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Ein Tatort mitten in der Altstadt

Ein Rückblick zum Aktionstag "Stopp Feminizid und Häusliche Gewalt" vom 25. November 2022

Viele Passantinnen und Passanten wissen nicht so recht, wie sie darauf reagieren sollen: Mitten in der Altstadt Aarau steht ein Polizeiauto, daneben ein abgesperrter Tatort. Mindestens ein halbes Dutzend Polizistinnen und Polizisten ist hier. Die Leute verlangsamen ihren Schritt, unsicher. Ist etwas Schlimmes vorgefallen?

Als sie realisieren, dass es sich um eine inszenierte Strassenaktion handelt, atmen sie auf. Doch ein mulmiges Gefühl macht sich dennoch breit, denn was dieses eine Mal nicht echt ist, ist für viele Frauen brutale Realität. Das gelbe Plastikband, das sich grell von den regennassen Pflastersteinen abhebt, zeichnet die Umrisse von zahllosen Frauen nach, die jemals dort gelegen haben oder eines Tages liegen werden. Lego und Teddybär gehören all jenen Kindern, die etwas mitansehen müssen, was sie ein Leben lang mit sich tragen werden. Der Tatort zeigt einen halb gedeckten Tisch, einen Stuhl, einen Tripp Trapp – eine ganz normale Alltagssituation in einem x-beliebigen Zuhause. Doch der Stuhl wird umgestossen, das Weinglas fällt zu Boden. Und ein Zufluchtsort wird zu einem Ort der Angst und der Gewalt.

Im Rahmen der internationalen Kampagne "16 Tage gegen Gewalt an Frauen" fanden am 25. November in Aarau und Baden parallel zwei Strassenaktionen unter dem Motto "Stopp Feminizid und häusliche Gewalt" statt. Zum einen informierten zahlreiche Polizistinnen und Polizisten der Kapo Aargau und der Aarauer oder Badener Stadtpolizei. Zum anderen waren auch Vertreterinnen verschiedenen Institutionen vor Ort, wie der Opferberatung Aargau, der Anlaufstelle gegen Häusliche Gewalt, des Frauenhauses Aargau-Solothurn und der Fachstellen Sexuelle Gesundheit und Häusliche Gewalt. Sie alle waren offen für Fragen, verteilten Flyer und hörten sich Erlebnisse und Gedanken von Passantinnen und Passanten an.

Auch Regierungsrat Dieter Egli nahm an der Aktion teil. Als Vorsteher des DVI ist er verantwortlich für die Sicherheit der Bevölkerung und unterstrich, dass ihm der Kampf gegen Gewalt an Frauen ein besonderes Anliegen sei. "Häusliche Gewalt findet oft im Verborgenen, im familiären Raum statt", erklärte er. "Es ist mir wichtig, dass wir die Leute sensibilisieren, dass wir über diese Themen sprechen, denn erst dann können wir präventiv tätig werden und Gewalt gegenüber Frauen verhindern."

Genau darauf zielt die Kampagne ab. Das Tabu kann nur gebrochen werden, wenn häusliche Gewalt nicht mehr als Privatangelegenheit angesehen wird. Wenn Femizid in der Schweiz nicht mehr als Randphänomen angesehen wird. Die Enttabuisierung und Sensibilisierung wurde natürlich am Freitag noch nicht erreicht, dafür braucht es noch viel Arbeit. Doch trotz des schlechten Wetters zogen die Aktionen in Aarau und Baden viel Aufmerksamkeit auf das Thema. Die Leute verlangsamten ihren Schritt, manche blieben stehen, wollten darüber reden und mehr wissen. Das Ziel rückte am Freitag also ein kleines, aber wichtiges Stück näher.

Text von Marina Müller, Praktikantin DVI Kommunikation