INV-WIN910D Kosthaus 4, 1866 (Dossier (Bauinventar))

Archive plan context


Ansichtsbild:
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Identifikation

Signatur:INV-WIN910D
Signatur Archivplan:WIN910D
Titel:Kosthaus 4
Bezirk:Brugg
Gemeinde:Windisch
Ortsteil / Weiler / Flurname:Unterwindisch
Adresse:Kanalstrasse 34-40
Versicherungs-Nr.:1, 2003-2005
Parzellen-Nr.:2904, 2975-2977
Koordinate E:2660058
Koordinate N:1259619
Situationsplan (AGIS):http://www.ag.ch/app/agisviewer4/v1/html/agisviewer.htm?config=agis_geoportal_fs.json&thema=185&scale=5000&basemap=base_landeskarten_sw&x=2660058&y=1259619

Chronologie

Entstehungszeitraum:1866
Grundlage Datierung:Literatur

Typologie

Objektart (Einzelobj./Teil Baugr./Baugr.):Teil einer Baugruppe
Weitere Teile der Baugruppe:WIN910A, WIN910B, WIN910C
Nutzung (Stufe 1):Profane Wohnbauten
Nutzungstyp (Stufe 2):Kosthaus

Dokumentation

Würdigung:1865/66 erstelltes Kosthaus der Kunz’schen Spinnerei in Windisch, das zusammen mit zwei typengleichen Bauten das erste Kosthaus von 1837 ergänzte. Trotz empfindlicher Veränderungen im Zug einer durchgreifenden Modernisierung nach dem Jahr 2000 bewahren die langgestreckten Gebäude in Gliederung und Volumetrie noch wesentliche Elemente ihrer ursprünglichen Erscheinung. In nüchternen spätklassizistischen Architekturformen gehalten und ursprünglich von äusserst einfachem Ausbau, dokumentieren sie ebenso die charakteristische Fabrikarchitektur ihrer Entstehungszeit wie auch die Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft. Zusammen mit den insgesamt drei weiteren Kosthäusern in der unmittelbaren Nachbarschaft (Bauinventarobjekte WIN910A–C) und den umgenutzten Gebäuden der ehemaligen Spinnerei (Kantonale Denkmalschutzobjekte WIN018-022, Bauinventarobjekte WIN909, WIN 911–914, GEB906–909, 912) ergibt sich ein eindrückliches und einzigartiges Ensemble von hohem industriegeschichtlichem Zeugenwert, dem mit seiner Gruppierung entlang der Reuss zudem ein erheblicher Situationswert zukommt.
Bau- und Nutzungsgeschichte:Im Jahr 1828 gründete der aus Oetwil im Kanton Zürich stammende Heinrich Kunz in Windisch eine Spinnerei, die zusammen mit den anderen Kunz'schen Fabriken in der Nordostschweiz nach rascher Expansion zeitweise als eines der wichtigsten Unternehmen seiner Art in Europa galt [1]. Die Realisierung der drei jüngeren Kosthäuser in Windisch und drei weiteren im Gebenstorfer Weiler Reuss (Bauinventarobjekte GEB907/908) steht in Zusammenhang mit dem Bau der „Neuen Fabrik“ unter Kunz‘ Nachfolgern Johannes Wunderly und Heinrich Zollinger im Jahr 1865. Die Neubauten sollten das erste Kosthaus von 1837 (Bauinventarobjekt WIN910A) ergänzen, um Wohnraum für die stetig wachsende Zahl von Arbeitern bereitzustellen. Vorerst entstanden die beiden etwas weiter von der Fabrik abgelegenen Gebäude der Reihe, von denen das Kosthaus Nr. 4 hier beschrieben ist (Kosthaus Nr. 3: Bauinventarobjekt WIN910C). 1875 folgte mit dem vierten und letzten Kosthaus (Nr. 2, Bauinventarobjekt WIN910B) ein analoger Bau in unmittelbarer Nachbarschaft des ersten Kosthauses. Arbeiterwohnhäuser dieses im frühen und mittleren 19. Jh. sehr verbreiteten Typus boten ihren Bewohnern eine wenngleich sehr bescheidene Unterkunft; sie dienten aber auch dazu, die Belegschaft umso stärker an die Fabrik zu binden und waren hier wie anderswo für ihre schlechten Wohnverhältnisse und auch ihre Überbelegung berüchtigt [2]. Seinen Namen hatte der Bautypus des Kosthauses ursprünglich wohl von Einrichtungen erhalten, die in der Fabrik arbeitende Kinder als „Kostgänger“ beherbergten; die Bezeichnung war zu dem Zeitpunkt aber bereits auf die Arbeiterwohnhäuser allgemein übergegangen [3].
Die Kosthäuser 2–4 wurden Anfang der 1990er Jahre unter Bewahrung der ursprünglichen Raumstruktur renoviert. Bis zur Einstellung der Produktion auf dem Kunz-Areal in den 1990er Jahren dienten sie weiterhin als Arbeiterwohnhäuser genutzt. Ab dem Jahr 2000 erfuhren die vier Kosthäuser auf dem Kunz-Areal eine durchgreifende Erneuerung, wobei die Raumdisposition durch die Zusammenfassung der Etagenwohnungen zu Reihenhäusern zusammengefasst werden. Vor die Zugangsseiten kamen langgezogene Carports zu liegen. Das Waschhaus zwischen den Kosthäusern Nr. 3 und 4 wurde durch einen Neubau ersetzt (nicht mehr Teil des Schutzumfangs).
Beschreibung:Die drei identisch gestalteten jüngeren Kosthäuser (Bauinventarobjekte WIN910B–D) der Spinnerei Windisch schliessen an das rund 30 Jahre ältere erste Kosthaus (Bauinventarobjekt WIN910A) an und bilden zusammen mit diesem eine Baugruppe von vier langgestreckten, in gleicher Firstlinie aneinandergereihten Gebäuden dieser Baugattung.
Die jüngeren Kosthäuser entsprechen in Grund- und Aufriss einem Typus, der von der Windischer Spinnerei Kunz bei kleineren Abwandlungen auch mit den ehemals drei Kosthäusern im Gebenstorfer Weiler Reuss (zwei davon erhalten: Bauinventarobjekte GEB907/908) und zwei von ehemals drei Kosthäusern in Gebenstorf-Vogelsang (eines erhalten: Bauinventarobjekt GEB916) zur Anwendung gelangte. Merkmal ist die Gliederung in meist vier, zu einem durchgehenden Baukörper zusammengefassten Abschnitte, die jeweils drei übereinanderliegende Geschosswohnungen mit eigenem Treppenhaus enthalten. In der Nachfolge älterer, reihenhausartig organisierter Kosthäuser in Gebrauch gekommen, taucht dieser Geschosswohnungs-Typus erstmals mit dem 1840 errichteten Kosthaus der Spinnerei Wild & Solivo in Baden auf [4].
Wie das ältere erste Kosthaus und die übrigen erwähnten Beispiele präsentieren sich die jüngeren Kosthäuser als langgestreckte, dreigeschossige Baukörper, die entsprechend der Bauaufgabe in nüchternen spätklassizistischen Formen gehalten sind und von einem flach geneigten Giebeldach abgeschlossen werden. Die zur Zufahrtsstrasse gewandte nordwestliche Trauffassade ist zehnachsig gegliedert, wobei die vier Treppenhäuser mit Hauseingängen und Einzelfenstern die beiden aussenliegenden und zwei innenliegende Achsen einnehmen und jeweils von den kleinen Abortfensterchen begleitet werden; dazwischen liegen dreimal zwei Achsen von Doppelfenstern. Die südöstliche Traufseite zum Fabrikkanal zählt zehn Fensterachsen, von denen jeweils die drei äusseren mit Doppelfenstern, die vier inneren mit Einzelfenstern versehen sind. Jeweils zwei Achsen mit Zwillingslichtern gliedern die Stirnseiten; darüber belichten zwei Einzelfensterchen und eine Lünette (Halbrundfenster) das Dachgeschoss. Die Jalousieläden sind in Metall erneuert. Ursprünglich zeigte nur das Kosthaus 2 Giebelansätze am Dach, wie sie seit der weitgehenden Erneuerung an allen vier Kosthäusern vorhanden sind.
Im Grundriss gliederte sich das Gebäude ursprünglich auf allen drei Etagen in zwei spiegelbildlich identische äussere Wohnungen mit jeweils drei Kammern und Küche sowie zwei mittlere Wohnungen mit einer zusätzlichen Kammer (vgl. die Grundrisse in der Bilddokumentation). Mit Ausnahme jeweils einer gefangenen Kammer waren sämtliche Räume ausschliesslich direkt vom Treppenhaus erschlossen, was mit dem Verzicht auf Korridore eine Platzersparnis bedeutete; zudem eigneten sich die direkt vom Treppenhaus aus erschlossenen Kammern auch zur Untervermietung. Bereits ursprünglich war auf jeder Etage ein Abort vorhanden, was gegenüber älteren Kosthäusern immerhin einen wohnhygienischen Fortschritt darstellte. Direkt vom Treppenpodest aus zugänglich, griffen diese fassadenseitig in die Grundfläche der Küche ein.
Ursprünglich war jeweils nur die Stube mit einem Kachelofen heizbar. Der Eisenherd in der Küche hatte zwei Löcher und ein Wasserschiff. Lediglich die Stuben der äusseren Hausteile wiesen Täfer auf, während alle anderen Räume lediglich verputzt und geweisselt waren. Der Bauplan der typengleichen Kosthäuser in Reuss von 1875 (vgl. Billdokumentation) zeigt auch die Möblierung mit zwei Betten in den grösseren und einem in den kleineren, gefangenen Kammern. Dabei macht die aus Volkszählungen bekannte Belegung der Kosthäuser deutlich, dass die Anzahl der Betten keinesfalls der Anzahl der Bewohner entsprach, sondern die Betten im Schichtbetrieb oft mehreren Familienmitgliedern und Untermietern diente.
Seit dem Umbau der Geschosswohnungen zu Reihenhäusern ist das Hausinnere weitgehend verändert und vollständig neu ausgebaut. Erhalten sind Teile des ursprünglichen Dachgerüsts.
Vor der gesamten landseitigen Trauffassade des Hauses steht heute ein langgestreckter Carport, welcher das Erdgeschoss des Hauses verdeckt.
Anmerkungen:[1] Zur Geschichte der Kunz’schen Spinnerei vgl. allg. Baumann 1983, S. 507–594.
[2] Zu den Windischer Kosthäusern wie auch zum Bautypus allg. vgl. Baumann 1983, S. 567–574 u. Dobler 2016a/b; zum Bautypus allg. zudem Steinmann 1980.
[3] Steinmann 1980, S. 48.
[4] Vgl. Dobler 2016a/b u. Steinmann 1980.
Literatur:– Max Baumann, Geschichte von Windisch vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Brugg 1983, S. 507-594 (zur Geschichte der Spinnerei allgemein, darin S. 567-575 zu den Kosthäusern).
– Heiko Dobler, Leben für die Fabrik. Kosthäuser der frühen Industrialisierung im Kanton Aargau, MAS-Arbeit, BFH Burgdorf, 2016 (= Dobler 2016a).
– Heiko Dobler, Leben für die Fabrik. Kosthäuser der frühen Industrialisierung im Kanton Aargau, in: Kunst + Architektur in der Schweiz (k+a), 67. Jg. (2016), H. 2, S. 20-27 (= Dobler 2016b).
– Kunstführer durch die Schweiz, Bd. 1, hg. v. d. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2005, S. 80.
– Martin Steinmann, Die Kosthäuser. Einleitung zu einer Typologie von Arbeiterhäusern in ländlichen Gebieten der Schweiz, in: Archithese, 10. Jg. (1980), Nr. 5, S. 48-52.
Quellen:– Kantonale Denkmalpflege Aargau, Fotoarchiv.
 

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URL:http://www.ag.ch/denkmalpflege/suche/detail.aspx?ID=48414
 

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