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Der Deutschkurs rollt per Auto ins Dorf

Im Sprachmobil lernen Geflüchtete in einem lockeren Rahmen Deutsch am Ort, wo sie wohnen, leben oder arbeiten. So auch in Oberhof im Fricktal.

Dank Marianne und Heinz Herzog hält das Sprachmobil auch in Oberhof.
Dank Marianne und Heinz Herzog hält das Sprachmobil auch in Oberhof. © Kanton Aargau

Die Sonne scheint. Der Platz vor der Kapelle in Oberhof ist leer. Eine Frau spaziert mit ihrem Hund vorbei. Ein ganz normaler Frühlingstag. Marianne und Heinz Herzog sind zu Fuss unterwegs. Sie ist Fachberaterin und Fachpädagogin für Psychotraumatologie und er Gemeinderat in Oberhof. Er ist zuständig für Soziales, hauptberuflich arbeitet er als Head of Cabin Crew Planning bei der Swiss. Die beiden kommen nicht zufällig vorbei: Wir treffen uns zu einem Interview vor der Kapelle, wo gleich das Sprachmobil vorfährt. Dank dem Ehepaar Herzog macht das Sprachmobil regelmässig Halt in Oberhof.

Im Sprachmobil Deutsch lernen

Mobiler Deutschkurs für Flüchtlinge: Einmal in der Woche hält das Sprachmobil in Oberhof.
Mobiler Deutschkurs für Flüchtlinge: Einmal in der Woche hält das Sprachmobil in Oberhof. © Kanton Aargau

Deutschkurs auf Besuch: Einmal in der Woche hält das Sprachmobil in Oberhof.

Das Sprachmobil ist ein mobiler Begegnungsraum, wo Deutsch gelernt wird. Er richtet sich an Geflüchtete in der Nordwestschweiz. Seit November 2018 sind Freiwillige mit dem Sprachmobil – einer Sonderanfertigung mit einem Chassis ab Stange gekauft und einem extra angefertigten Kofferraum, der als Begegnungsraum freundlich und hell ist – in den Kantonen Basel-Stadt, Basel-Land, Aargau und Solothurn unterwegs. Sie bieten Sprachkurse dort an, wo Asylsuchende, Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Ausländerinnen und Ausländer leben und arbeiten. Das Sprachmobil ist ein niederschwelliges und kostenloses Angebot, um in kleinen Gruppen spielerisch Deutsch zu lernen. Maximal sechs Menschen finden sich zu Lerngruppen zusammen. In den einstündigen Sitzungen steht die alltägliche Kommunikation im Zentrum. Es ist aber genauso möglich, dass die Lernenden Hausaufgaben erledigen oder Unterstützung beim Verfassen von Briefen an amtliche Stellen oder potentielle Arbeitgeber erhalten.

Sprache schafft Begegnung und Beziehung

Billy Meyer, Initiant des Projektes, sieht das Sprachmobil als ideale Ergänzung zu bestehenden Angeboten: Die Freiwilligen im Sprachmobil kopieren nicht den normierten Sprachunterricht mit Lehrbüchern und Lektionen, sondern setzen in erster Linie auf gegenseitige ungezwungene Kommunikation und die Verbesserung der sprachlichen Kompetenz im Alltag. "Sprache schafft Begegnung und Beziehung, und umgekehrt, braucht es Beziehung und Begegnung, um eine Sprache erlernen zu können", ist in einer Broschüre darüber zu lesen. Das Projekt finanziert sich über Spenden und ist als Verein organisiert.

Kurz nach der Ankunft von Marianne und Heinz Herzog kommt auch das Sprachmobil in Oberhof an. Heinz Herzog begrüsst Claudia His. Sie ist eine der Freiwilligen und fährt mit dem Sprachmobil einmal in der Woche in die 600-Seelengemeinde. "Normalerweise besuchen wir jeden Standort zwei Mal pro Woche, das wäre auch ein Ziel für Oberhof", sagt His während sie den Bus vorbereitet: Sie stellt Stühle in einem Kreis auf und nimmt verschiedene Boxen aus einem Regal.

Vertrauen ist wichtig

Schon bevor das Sprachmobil ganz steht, verschwindet Marianne Herzog in einem grossen, gelben Haus gleich neben an. "Da drin wohnen fünf eritreische Familien. Während die Eltern Deutsch lernen, hütet eine junge Eritreerin aus dem Baselland zusammen mit anderen Frauen die Kinder," erklärt Heinz Herzog. Die Kinderbetreuung sei zu Beginn die grösste Hürde gewesen: Keine der Mütter wollte ihre Kinder jemandem anderen im Haus anvertrauen. Es gab kaum Kontakt untereinander. "Mit dem Sprachmobil hat sich das geändert: Nun ist es ganz normal, dass die Mütter gegenseitig auf die Kinder aufpassen", erklärt Herzog weiter.

Nun erscheinen zwei eritreische Frauen. Sie grüssen uns kurz und steigen ins Sprachmobil. Heinz Herzog und ich gehen in die entgegengesetzte Richtung: In einer Parterre-Wohnung betreut Marianne Herzog zusammen mit zwei Frauen sechs Kinder im Alter zwischen einem und sechs Jahren. Die Kinder spielen: Es ist laut, die Stimmung ausgelassen. "Die Menschen in diesem Haus gehören zu den speziell verletzlichen Personen. Manche sind schwer traumatisiert", erklärt die Traumaexpertin. Sie arbeitete bei der Fachstelle Förderung und Integration des Erziehungsdepartementes Basel-Stadt, bevor sie sich selbstständig gemacht hat. "Das Vertrauen untereinander und besonders gegenüber Fremden fehlte. Die Frauen hier im Haus waren fast komplett isoliert. Das hat sich auch dank des Sprachmobils verbessert", erklärt sie.

Eines der Kinder kommt zu Marianne Herzog und zeigt ihr sein Spielzeug. Bevor sie sich mit dem Jungen auf den Boden setzt, erklärt sie mir: "Wir sind auch streng. Wenn jemand nicht erscheint, ohne sich abzumelden, fragen wir nach. Sobald es mehrmals vorkommt – ohne guten Grund – hat das finanzielle Einbussen zur Folge." Dann erwähnt sie, dass zurzeit eine Teilnehmerin fehlt. Sie hätte heute ebenfalls im Sprachmobil Deutsch lernen sollen.

Lachen und Lernen

Die zwei Frauen im Sprachmobil setzen sich in der Zwischenzeit mit dem Konjunktiv und Höflichkeitsformeln auseinander. Als ich mich zusammen mit Heinz Herzog im Sprachmobil dazusetze, merke ich, dass ich störe. Die Frauen werden nervös. Claudia His lockert die Situation auf und zückt ein Memory-Spiel mit verschiedenen Basler Sehenswürdigkeiten und Traditionen. Aber das löst die Stimmung nicht wirklich. Also verlasse ich das Sprachmobil wieder. Jetzt lachen die Frauen im Inneren wieder, konzentrieren sich auf das Spiel und sprechen deutsch.

"Das Tolle an der Arbeit mit Geflüchteten ist, dass sie lernen und sich integrieren wollen. Der lockere Rahmen des Sprachmobils hilft: Menschen lernen besser, wenn sie lachen", sagt His, pensionierte Kunsthistorikerin und Religionspädagogin. Sie bereite sich auf jede Stunde gründlich vor, erklärt sie, während sie das Sprachmobil aufräumt. Kurz bevor sie abfährt, taucht die vermisste Frau auf: Sie war für ein letztes Mal noch an einem Sprachkurs in Aarau, kommt aber jetzt wieder ins Sprachmobil, da bald ihr nächstes Kind zur Welt kommt.

Billy Meyer sucht weiterhin Freiwillige für den Sprachunterricht, die sich gerne bei ihm () melden können.

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