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30er-Jahre

Hinstehen und seine Meinung kundtun, das war den männlichen Mitmenschen vorbehalten. Dass Frauen sich öffentlich äusserten und sogar noch appellierten, wirkte befremdend und wurde bewusst mit Gleichgültigkeit gestraft. Doch nicht nur Männer fanden wenig Interesse am aufkeimenden Thema.

"Die Stummen reden." - Männliche Zeitgenossen
© Kanton Aargau
"Unsere eigene Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit macht es den Männern leicht, ihre Vorrechte als Rechte und die heutigen Zustände als die gegebenen und richtigen zu betrachten." - Clara Ragaz-Nadig
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"Das Material für das Frauenstimmrecht liegt im übrigen ... in der mittleren Schublade rechts Deines Schreibtisches." - Heinrich Häberlin
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Kontext

Die Stummen reden.

Männliche Zeitgenossen 1933Als Antwort auf den Appell diverser Frauenvereinigungen an Schweizer Frauen

Die 30er-Jahre verlangten von den Menschen in politischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht einiges ab. Verantwortungsbewusste Frauen stellten sich kritische Fragen und sie kamen zum Schluss, dass es ihnen nichts nützt, den Männern gleichgestellt zu sein, wenn sie faschistisches oder nationalistisches Gedankengut zu vertreten hätten. Sie waren überzeugt, dass die Rechte der Frauen nur in einer demokratischen Rechtsform gelebt werden können. Für den Nationalfeiertag verfassten sie einen Appell an die Schweizer Frauen, um sie zum "Kampfe für die Demokratie und zur nationalen Einheit aller Sprachen, Konfessionen und Rassen aufzufordern". Ein derartiger Appell von Frauen, die lautstark ihre Meinung kundtaten, gab es bis zu dieser Zeit noch nie. Später rückte die Frauenfrage wieder in den Hintergrund wegen der hohen Arbeitlosigkeit, die die Schweiz heimsuchte. Der damals amtierende Thurgauer FDP-Bundesrat Heinrich Häberlin schubladisierte die brennende Frage der Frauenrechte wortwörtlich, in dem er das Anliegen mit folgendem Satz an seinen Nachfolger übergab:

Das Material für das Frauenstimmrecht liegt im übrigen […] in der mittleren Schublade rechts Deines Schreibtisches.

Heinrich Häberlinehemaliger FDP-Bundesrat (1929–1934) und Richter

Die abwertende Haltung gegenüber einer "Stimme der Frau" und das Bagatellisieren des immer lauter werdenden Themas war aber auch auf Seiten der "Stummen" vorhanden. So schrieb Clara Ragaz-Nadig bereits 1923 im Schweizer Jahresbericht des Schweizer Zweigs der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (kurz IFFF):

Unsere eigene Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit macht es den Männern leicht, ihre Vorrechte als Rechte und die heutigen Zustände als die gegebenen und richtigen zu betrachten. Jedes Volk hat nicht nur die Regierung, die es verdient, sondern wir Frauen haben auch die Männer, die wir verdienen. Sorgen wir dafür, dass wir bald bessere verdienen.

Clara Ragaz-Nadig1923 im Jahresbericht der IFFF

Wer war Clara Ragaz-Nadig?

Die Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin Clara Ragaz-Nadig (geb. Nadig) wurde 1874 in Chur geboren, wuchs in Basel auf, besuchte das Lehrerinnenseminar in Aarau, arbeitete in England und Frankreich und lebte danach in Zürich, wo sie mit dem Theologieprofessor und Pfarrer Leonhard Ragaz verheiratet war. Zeitweise war sie Vizepräsidentin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF). Sie starb 1957 mit 83 in Zürich.

Quellenangaben & weiterführende Links

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