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Verbrannt und verschüttet − ein frühneuzeitliches Hausinventar aus Wallbach

Der Brandschutt eines Hauses bietet einen Einblick in das Alltagsleben im Fricktal um das Jahr 1600.

Im April 2019 untersuchten Archäologinnen und Archäologen zwei von einem Bauprojekt betroffene Parzellen in Wallbach. In der Erde unter dem Bauernhaus, das durch einen Neubau ersetzt werden sollte, erwarteten sie römische Befunde. Zum Vorschein kamen allerdings mittelalterliche Grubenhäuser sowie ein spätmittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Keller. Dieser Keller war mit einer Brandschicht verfüllt, die reichlich Holzkohle, Asche und Fachwerklehm enthielt.

Aufgrund dieser Informationen aus der Vergangenheit wird vermutet, dass über dem Keller einst ein Gebäude in Ständer- und Fachwerkbauweise stand, das bei einem Brand samt Hausinventar in seinen Keller verstürzte. Das Fehlen von Dachziegeln im Brandschutt deutet darauf hin, dass das Haus beispielsweise mit einem Strohdach gedeckt war.

Durch den Brand entstand eine Momentaufnahme der Ausstattung eines Wohnhauses. Sie ermöglicht uns einen kleinen Einblick ins Alltagsleben im Fricktal um das Jahr 1600.

Andrea WinklerAutorin Projektarbeit "Wallbach-Rheinstrasse. Untersuchung eines frühneuzeitlichen Hausinventars"

Ein Kachelofen, der es auf sich hat

Eine verbrannte Ofenkachel Bild vergrössern
Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Im Haus an der heutigen Rheinstrasse stand vor dem Brand um 1600 ein Kachelofen. Dies belegen die zahlreichen Kachelfragmente im Brandschutt. Darunter fanden sich auch einige herausragende Ofenkacheln mit personifizierten Darstellungen von Tugenden. Den Kachelofen von Wallbach muss man sich als Patchwork vorstellen. Der Ofen dürfte mehrmals repariert oder gar neu aufgesetzt worden sein, wobei zerbrochene Kacheln durch neue ersetzt wurden. So wurde der ursprünglich spätmittelalterliche Kachelofen bis zum Hausbrand um 1600 immer wieder mit neueren Kacheln modernisiert.

Verbrannte Ofenkachel Bild vergrössern
Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Die sieben Kardinaltugenden

Die Darstellungen der Tugenden basieren auf der im Jahr 1539 geschaffenen Kupferstichserie "Die Erkenntnis Gottes und die sieben Kardinaltugenden" von Hans Sebald Beham (*1500 in Nürnberg, †1550 in Frankfurt am Main). Die sieben Kardinaltugenden setzen sich zusammen aus den seit der griechischen Antike bekannten vier Grundtugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mässigung sowie aus den vom Christentum geprägten theologischen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. Die hier abgebildete Ofenkachel zeigt eine geflügelte Frau, begleitet von zwei Kindern und einem Hund. Sie stellt die christliche Tugend der Liebe dar.

Bild der personifizierten Astronomia. Bild vergrössern
Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Die sieben freien Künste

Neben der Darstellung der sieben Tugenden finden sich auf den Kacheln im Wallbacher Keller weitere figürliche Darstellungen. Auf einer der Kacheln ist die Astronomie abgebildet, die Teil der sieben freien Künste ist. Bei den sieben freien Künsten handelt es sich um Wissensgebiete. Seit der Spätantike bilden diese den Ausbildungskanon junger Männer: Grammatik, Rhetorik und Dialektik gehören zur sprachlichen, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie zur mathematischen Grundausbildung. Ein entsprechend geschulter Mann konnte Recht, Medizin oder Theologie studieren. Ein vollständiger Zyklus der sieben freien Künste findet sich nahe des Vindonissa Museums auf der Fassade des Brugger Lateinschulhauses. Gestaltet wurde sie 1640 vom Badener Maler Rudolf Schwerter, der als achte Frauenfigur links bei der Kirche die Theologie hinzufügte.

Die sieben Todsünden

Den Kardinalstugenden werden gerne die Todsünden gegenübergestellt, zum Beispiel im Katechismus der katholischen Kirche. Dort werden sie als Hauptsünden bezeichnet und bilden ebenfalls eine Siebenzahl. Heute sind sie präsenter und dadurch wesentlich bekannter als die Tugenden. Filme wie "Seven" mit Brad Pitt und Morgan Freeman oder der auf der gleichnamigen Mangaserie basierende Anime "Seven Deadly Sins" greifen das Thema auf. Bei den sieben Todsünden handelt es sich um Hochmut, Habgier/Geiz/Habsucht, Wollust/Zügellosigkeit, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit/Überdruss. Der im Zusammenhang mit den Todsünden oft auftretende Begriff SALIGIA ist ein Akronym, ein Kunstwort, das bereits im Mittelalter erschaffen wurde: Es besteht aus den Anfangsbuchstaben der sieben Todsünden in lateinischer Sprache.

Ein Fischernetz

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Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

Die Fischerei war im Mittelalter ein Gewerbe. Die Fischer bildeten meist mit den Schiffsleuten zusammen eine Zunft. Gesetze legten beispielsweise die Maschenweiten der Netze oder die Schonzeiten fest. Im Haus in Wallbach, das am Ufer des Rheins stand, befand sich ein Fischernetz. Erhalten haben sich wenige Fasern und 18 Netzsenker aus Stein. In der Strömung halten die Steine das Netz vertikal im Wasser. Ihr Gegenstück sind die oben angebrachten Netzschwimmer, die oft aus Pappelholz bestanden. Ein solches Stellnetz wurde meist am Abend ausgesetzt und am Morgen wieder eingeholt. Die Fische schwammen hinein und verfingen sich dabei mit ihren Kiemendeckeln im Netz. Auch bei der von Schiffen aus betriebenen Zugfischerei wurden die sogenannten Zuggarne mit Netzsenkern beschwert. Die wenigen Reste in Wallbach lassen allerdings keine Aussagen über ihre genaue Verwendung zu.

Eine Verzierung verrät das Alter

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Foto Kantonsarchäologie, © Kanton Aargau

In der Archäologie sind die jüngsten Funde für eine Datierung entscheidend. Sie geben den ungefähren Zeitpunkt eines bestimmten Ereignisses an. Die sogenannten Schlussmünzen eignen sich besonders gut zur Datierung. Die jüngste Münze im Brandschutt des Wallbacher Kellers wurde um 1560 geprägt. Das bedeutet, dass der Hausbrand erst danach stattgefunden haben kann. Genauer konnte die Gefässkeramik datiert werden. Die jüngsten Formen sind Teller und Schüsseln mit verkröpftem Rand und Malhorndekor. Diese verzierte Keramik wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entwickelt. Ab dem 17. Jahrhundert fand sie weite Verbreitung. Das Haus an der Rheinstrasse in Wallbach muss demnach um das Jahr 1600 gebrannt haben.

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