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"Es kommt ein Flüchtling und es geht ein Mensch mit Namen und eigener Geschichte"

Das Swisslos-Fonds-Projekt "Gemeinsam Znacht Aargau" bringt Fremde und Einheimische näher zusammen: Menschen, die im Aargau wohnen, laden Flüchtlinge zu einem Essen ein. Eine Reportage von Samuel Frey.

Verschiedene Kulturen an einem Tisch: Beim gemeinsamen Essen entstehen interessante Diskussionen. © Kanton Aargau

An einem kalten und nassen Novemberabend warte ich hinter dem Bahnhof in Aarau. Hier treffe ich mich mit Moslem Afazli, Jansoon Imani und Mohammed Sawar Saitalizade. Dank einem Erkennungszeichen – meiner orangen Jacke – finden wir uns schnell und machen uns sogleich auf den Weg zu Olivia Murphy. Sie hat die drei Afghanen und mich zu sich nach Hause nach Seon eingeladen. Im Rahmen des Projekts "Gemeinsam Znacht Aargau" laden Freiwillige, die im Kanton Aargau leben, Flüchtlinge zu sich nach Hause zu einem Essen ein.

Das von Swisslos unterstützte Freiwilligenprojekt hat zum Ziel, Sprachkenntnisse zu verbessern, Berührungsängste abzubauen und Begegnungsräume zu schaffen. Das Projekt existiert auch in anderen Kantonen. "Meine Erfahrung zeigt, dass die Begegnungen für alle Beteiligten eine Bereicherung sind", sagt Olivia Murphy, die Gastgebende und Geflüchtete im Aargau vermittelt und immer wieder selbst einlädt.

Woher kommt unser Geld?

Olivia Murphy heisst uns zusammen mit ihrem Mann herzlich willkommen. Ihre beiden Töchter – eine besucht den Kindergarten und die andere die erste Klasse – sind zu Beginn noch etwas schüchtern. Sie tauen immer mehr auf. Im Wohnzimmer der Familie Murphy unterhalten wir uns: Jansoon Imani und Moslem Afazli erzählen, diskutieren auf Deutsch und übersetzen für Mohammed Sawar Saitalizade, der kaum deutsch spricht.

Trotzdem versucht sich der über 40-jährige, der sich für diesen Abend in Schale geworfen hat, am Gespräch zu beteiligen und dank der Unterstützung der beiden anderen, gelingt ihm das auch. Er besuche gerade einen Deutschkurs, erklärt Sawar Saitalizade. Stolz benennt er Nase, Mund, Ohr und noch weitere Körperteile – sogar mit dem korrekten Artikel. "Das ist ihm besonders wichtig", sagt Jansoon Imani, der übersetzt. Das Gespräch dreht sich bald darum, wer welchen Aufenthaltsstatus hat und wie die Lebenssituation der drei Geflüchteten ist. Auch ganz Banales wird thematisiert: Jansoon Imani kann Moslem Afazli im Ping Pong einfach nicht besiegen.

Während des Gesprächs trauen sich die Töchter von Murphy wieder in das Wohnzimmer der Familie Murphy und fangen an, Fragen zu stellen. "Woher kommt eigentlich unser Geld?", fragt sich die ältere der beiden, als es um die finanzielle Situation der Geflüchteten geht. Während Olivia Murphy drei Lasagnen auftischt – eine mit Fleisch, eine vegetarisch und eine laktosefrei –, erklärt sie ihrer Tochter, dass man arbeiten muss, um Geld zu verdienen.

Kein Zugang zu Bildung

Die drei Geflüchteten bedanken sich bei der Köchin und loben das Gericht. Im Laufe des Essens erzählen die drei Afghanen ihre Geschichte: Moslem Afazli und Jansoon Imani wuchsen im Iran als Flüchtlinge ohne Zugang zu Bildung auf. Arbeit zu finden war schwierig, sie schlugen sich beide mit Gelegenheitsjobs durch. Mohammed Sawar Saitalizade arbeitete in Afganistan vor seiner Flucht als Bäcker. Die einzige Bildung, die er je erhalten hat, erhielt er in der Koranschule. Der persisch sprechende Afghane lernte dort ein wenig arabisch.

Beim Essen ergeben sich auch immer wieder lustige Momente: Eines der Kinder sagt "Kabis" und meint damit Blödsinn. Für die drei Afghanen hat das Wort eine ganz andere Bedeutung: Jansoon Imani klärt auf: "Kabis heisst auf Persisch so etwas wie schlechter Mensch." Wahrscheinlich ist das die Version für die anwesenden Kinder, denn die drei Afghanen amüsieren sich ab diesem Vorfall sehr.

Jede und jeder hat eine Geschichte

Auch die Familie Murphy erzählt von ihrer Herkunft. "Mein Mann stammt aus Neuseeland, wo wir auch einige Jahre gelebt haben", sagt die Gastgeberin. Ihnen sei der Umzug in die Schweiz nicht leichtgefallen. Obwohl sie das hiesige System gut kenne, sei es für ihren Mann am Anfang schwer gewesen, hier eine Stelle zu finden. Er verfügt zwar über eine Ausbildung als Elektroingenieur, doch mit einem neuseeländischen Diplom. "Das kannte niemand hier. Es war nicht einfach, die Arbeitgebenden zu überzeugen", erzählt Murphy.

Bevor wir den Abend bei einer Runde Uno ausklingen lassen, wird Moslem Afazli noch einmal ernst: "Ich fühle mich verunsichert. Von dieser Stelle heisst es das und von jener höre ich das Gegenteil – gerade, wenn es darum geht, einen Job zu finden." Einige Unklarheiten können wir gemeinsam im Gespräch klären, doch nicht alle. Trotzdem war es ein bereichernder Abend. Olivia Murphy meint zum Abschied: "Es kommt ein Flüchtling und es geht ein Mensch mit Namen und eigener Geschichte."

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