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Einer unbekannten Epoche auf der Spur

In einem vier Jahre dauernden Forschungsprojekt wertet ein Team von Archäologinnen und Archäologen die Fundstelle Gränichen-Lochgasse aus der Mittelbronzezeit aus. Es ist die grösste bekannte Siedlung dieser Zeit im Aargau.

Vom 3. Oktober 2016 bis zum 31. Oktober 2017 fand während zwei Grabungskampagnen in der Gemeinde Gränichen eine geplante Notgrabung statt. Zwischen Lochweg und Lochgasse wurden auf einer bisher landwirtschaftlich genutzten Fläche von rund 10'000 Quadratmeter die Überreste einer mittelbronzezeitlichen Siedlung (1600−1250 v. Chr.) ausgegraben.

Bei dieser Grossgrabung handelt es sich um die bisher grösste prähistorische Ausgrabung im Kanton Aargau.

Das Auswertungsprojekt MAGIA

Bisher sind in der Schweiz nur wenige mittelbronzezeitliche Siedlungen solchen Ausmasses bekannt. Die Auswertung der Fundstelle Gränichen-Lochgasse wird zu einem erheblichen Erkenntnisgewinn beitragen. Damit ein ganzheitliches Bild der mittleren Bronzezeit im Aargau entsteht, bezieht das Auswertungsteam weitere bisher unausgewertete mittelbronzezeitliche Fundstellen im Aargau mit ein.

Die Fundstelle

Das Grabungsteam legte insgesamt rund 1200 archäologische Strukturen frei. Darunter befinden sich viele Pfostenlöcher, welche die ehemaligen Gebäudegrundrisse angeben. Weiter kamen zahlreiche ausserordentliche Strukturen zum Vorschein, von denen einige Hinweise auf rituelle Praktiken geben: So waren mehrere Gruben absichtlich mit teils verbrannten, teils vorsichtig gestapelten Keramikscherben verfüllt.

Insgesamt wurden rund 100'000 Fundobjekte geborgen, wovon die Keramikscherben mit 95% den weitaus grössten Anteil ausmachen. Letztere sind im Vergleich zu anderen Fundstellen dieser Zeit aussergewöhnlich gut und grossteilig erhalten.

Auf der Grabung wurden ausserdem systematisch Proben für naturwissenschaftliche Analysen entnommen.

Das Auswertungsteam

Das Auswertungsteam besteht aus drei Personen: eine Archäologin widmet sich dem archäologischen Befund von Gränichen-Lochgasse und versucht mit der Auswertung, die Siedungsstruktur des Dorfes nachzuzeichnen. Ein Archäologe wertet die zahlreichen Keramikfunde aus. Scherben sind die häufigste Fundgattung in bronzezeitlichen Fundstellen und können helfen, eine Fundstelle zu datieren. Denn Keramik ändert sich im Laufe der Zeit in ihrer Form und Verzierung und ist damit eine wichtige Quelle für Forschende.

Ein Geoarchäologe schliesslich analysiert Erdproben aus unterschiedlichen Befunden. Die vielen Proben, die auf der Ausgrabung entnommen wurden, macht die Siedlung aus geoarchäologischer Perspektive zur bestbeprobten bronzezeitlichen Siedlung der Schweiz. Somit sind erstmals Untersuchungen zur Nutzung und Auflassung der Fundstelle sowie zur Rekonstruktion menschlicher Aktivitäten möglich.

Das Auswertungsteam berichtet

Trautes Heim, Büro allein

Geoarchäologe am Reinigen von Proben auf dem Balkon.
© IPNA

Beinahe ein Jahr ist es nun her, seit die Basler Fasnacht abgesagt, Anlässe aller Art gestrichen und die arbeitende Bevölkerung – sofern möglich – ins Homeoffice gesteckt wurden. Das galt auch für die Universität Basel, welche Labore, Werkstätten und Büros für mehrere Monate schloss und das auch jetzt wieder tut. Trotzdem ging die Forschung am MAGIA-Projekt weiter, wenn auch mit etwas Improvisation.

So wanderten im März nicht nur das geoarchäologische Personal, sondern auch die Blockproben ins Homeoffice. Der erste Schritt einer geoarchäologischen Untersuchung besteht darin, die Proben zu reinigen und makroskopisch zu beurteilen. Was normalerweise in der Werkstatt geschieht, fand dank gutem Wetter auf dem Balkon statt.

Hitzesteine in einer modernen Küche. Bild vergrössern
© Kanton Aargau

Dabei wurden grössere Kiesel und Gesteine entfernt, gewaschen, bestimmt und auf Spuren von Hitze oder Bearbeitung untersucht. Auf diese Weise konnten mehrere "Hitzesteine" identifiziert werden – also Steine, die im Feuer erhitzt wurden, um die Wärme zu speichern – zum Beispiel zum Kochen. So kehrten diese "Hitzesteine" nach mehr als 3500 Jahre wieder in eine Küche zurück, wo sie vom Schmutz der Jahrtausende befreit wurden.

Im Verlaufe des Sommers öffneten die Werkstätten und Labore der Universität Basel glücklicherweise wieder, sodass die inzwischen gereinigten Blockproben mit Kunstharz eingegossen, gefestigt und in Scheiben gesägt werden konnten. Aus diesen Scheiben wurden schliesslich Dünnschliffe hergestellt. Dabei handelt es sich um 30 Mikrometer (0,03 Millimeter) dünne Präparate, die unter dem Mikroskop untersucht werden. Statt einem Fernseher stand im Wohnzimmer deshalb ein Mikroskop, sodass selbst in Zeiten von Homeoffice alle Schritte einer geoarchäologischen Untersuchung zu Hause durchgeführt werden konnten.

Mit etwas Flexibilität und Kreativität konnte und kann der wissenschaftliche Alltag auch während einer Pandemie aufrechterhalten werden. Trotzdem hoffen wir alle, dass nicht nur die Wissenschaft, sondern das ganze Leben bald wieder ausserhalb der eigenen vier Wände stattfinden kann.

Keramikanalyse – oder wie man Keramik in Scheiben schneidet

Keramikscherben kann man nicht nur in Händen halten, zeichnen und aufgrund ihrer Form und Verzierung einer Epoche zuordnen. Keramikscherben kann man auch in Kunstharz eingiessen, aufsägen, in 0,03 mm dünne Präparate schleifen (sogenannte Dünnschliffe) und unter dem Mikroskop analysieren.

So geschehen mit rund 20 Keramikscherben, die mehr oder weniger zufällig in Bodenproben enthalten waren und dadurch petrografisch untersucht werden konnten. Unter dem Mikroskop offenbaren die Keramikscherben dem geschulten Auge wichtige Informationen zur Zusammensetzung des Tons, aber auch zur Art der Magerung (als Magerung werden dem Ton absichtlich hinzugefügte Bestandteile zur Verbesserung der Brenneigenschaften bezeichnet – z. B. Sand, Stroh etc.). Auf diese Weise lässt sich das Ausgangsmaterial – der Töpferton also – genau charakterisieren und manchmal sogar dessen Herkunft lokalisieren.

Die eingangs erwähnten 20 Keramikscherben zeigen aus petrographischer Sicht ein sehr homogenes Bild und bestehen fast alle aus dem gleichen Ton. Dieser enthält reichlich Glimmer und viele kleine Tonklümpchen (sogenannteTongallen). Sehr ähnliche Eigenschaften weisen Verwitterungslehme der Molasse auf (genauer: Die Verwitterungslehme der "Bunten Mergel"). Dabei handelt es sich um ein für Töpferarbeiten gut geeignetes geologisches Substrat, das im Umkreis von etwa 2 km rund um die mittelbronzezeitliche Fundstelle Gränichen-Lochgasse an verschiedenen Stellen zu Tage tritt. Die Kenntnisse der damaligen Menschen über die natürlichen Ressourcen waren also – ganz ohne geologische Karten – hervorragend.

Diese neuen Erkenntnisse werden im Rahmen des MAGIA-Projektes helfen, die richtigen Rohstoffe für die Herstellung von Keramik-Repliken zu verwenden. Diese wiederum werden für Experimente benötigt, die für das kommende Jahr geplant sind. Fortsetzung folgt!

Die Sprache der Scherben – Einblick in zwei Praktikumsarbeiten

Zwei Studierende beim Begutachten von Scherben.

Im Rahmen von zwei Praktikumsarbeiten und in Zusammenarbeit mit dem Auswertungsprojekt MAGIA haben zwei Studierende der Universität Basel insgesamt 542 Keramikscherben aus fünf Strukturen der Grabung Gränichen-Lochgasse näher untersucht. Dabei beschäftigte sich eine Studentin mit dem Erhaltungszustand, der Formenansprache sowie der zeitlichen Einordnung des Keramikmaterials aus einer bronzezeitlichen Grube. Ihre Ergebnisse zeigen, dass diese in die frühe Spätbronzezeit (1300−1200 v. Chr.) datiert. Das wirft ein neues Licht auf die Nutzungszeit des Areals, denn bisher wurde in erster Linie eine Besiedlung in der Mittelbronzezeit (1550−1300 v.Chr.) angenommen. Bei der Analyse der Erhaltung der Keramikscherben konnte sie beobachten, dass auffallend viele Scherben vor der Einbringung in die Grube in Kontakt mit Feuer kamen. Allgemein waren die ausgewerteten Gefässe klein fragmentiert und oft war die originale Oberfläche der Scherben nicht mehr erhalten. Es konnten ausserdem Unterschiede im verwendeten Rohmaterial und der Herstellung der Gefässe festgestellt werden.

In der anderen Projektarbeit beschäftigte sich ein Student mit Aspekten zur Herstellung der Keramik und zu den verwendeten Materialien. Anhand von Keramikscherben aus vier unterschiedlich datierten Strukturen wurde untersucht, ob sich Herstellungstechnik und verwendete Rohstoffe der bronze- und eisenzeitlichen Keramik unterscheiden. Er konnte klare Korrelationen zwischen Material, Technik und der Datierung der Scherben feststellen. So unterschied sich die bronzezeitliche von der eisenzeitlichen Keramik sowohl in der Auswahl des Rohmaterials als auch in der Formgebungstechnik und der Oberflächenbehandlung.

Die beiden Arbeiten zeigen, dass Keramik aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und daraus zahlreiche Informationen zu Herstellungstechnik, Wahl der Rohstoffe, Datierung und Erhaltung entlockt werden können.

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