INV-UNS929B Kraftwerk Stroppel, 1908 (Dossier (Bauinventar))

Archive plan context


Ansichtsbild:
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Identifikation

Signatur:INV-UNS929B
Signatur Archivplan:UNS929B
Titel:Kraftwerk Stroppel
Bezirk:Baden
Gemeinde:Untersiggenthal
Ortsteil / Weiler / Flurname:Stroppel
Adresse:Stroppelstrasse 32
Versicherungs-Nr.:186
Parzellen-Nr.:3243
Koordinate E:2660370
Koordinate N:1261629
Situationsplan (AGIS):http://www.ag.ch/app/agisviewer4/v1/html/agisviewer.htm?config=agis_geoportal_fs.json&thema=185&scale=5000&basemap=base_landeskarten_sw&x=2660370&y=1261629

Chronologie

Entstehungszeitraum:1908
Grundlage Datierung:Brandkataster

Typologie

Objektart (Einzelobj./Teil Baugr./Baugr.):Teil einer Baugruppe
Weitere Teile der Baugruppe:Bauten der Nähfadenfabrik Stroppel (Bauinventarobjekte UNS929A, C-M)
Nutzung (Stufe 1):Verkehrs- und Infrastrukturbauten
Nutzungstyp (Stufe 2):Wasserkraftwerk

Dokumentation

Würdigung:Das Kraftwerk Stroppel präsentiert sich als zurückhaltend gestaltetes, flach gedecktes Gebäude, das aus einem in unverputztem Kalksandstein errichteten dreikammrigen Turbinenhaus von 1932 und einem südwestlich anschliessenden Generatorenhaus von 1908 besteht. Der unmittelbar neben der Zwirnerei (Bauinventarobjekt UNS929A) riegelartig über den Limmatkanal gesetzte Baukörper ist in regelmässigen Abständen mit hochrechteckigen Fenstern besetzt, die im Gebäudeteil von 1908 noch die filigrane bauzeitliche Sprossierung bewahren. Von technikgeschichtlichem Interesse und industriearchäologischem Wert sind die noch von 1868 und 1908 stammenden Einrichtungen im Innern des Gebäudes, welche teilweise bis vor wenigen Jahren im Einsatz waren. Dem Kraftwerk der ehem. Nähfadenfabrik Stroppel kommt als Bestandteil der hinsichtlich ihrer Lage im Wasserschloss und der nahezu vollumfänglichen Erhaltung aller Bauten einzigartigen Fabrik- und Siedlungsanlage eine wichtige industriegeschichtliche Bedeutung zu.
Bau- und Nutzungsgeschichte:Fabrikanlage allgemein:
Pläne von alt Ammann Johann Baptist Umbricht und "Löwen"-Wirt Josef Leonz Müller aus Untersiggenthal, im Stroppel am rechten Limmatufer eine Baumwollspinnerei und -weberei zu eröffnen, wurden trotz der 1864 regierungsrätlich erteilten Konzession für ein Wasserrad nicht umgesetzt. 1867 erwarb der Zürcher Unternehmer Emil Escher-Hotz sowohl Land als auch Radrecht und nahm 1869 in der neu erstellten mechanischen Nähfadenfabrik die Produktion auf [1]. Gemäss Brandkataster von 1875 umfasste das Fabrikareal damals folgende Gebäude: "1. Färberei- und Bleichereigebäude [Bauinventarobjekt UNS929D], einstöckig, von Stein erbaut mit Dampfkamin und zwei gewölbten Räumen im Erdgeschoss; 2. Zwirnereigebäude [Bauinventarobjekt UNS929A], dreistöckig, von Stein erbaut; 3. Poliergebäude [Bauinventarobjekt UNS929C], einstöckig, zwischen dem 1. und 2. Gebäude eingebaut, mit Blech- und Glasdach; 4. Turbinenhaus [Vorgängerbau des heutigen, hier beschriebenen Kraftwerks von 1908/1932, Bauinventarobjekt UNS929B], einstöckig, von Stein, Riegel und Holz; 5. Sägegebäude [Bauinventarobjekt UNS929G], an das Werkstattgebäude angebaut, einstöckig, von Stein, Holz und Riegel, mit Anbau, 1 Vertikalsäge, 2 Zirkularsägen, 1 Bandsäge nebst Getriebe; 6. Werkstattgebäude [Bauinventarobjekt UNS929H], zweistöckig; 7. Ökonomiegebäude mit angebauter Stallung [Bauinventarobjekt UNS929I] [2]." Zur Anlage gehörten ausserdem ein unmittelbar neben dem Ökonomiegebäude stehendes zweistöckiges Wohnhaus mit drei Wohnungen (sog. "Meisterhaus", Bauinventarobjekt UNS929J) und im Roost zwei zweistöckige Arbeiterwohnhäuser (beide abgebrochen). Um das Einzugsgebiet für auswärts wohnende Arbeitskräfte auch auf die andere Uferseite erweitern zu können, unterhielt Escher-Hotz 1869-72 eine Fähre und 1872-1881 einen Fussgängersteg über die Limmat [3]. Mit 259 Arbeiterinnen und Arbeitern erreichte die Fabrik 1883 einen Spitzenwert [4]. 1885 beschäftigte sie noch 225 Personen – zu drei Viertel Frauen und Mädchen – und war damit die achtgrösste Fabrik im Kanton [5].
Erst 1898 erhielt die Firma eine definitive staatliche Konzession, welche eine erlaubte Nutzung von 7/12 des Limmatwassers festhielt. 1906 wurde die Firma von den Erben Eschers an die weltweit tätige schottische Unternehmergruppe für Nähfaden und Handarbeitsgarne, J. & P. Coats Ltd. in Glasgow verkauft und 1907 in die "Zwirnerei Stroppel AG" umgewandelt. Es folgten ein Umbau und eine Modernisierung der Anlagen, wobei das Turbinenhaus zu einem Kraftwerk (Bauinventarobjekt UNS929B) umgebaut und die Fabrik elektrifiziert wurden [6]. Neu hinzu kamen in dieser zweiten Bauetappe zwischen 1907 und 1911 flussaufwärts die neue Färberei (Bauinventarobjekt UNS929E), die Mitte 20. Jh. ein Sheddach erhielt, das Kesselhaus mit Hochkamin (Bauinventarobjekt UNS929F) und das Wasseraufbereitungsgebäude am südöstlichen Ende des Areals (nicht Bestandteil des Bauinventars). Ausserdem wurden in nordwestlicher Verlängerung der Anlage eine Direktorenvilla, ein Angestelltenwohnhaus und ein Arbeiterinnenheim mit Waschhaus (Bauinventarobjekte UNS929K-M) errichtet.
Im Laufe der 1980er Jahre stellte Coats Stroppel AG die Produktion ein und fokussierte sich auf den Handel mit Merceriewaren, was mit einer Stilllegung auch des Wasserkraftwerks einherging [7]. 1995 erwarb die Proma Energie AG das Kraftwerk und die historische Fabrikanlage. Nach einer sanften Nachrüstung und Automatisierung setzte sie das Kleinkraftwerk wieder in Betrieb. Im Industrieareal entwickelte sich währenddessen ein Gewerbezentrum. Heute sind in den Gebäuden der ehemaligen Nähfadenfabrik verschiedene Nutzungen vereinigt, vom Kleingewerbe und Büroarbeitsplatz über Kunstateliers und Kulturbetriebe bis zu Wohnungen.

Kraftwerk:
Gemäss Brandkataster von 1875 bestand das Turbinenhaus anfänglich aus einem mit Ziegeln gedeckten Fachwerkbau [8]. In die Turbinenkammern waren drei Jonval-Turbinen eingebaut [9]. Bei der Elektrifizierung 1908 wurden stattdessen zwei Francis-Turbinen von J. J. Rieter & Cie. in Winterthur mit höherem Wirkungsgrad eingesetzt und der südwestliche Anbau für die Schalttafel und den Drehstrom-Synchrongenerator von Brown Boveri errichtet. Bei einem Brand 1932 blieb dieser nachträglich ergänzte Gebäudeteil erhalten [10]. Das in Fachwerk errichtete Maschinenhaus hingegen musste erneuert werden, wobei die bestehenden technischen Anlagen von 1869 und 1908 offenbar keinen Schaden genommen hatten und weiterhin im Einsatz blieben. Sie blieben auch erhalten, als die Stromproduktion in den 1980er Jahren aufgegeben wurde. 1997 nahm die neue Eigentümerin Proma Energie AG das Kraftwerk mit einer Jahresleistung von ca. 2 Mio. Kilowattstunden wieder in Betrieb [11]. Um letztere weiter zu erhöhen, baute sie in die leere dritte Turbinenkammer eine Kaplan-Turbine ein, welche mit einem eigenen Generator funktionierte. Im Jahr 2000 wurde die in der mittleren Kammer befindliche Francis-Turbine umgebaut und von der ersten Turbine entkoppelt [12]. In Kombination mit einer leichten Erhöhung des Streichwehrs und somit des ausnutzbaren Gefälles konnte die jährliche Stromproduktion von 3 auf 4 Mio. Kilowattstunden gesteigert werden [13]. Nicht mehr benötigte Maschinenteile wurden aus didaktischen Gründen möglichst am Ort belassen oder nahe ihrer ursprünglichen Lage aufgestellt. Die zweite Francis-Turbine von 1908, die in der ersten Kammer installiert war, blieb bis 2005 im Einsatz [14]. 2008 verkaufte die Proma Energie AG das Kraftwerk an die Elaqua AG, an der die Axpo bereits beteiligt war. Seit 2011 wird das Wasserkraftwerk von der Axpo Kleinwasserkraft AG betrieben, welche 2014 die Maschinengruppen in den Kammern 2 und 3 (Turbinen und Generatoren) durch neue Teile ersetzte [15]. Die anderen alten technischen Einrichtungen sind mehrheitlich museal erhalten und weiterhin vor Ort untergebracht. Beim Laufrad, das vor dem Kraftwerksgebäude auf einem Sockel aufgestellt ist, handelt es sich vermutlich um ein Bauteil der Francis-Turbine aus Kammer 1.
Beschreibung:Das Kraftwerk ist unmittelbar neben dem Zwirnereigebäude quer über den Fabrikkanal gesetzt. Seit dem Wiederaufbau 1932 präsentiert es sich als nüchterner quaderförmiger Flachdachbau. Das auf Eisenträgern ruhende Dach weist ein minimales Gefälle auf. Das sechs Achsen zählende Maschinenhaus, das die nordöstlichen zwei Drittel der Gesamtlänge einnimmt, ist aus fassadensichtigem Kalksandstein aufgeführt. Den südwestlichen Abschluss bildet ein dreiachsiger Gebäudeteil, der sich durch verputzte Oberflächen und einen kleinen Versatz in der Flucht der flussabwärtsgerichteten Längsfront vom Hauptbaukörper absetzt. Dabei handelt es sich um einen bei der Elektrifizierung 1908 ergänzten Anbau für die Schalttafel und den Generator. Er besitzt noch die filigranen, zwanzigteiligen Metallsprossenfenster mit integrierten Lüftungsflügeln aus der Bauzeit. Die mit eisernen Stürzen ausgestatteten Fenster des jüngeren Kalksandsteinbaus sind gleich proportioniert, jedoch anders unterteilt und zwischenzeitlich erneuert.
Von technikgeschichtlicher Bedeutung sind die noch von 1868 und 1908 stammenden Einrichtungen und Maschinen im Innern des Gebäudes, die bis zu ihrem etappenweisen, 2014 zum Abschluss gekommenen Ersatz durch moderne Anlagen teilweise rund hundert Jahre fast ohne Unterbruch in Betrieb waren. Sie haben sich mit Ausnahme der Turbinen unter Berücksichtigung ihrer originalen Aufstellung vor Ort museal erhalten: Eine Rarität ist die offenliegende Kraftübertragung mittels holzverzahnten Winkelgetrieben (Kegelrädern), welche die von den Turbinen gelieferte Energie geräuscharm an die horizontale Vorgelegewelle weitergaben [16]. Sie stammt noch aus der Anfangszeit der Fabrik um 1868 und wurde von der Firma Johann Jacob Rieter & Cie in Winterthur ausgeführt, welche auf die Einrichtung von Textilfabriken spezialisiert war. Weiter bewahrt das Maschinenhaus die beiden mechanisch-ölhydraulischen Turbinenregler von 1908. Diese sorgten auch bei wechselnder Wasserströmung für eine gleichbleibende Drehzahl der Turbinen, indem sie die Wasserzufuhr steuerten. Im südwestlich angegliederten Raum befindet sich die historische Schalt- und Anzeigetafel, welche fast die gesamte Schmalseite des Gebäudes einnimmt. In Verlängerung der Vorgelegewelle ist hier zudem der Drehstrom-Synchrongenerator der Firma Brown Boveri & Cie in Baden eingebaut. Obwohl die historischen Teile der Anlage heute nicht mehr im Einsatz sind, ist es den letzten drei Betreiberinnen des Kraftwerks zu verdanken, dass diese wenigstens teilweise vor Ort erhalten sind und somit als technikgeschichtliche Zeugen bis heute überdauert haben. Gegenüber dem Bestand von 2000 ist der seither in mehreren Schritten erfolgte Ausbau der beiden noch aus der Bauzeit um 1908 stammenden Francis-Turbinen der Winterthurer Firma J. J. Rieter & Cie. zu bedauern.
Erwähnung in anderen Inventaren:- Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung BLN, BLN 1019 Wasserschloss beim Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat (Schutzziel 3.8 Die kulturhistorischen Zeugen der Wasserkraftnutzung und der frühen industriellen Entwicklung erhalten).
Anmerkungen:[1] Hoegger 1995, S. 175-176.
[2] Boner 1983, S. 188. Die abweichenden Bezeichnungen der Gebäude auf der Schautafel des Industriekulturpfads 1996 beziehen sich auf die Zeit nach dem Umbau und der Modernisierung der Bauten 1907-09.
[3] Lang/Steigmeier 1995, S. 23.
[4] Meier/Steigmeier 2008, S. 130.
[5] Industriekulturpfad Limmat-Wasserschloss 1996, S. 21.
[6] Lang/Steigmeier 1995, S. 5-6; Hoegger 1995, S. 175.
[7] Hoegger 1995, S. 175-176; Lang/Steigmeier 1995, S. 6-7; AZ vom 22. Juni 2012, S. 31.
[8] Staatsarchiv Aargau, CA.0001/0067: Brandkataster Gemeinde Untersiggenthal 1899-1938.
[9] Lang/Steigmeier 1995, S. 12-13.
[10] Lang/Steigmeier 1995, S. 18; Meier/Steigmeier 2008, S. 132 (Bildlegende Abb. 10).
[11] Hoegger 1995, S. 177.
[12] Proma Energie AG 1998, S. 2-1.
[13] AZ 14. Juli 1999, S. 13.
[14] Proma Energie AG 1998, S. 5-2.
[15] AZ vom 22. Juni 2012, S. 31. Freundliche Mitteilung Markus Widmer, Betriebsleiter Kleinwasserkraftwerk Stroppel.
[16] Zur technikgeschichtlichen Würdigung und Erklärung siehe: Lang/Steigmeier 1995, S. 11-18.
Literatur:- Georg Boner, Die Geschichte der Gemeinde Untersiggenthal, Baden 1983, S. 186-190.
- Peter Hoegger, Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bd. 7, Basel 1995, S. 175-177.
- Der Industriekulturpfad Limmat-Wasserschloss im Raum Turgi-Untersiggenthal-Vogelsang (Dokumentation 5), Baden 1996, S. 19-21.
- Norbert Lang/Andreas Steigmeier, Fabrikanlage und Kraftwerk Stroppel (Industriekulturpfad Limmat-Wasserschloss, Dokumentation 2), Baden 1995.
- Bruno Meier/Andreas Steigmeier, Untersiggenthal. Eine Gemeinde im Umbruch, Untersiggenthal 2008, S. 130-133.
- Kraftwerk Stroppel, in: Industriearchäologie 1/1997, S. 2-4.
- Kunstführer durch die Schweiz, Bd. 1, Bern 2005, S. 135.
Quellen:- Mehr Ökostrom aus dem Wasser der Limmat, in: Aargauer Zeitung vom 14. Juli 1999, S. 13.
- Dean Fuss, Neue Turbinen und Abstiegshilfe für die Fische, in: Aargauer Zeitung vom 22. Juni 2012. S. 31.
- Staatsarchiv Aargau, CA.0001/0067: Brandkataster Gemeinde Untersiggenthal 1899-1938.
- Proma Energie AG, Kraftwerk Stroppel, Untersiggenthal, Gesuch Konzessionserweiterung, vom 31. März 1998, Untersiggenthal 1998.
 

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Permission required:Keine
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Accessibility:Öffentlich
 

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