|
INV-RHE937 Wohn- und Gasthaus "Rheinlust", 1899-1900 (Dossier (Bauinventar))
| |
General information |
|
Accessions characteristics |
| Creation date(s): | 1899 - 1900 |
| Grundlage Datierung: | Brandkataster; Literatur |
|
Typologie |
| Objektart (Einzelobj./Teil Baugr./Baugr.): | Einzelobjekt |
| Nutzung (Stufe 1): | Gewerbe-, Industrie- und Dienstleistungsbauten |
| Nutzungstyp (Stufe 2): | Gasthaus, Gasthof |
| Epoche / Baustil (Stufe 3): | Historismus |
|
Information on related materials |
| Autorschaft: | Curjel & Moser |
| Würdigung: | Imposantes Wohn- und Gasthaus mit Ladenlokal und Zollbüro, das um 1900 vom renommierten Architekturbüro Curjel & Moser für den Inhaber der Brauerei Salmenbräu Carl Habich-Dietschy errichtet wurde. Der Gebäudekomplex mit dem Namen "Rheinlust" entstand im Kontext des 1898 in Betrieb genommenen Alten Wasserkraftwerks und des aus diesem Anlass errichteten Eisenfachwerk-Stegs, wodurch eine zunehmende Besiedlung und Entwicklung des Quartiers erwartet wurde. Er steht somit für die Aufbruchstimmung der Zeit um 1900 und markiert den Beginn einer neuen Etappe der Stadtentwicklung. Mit seiner differenzierten Volumetrie nimmt der Baukörper Bezug auf den Standort in einer spitzen Kurve. In der Gesamtanlage, Formensprache und baukünstlerischen Gestaltung kommt die romantische Auffassung des Historismus um 1900 zum Ausdruck, die für viele Bauten Karl Mosers charakteristisch ist. Der in typologischer Hinsicht einzigartige Bauzeuge bewahrt im Innern die historischen Treppenhäuser sowie im Erdgeschoss wesentliche Teile der ehemaligen Gaststube, des Herrenzimmers und des Damensalons. |
| Bau- und Nutzungsgeschichte: | Das Restaurant "Rheinlust" steht in direktem Zusammenhang mit dem Bau des Alten Kraftwerks 1895–98 (2010/11 abgebrochen) und der in diesem Zusammenhang entstandenen Brücke aus Eisenfachwerk über den Rhein. Von überall her kamen Arbeiter, um hier Beschäftigung zu finden. Da die Baustelle des Kraftwerkes in erheblicher Entfernung zur Stadt und den vorhandenen Unterkünften lag, beschloss der Inhaber der Brauerei Salmenbräu, Carl Habich-Dietschy (1845–1928), in unmittelbarer Nähe der Industrieanlagen ein Gasthaus zu bauen. Von dem seit dem Brückenbrand 1897 (vgl. Bauinventarobjekt RHE990) erhöhten Fuhrverkehr über die Kraftwerkbrücke erhoffte sich Habich-Dietschy zusätzliche Kunden. So entstand im Jahr 1900 das neue Wohn- und Gasthaus nach den Plänen der Architekten Curjel & Moser; die Baukosten betrugen über 190'000 Franken. Am 1. April konnte die nach dem Flurnamen "Rheinlust" benannte Gastwirtschaft in Betrieb genommen werden. Das Tavernenrecht wurde vom alten zur Brauerei Salmenbräu gehörenden Gasthaus zur Sonne in der Marktgasse (heute Fricktaler Museum) auf das neue Haus übertragen und das alte Wirtshausschild hier angebracht. Im Parterre richtete man an der rheinseitigen Ecke das Zollbüro ein. Das über dem Türsturz eingemeisselte Schweizerkreuz vor kräftigem Eichenblattwerk deutet auf diese Funktion hin. Dass das Gebäude eine Taverne mit Bierausschank beherbergte, verdeutlichte eine grossformatige Wandmalerei mit dem Spruch "Hopfen und Malz, Gott erhalt's" oberhalb des Restauranteinganges [1]. Zum Haus gehörte, wie u. a. auf der Siegfriedkarte von 1940 zu erkennen ist, ein Baumgarten. Im Erdgeschoss war im Bereich des geschweiften Giebels die Wirtsstube untergebracht, ein hallenartiger Raum mit sechs Kreuzgratgewölben, die von zwei wuchtigen Säulen gestützt wurden. An den Wänden verlief ein Brusttäfer. Ein grosses Bogenfenster gestattete Einblick in die zum Innenhof hin gelegene Küche. Nach Norden waren mit Ausgang auf die zum Rhein hin ausgerichtete Terrasse ein Herrenzimmer und ein Damensalon angelegt, die über einen Korridor oder direkt von der Vorhalle aus zugänglich waren. Das Herrenzimmer besass ein blaugebeiztes Täfer, über welchem zur Zierde eine Reihe von Geweihen und Bilder angebracht waren. Der hohe Raum schloss mit einer gleichfarbig gebeizten Rahmendecke mit gemalten Rosetten ab. Das Damenzimmer war mit rot gestrichenem Täfer, roter Tapete und einer weissen Stuckdecke ausgestattet. Im abgewinkelten, südlichen Teil des Komplexes befanden sich Ladenlokale. Dazwischen bestand eine Durchfahrt zum Innenhof. Im Obergeschoss war über der Gaststube die Wirtewohnung untergebracht, die über eine Wendeltreppe im Hinterhof mit der Küche verbunden war. Während die Wohnungen im Südflügel eher klein bemessen und für Werkmeister und Arbeiter gedacht waren, lagen im rheinwärts gerichteten Teil des Hauses die stattlicheren Wohnungen mit Erkerzimmer. Den Bewohnern dieser Räume stand über der Zollstation und der zugehörigen Vorhalle eine grosszügige Terrasse zur Verfügung [2]. Vermutlich schon kurz nach der Fertigstellung erhielten die Gurte der Gewölbe in der Gaststube eine monochrome und lineare Verzierung mit Hopfenranken, Getreideähren und Geräten für das Bierbrauen, die an die rotfarbige Werbung der Brauerei Salmenbräu auf Etiketten erinnert [3]. In den frühen 1980er-Jahren wurde das Innere tiefgreifend umgebaut; in den oberen Geschossen wurden die Wohnungsgrundrisse verändert. An der südlichen Stirnfront und gegen den Innenhof wurden Balkone ergänzt, die Durchfahrt im Erdgeschoss wurde geschlossen und zu einem Vorraum und Velokeller umfunktioniert [4]. 2014 wurde erneut umgebaut und anlässlich der Umnutzung zu Wohnungen auch das unterdessen umbenannte Restaurant (Taverne zum Zähringer) geschlossen. Die Dekorationsmalerei an den Gewölbegurten wurde entfernt, während im Herren- und Damenzimmer die Ausstattung weitgehend erhalten blieb und restauriert wurde. |
| Beschreibung: | Das am nördlichen Ende der Roberstenstrasse in einem Spickel direkt am Rhein markant aufragende Gebäude ist sowohl volumetrisch als auch bezüglich der unterschiedlichen architektonischen Gestaltung wie ein Komplex aus zwei stattlichen Baukörpern gegliedert. Der Biegung der Roberstenstrasse folgt ein abgewinkelter Längsbau mit Satteldach, das mit einem Treppengiebel nach Süden abschliesst. Die strassenseitige Fassade dominiert ein mächtiger Schweifgiebel mit gebänderter Einfassung und Krabbenaufsatz vor Kreuzfirst. Rheinseitig schliesst, von der Strasse etwas zurückversetzt, ein annähernd kubischer Bau unter Zeltdach an, der zum Rheinweg hin mit zwei turmartigen Eckerkern unter Zwiebelhaube ausgezeichnet ist. Die durch den Rücksprung zwischen beiden Baukörpern entstandene Ecke nimmt ein eingeschossiger Vorbau ein, der im Erdgeschoss als überwölbte Eingangshalle und als Lokal des ehemaligen Zollpostens und im Obergeschoss als Terrasse dient. Eine zweite, grössere Terrasse ist in der Ecke zum Innenhof über dem eingeschossigen Bau der ehemaligen Küche und Speisekammer angelegt. Eine dritte, nahezu ebenerdige Terrasse, die ehemals zur Gastwirtschaft gehörte, befindet sich auf der zum Rhein hin gelegenen Nordseite. Am Rheinweg öffnet ein über Granitsockeln ganz in rotem Sandstein gemauertes und mit Ziegeldächlein versehenes Tor mit Einfahrt und Personeneinlass auf den Hinterhof des Gebäudekomplexes. Der in Beton und Bruchstein aufgeführte Bau ist über einem Sockel aus Granitblöcken mit zeittypischem Kellenwurf verputzt, von dem sich Hausteingewände, Giebel- und Eckeinfassungen aus glatten und bossierten Quadern sowie plastischer Bauschmuck farblich in rotem Buntsandstein absetzen. Die oberen beiden Geschosse des rheinseitigen Baukörpers schmückt ein detailreiches Zierfachwerk mit dunkler Farbfassung. Die strassenseitige Ansicht ist im Erdgeschoss von aneinandergereihten Stichbogenöffnungen geprägt, welche die Fenster und Eingänge zum Laden und zur Gastwirtschaft einfassen. Darüber sind wie auch am Treppenhaus und an den anderen Fassaden Rechteckfenster unterschiedlichen Formats, einzeln oder gekuppelt, mehrheitlich in Achsen angeordnet. Die gezahnten und scharrierten Sandsteingewände zeichnen sich durch wulstige Gesimse und Kehlungen im gotischen Stil aus, am rheinseitigen Bau gar durch Kreuzstöcke, Fenstersäulen und angedeutete Kielbogen in den Stürzen. Auf der Rückseite des Gebäudes sind die Gewände schlichter und mit Ladenfalz gestaltet. Im Scheitel des Eingangs zur Vorhalle sind vier Steine zu einem Relief zusammengefügt, das – wohl als Hinweis auf die Bierbrauerei des Bauherrn – einen Salm im Wasser und darunter das Baujahr "1900" zeigt. Der Eingang zum Zollposten kennzeichnet eine Supraporte aus Sandstein mit dem Schweizerkreuz auf Eichenlaub. Den Anfang und Schluss des zur Terrasse überleitenden Kranzgesimses schmücken zwei Köpfe. Der eine ist aufgrund der Schlangenhaare als Haupt der Medusa zu erkennen, die symbolisch für die Abwehr von Feinden und Gefahr steht. In den Verputz eingetieft steht unter dem Mittelfenster des übergiebelten Abschnitts in Frakturschrift der Name "Rheinlust". An der Ecke des Zollpostens ist noch die bauzeitliche Lampe montiert. Zu den Eingängen in der Vorhalle und zum rheinseitigen Treppenhaus haben sich schlichte Eichentüren mit bauzeitlichen Beschlägen erhalten. Die hohen Dächer sind mit unterschiedlichen Ziegeln gedeckt; kleinere Flächen wie die Satteldächlein des Treppengiebels und des rheinseitigen Tors zum Hinterhof dürften noch die bauzeitlichen Biberschwanzziegel besitzen. Polygonale Dachhäuschen mit turmhelmartigem Abschluss beleben strassenseitig die Dachlandschaft, während auf der Rückseite einfache Schleppgauben für die Belichtung des Dachraumes sorgen. Anstelle des stattlichen Kamins auf dem rheinseitigen Baukörper befindet sich heute ein Storchennest. Das Innere des ganzen Gebäudekomplexes ist tiefgreifend umgebaut und modernisiert. Erhalten geblieben sind die Treppenhäuser mit Terrazzoböden, Schmiedeeisen- und Holzgeländer. Die Halle der Gastwirtschaft ist zu zwei Dritteln als überwölbter Raum mit den beiden Säulen erhalten geblieben. Das Täfer und die bemalte Holzdecke wurden restauriert und der Damensalon bewahrt das Knietäfer und die Stuckdecke. Möglicherweise sind auch die bleigefassten Wabenscheiben im Treppenerker aus der Bauzeit. |
| Anmerkungen: | [1] Pistor, S. 15-16. [2] Angaben zum Innern gemäss SBZ 1903, S. 117/118. [3] Vgl. Bilddokumentation im Kurzinventar von 1998. [4] Stadt Rheinfelden Baugesuchsarchiv, Baugesuch 47 / 1983. |
| Erwähnung in anderen Inventaren: | - Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS), nationale Bedeutung. |
| Literatur: | - Kunstführer durch die Schweiz, Bd. 1, hg. v. d. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2005, S. 170. - Edith Hunziker, Peter Hoegger, Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau, Bd. 9: Der Bezirk Rheinfelden, Bern 2011, S. 264-265. - SBZ 1903: Die "Rheinlust" bei Rheinfelden von Curjel & Moser, Architekten in Karlsruhe, in: Schweizerische Bauzeitung 1903, S. 117-119. - Horst Pistor, Der runde Tisch im Gasthaus "Rheinlust": ein gesellschaftlicher Treffpunkt zu Beginn der industriellen Entwicklung Rheinfeldens, in: Rheinfelder Neujahrsblätter 1981-82, S. 15-25. - Werner Oechslin, Sonja Hildebrand (Hg.), Karl Moser. Architektur für eine neue Zeit 1880 bis 1936, Bd. 2, Zürich 2010, S. 351, Nr. 120. |
| Quellen: | - ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv: LBS_MH03-0786. - Staatsarchiv Aargau (StAAG): CA.0001/0571–0573 (1899–1938) Vers. Nr. 685, Brandkataster Gemeinde Rheinfelden. - Stadt Rheinfelden Baugesuchsarchiv, Baugesuch Nr. 47 / 1983; Nr. 088 / 2014. |
| Reproduction conditions: | © Kantonale Denkmalpflege Aargau |
|
| |
URL for this unit of description |
| URL: | http://www.ag.ch/denkmalpflege/suche/detail.aspx?ID=142369 |
| |
Social Media |
| Share | |
| |
|