabungscontainer. Um Zeit zu gewinnen, gab es keine Winterpause, sodass die Grabungsequipe bei bitterkalten Temperaturen und Schnee genauso auf Platz war wie in den letzten heissen Tagen. Dank guter Planung, einer pragmatischen Vorgehensweise und guter Koordination mit der Bauherrschaft konnte das Areal fristgerecht am 17. Juli 2026 für den Bau freigegeben werden. Das mit dem Namen "via romana" bezeichnete Bauprojekt wird künftig neuen Wohnraum an geschichtsträchtigem Standort bieten.
Grabungsimpressionen
Die auszugrabende Fläche schliesst eine Lücke zwischen Bereichen, auf denen zwischen 2003–2006 und 2013–2021 bereits Ausgrabungen stattfanden:
Medienberichte
- "Rettungsgrabung: Archäologen untersuchen in Windisch Bauplatz" in Tele M1 vom 10.9.2025
- "Rettungsgrabung in Windisch zu ältesten Spuren von Vindonissa" im Baublatt vom 10.9.2025
- "Rettungsgrabung in Windisch zeigt die ältesten Spuren von Vindonissa" in der Aargauer Zeitung vom 11.9.2025
- Bericht im SRF Regionaljournal Aargau Solothurn vom 11.9.2025
- "Spurensicherung in der Baugrube" im General-Anzeiger vom 18.9.2025
- Beitrag in "Schweiz Aktuell" vom 21. April 2026
- "Schweizweit einzigartiger Fund: Das Geheimnis von Vindonissa lüftet sich weiter" in der Aargauer Zeitung vom 22.4.2026
- "Truppenlager und verkohltes Brot: Sensationsfund in Vindonissa" in 20min vom 22.4.2026
- "Archäologen finden erstes römisches Brot der Schweiz" in watson vom 22.4.2026