INV-KUN919 Fabrikgebäude Birchmeier, 1876-1962 (Dossier (Bauinventar))

Archive plan context

 

General information

Information on identification

Ref. code:INV-KUN919
Ref. code AP:KUN919
Title:Fabrikgebäude Birchmeier
Preview:
1/2
Bildlegende:Ansicht von Nordwesten (2025)
Bezirk:Baden
Gemeinde:Künten
Adresse:Farhrbachweg 6 / Fabrikstrasse 3
Versicherungs-Nr.:67, 124, 154
Parzellen-Nr.:21
Koordinate E:2667495
Koordinate N:1249041

Accessions characteristics

Creation date(s):1876 - 1962
Grundlage Datierung:Brandkataster

Typologie

Objektart (Einzelobj./Teil Baugr./Baugr.):Baugruppe
Nutzung (Stufe 1):Gewerbe-, Industrie- und Dienstleistungsbauten
Nutzungstyp (Stufe 2):Fabrikgebäude, Manufakturgebäude

Information on related materials

Würdigung:Architektonisch hochwertiges Bauensemble, das sich über einen langen Zeitraum von 1876 bis 1962 entwickelt hat. Dem Ensemble mit seiner fast 90-jährigen Baugeschichte kommt eine hohe lokal- und wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung zu. Die architektonische Qualität liegt in der trotz verschiedenen Bauetappen und stilistischen Vielfalt insgesamt einheitlichen Wirkung der drei firstparallel zueinanderstehenden Trakte und ihren beiden gassenartigen Zwischenräumen.
Bau- und Nutzungsgeschichte:Den Beginn der bis heute erfolgreichen Geschichte der Firma Birchmeier markiert die 1876 von den Unternehmern Wilhelm Egloff und Johann Baptist Trost gegründete Metallwaren- und Lampenfabrik Trost & Cie. Egloff verliess die Firma 1882. Sein Nachfolger war Johann Baptist Trosts Sohn Raimund. Nach seines Vaters Tod war Raimund Trost von 1892 bis 1897 alleiniger Geschäftsinhaber; der später namensgebende Geschäftspartner Johann Baptist Birchmeier wurde in dieser Zeit zeichnungsberechtigt. Ob Birchmeier tatsächlich die erfolgreiche Reben- und Kartoffelspritze erfunden hat oder sie ein Gemeinschaftswerk von Vater und Sohn Trost sowie Wilhelm Egloff ist, wofür die Patentierung einer "Rebenspritze mit Pression" im Jahr 1889 durch Wilhelm Egloff spricht, lässt sich nicht sagen. Auf alle Fälle war dem ersten Rückensprühgerat der Welt ein grosser wirtschaftlicher Erfolg beschieden, bedrohten doch in diesen Jahren die Reblaus und der Mehltau die einheimische Weinproduktion existenziell. Ein zweites Patent erwarben Trost und Birchmeier 1890 für eine "Vorrichtung zum Wegheben und Aufsetzen des Glaszylinders an Sturmlaternen". Weitere Patente für Acetylen-Beleuchtungen folgten. So war die Firma um 1900 mit der Spritze und den Gasbeleuchtungen in ihren beiden hauptsächlichen Sparten erfolgreich. 1907 wurde die Firma ganz von Johann Baptist Birchmeier übernommen. Seither heisst sie Birchmeier & Cie. (bzw. AG). Während das aufkommende elektrische Licht die Gasbeleuchtungen bald zum Verschwinden brachte, ist die von der Firma stetig weiterentwickelte Sprühtechnik bis heute ihr Geschäftsfeld geblieben. 1997 wurde der Unternehmenssitz von Künten in die Nachbargemeinde Stetten verlegt [1]. Seither werden die Gebäulichkeiten für diverse Kleingewerbe und zu Wohnzwecken neu genutzt.
Das Fabrikareal entwickelte sich etappenweise durch die kontinuierliche Vergrösserung der Produktions- und Büroflächen der Firma Birchmeier. Der Kernbau von 1876 am Fahrbachweg ist in seinem südlichen Teil noch erkennbar; nach Norden wurde er zwischen 1930 und 1944 sowie 1952 bis 1962 ergänzt (Vers.-Nr. 67). Die erste Erweiterung war allerdings ein westlich in firstparalleler Richtung angeordneter Fabrikbau von 1907 (Vers.-Nr. 124) sowie ein quer zu den beiden Trakten stehendes Stall- und Remisengebäude, das wohl um 1900 entstanden sein dürfte (Vers.-Nr. 116, nicht im Schutzumfang). Der Fabrikbau von 1907 wurde zwischen 1944 und 1952 nach Süden und zwischen 1952 und 1962 nach Norden erweitert. Das dritte firstparallele Gebäude entstand zwischen 1930 und 1944 und wurde ebenfalls zwischen 1952 und 1962 nach Norden erweitert (Vers.-Nr. 154). Die weiter westlich anschliessenden Hallen sind auch in dieser Zeit hinzugekommen, jedoch nicht Bestandteil des Schutzumfangs [2].
Beschreibung:Das Firmengelände liegt hangaufwärts östlich der Hauptstrasse am Fahrbachweg und der Fabrikstrasse. Zur Bauzeit befand sich das Fabrikareal am südöstlichen Rand des Dorfkerns. Wie das Fabrikareal selbst, hat sich auch dessen Umgebung im 20. Jh. entwickelt, namentlich durch Gewerbebauten der Firma Taracell AG und Wohnbauten. Die schutzwürdige Bebauung besteht aus den drei parallel in Nord-Süd-Richtung stehenden mehrgeschossigen Trakten (Vers.-Nrn. 67, 174 und 154) mit ihren später hinzugekommenen Kopfbauten Richtung Norden. Südseitig steht quer zu den drei Trakten ein ehemaliges Stall- und Remisengebäude, welches das Fabrikareal begrenzt (nicht im Schutzumfang enthalten). An den westlichen Trakt schliesst ein nach 1952 entstandenes Konglomerat aus Hallen und Schuppen an (nicht im Schutzumfang enthalten).
Trotz der verschiedenen Bauetappen und stilistischen Vielfalt wirkt die Anlage einheitlich. Dies dank der konsequenten Farbgebung in blassgrün bzw. pastellgelb mit jeweils grau gefasster Sockelzone, den schwach geneigten Sattel- und Walmdächern mit dunkelrot-bräunlicher Ziegelbedeckung sowie den ausgewogen proportionierten Fassaden mit ihren Vordächern aus Glas. Der Gelbton, welcher an den älteren Gebäudeteilen vorherrscht, könnte auf den für die Reben- und Kartoffelspritzen zur Schädlingsbekämpfung verwendeten Schwefel anspielen.
Durch die firstparallele Anordnung der drei Trakte Ost, Mitte und West entstehen zwei gassenartige, dem leicht ansteigenden Terrain folgende Zwischenräume, die von hoher räumlicher Qualität sind. Langgezogene Vordächer aus Glas, Passerellen und perronartige Vorplätze prägen den Aussenraum und tragen zur abwechslungsreich-lebendigen Atmosphäre bei.
Der Ursprungsbau von 1876 hat sich im östlichen Trakt (Vers.-Nr. 67) erhalten und zeichnet sich aus durch das spätklassizistische Satteldach mit profilierten Pfettenköpfen und zwei achsensymmetrisch angeordnete, hochreckeckige Fenster mit Holzrahmen an der südlichen Giebelseite. Fenster mit Holzrahmen finden sich auch an der östlichen Längsseite. In nördlicher Richtung geht der Bau nahtlos in die zwischen 1930 und 1944 angebaute Erweiterung über. Dieser längliche Trakt unter knapp aufsitzendem Vollwalmdach zeigt Stilmerkmale der klassischen Moderne: Die breitrechteckigen Fenster weisen mehrheitlich die ursprüngliche, horizontal betonte Sprossierung auf. Ebenso sind einzelne Türen mit horizontalen Gitterstäben ausgestattet, so auch die grau gefasste metallene Eingangstür zum Treppenhaus. Das Treppenhaus wird von querliegenden Fenstern belichtet und hat sich mit steinernen Treppenstufen und dem schlichten Eisengeländer mit hölzernem Handlauf bauzeitlich erhalten, ebenso einzelne Türen im Innern sowie die Fenstergriffe und Heizungsradiatoren. Der nach Westen abgewinkelte Kopfbau aus der Bauetappe von 1952–1962 übernimmt im Wesentlichen die Gestaltungsmerkmale der klassischen Moderne. In Einzelheiten weicht er jedoch davon ab: So sind die Fensterbänke nun auf die Breite der Fenster beschränkt, während sie beim älteren Bau als durchgehende, die Horizontale betonende Gesimse gestaltet sind.
Zwei geschlossene Passerellen im Obergeschoss verbinden den östlichen Trakt mit dem mittleren Trakt (Vers.-Nr. 124). Dieser ist ab 1907 in drei Bauetappen entstanden und bewahrt in seinem Kern bauzeitliche Raumstrukturen aus vierkantigen Pfosten und Deckenbalken und Oberflächen wie die Fussböden aus Stirnholz sowie einen wohl später hinzugekommenen Warenaufzug der Firma Schindler. Der in den 1950er-Jahren entstanden Kopfbau im Norden zeigt Innen wie Aussen eine qualitätvolle zeittypische Formensprache: Die Fassaden sind von einem feingliedrigen Raster überzogen und farblich differenziert; ein Flugdach schliesst den durchgestalteten Baukörper nach oben ab. Der bauzeitliche Eingangsbereich an der Ostseite ist mit einer Glastür in eloxiertem Aluminiumtürrahmen ausgestattet und führt zu einer Treppe mit elegantem Eisengeländer und zeittypischen Fussbodenbelägen.
Der westliche Trakt (Vers.-Nr. 154) ist mit zwei Bauetappen zwischen 1930 und 1962 der jüngste und gestalterisch zurückhaltendste Bau des Ensembles. Seine architektonischen Qualitäten liegen in der klaren Kubatur mit ihrer regelmässigen Befensterung und dem schwach geneigten Walmdach mit sichtbaren Sparrenköpfen in der Dachuntersicht.
Anmerkungen:[1] Cecilia 2020.
[2] Weitere Angaben zu Inhalt und Umfang des Ensembleschutzes finden sich in: KARO 2025.
Literatur:- www.industriekultur.ch (konsultiert am 10.4.2025).
- Manuel Cecilia, Den Strukturwandel erkennen und verstehen. Das Projekt industriekultur.ch am Beispiel der Birchmeier & Cie. in Künten, in: Argovia 2020. Jahresschrift der historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, 132, S. 99–107.
- KARO Kollektiv für Architektur, Raum und Ort, Richtlinie Ensembleschutzzone Birchmeier (Entwurf 27.3.2025).
Quellen:- Staatsarchiv Aargau (StAAG): CA.0001/0049 (1899–1938), Alte Vers. Nr. 104, Brandkataster Gemeinde Künten.
Reproduction conditions:© Kantonale Denkmalpflege Aargau
 

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URL:http://www.ag.ch/denkmalpflege/suche/detail.aspx?ID=142020
 

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