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Kommunale Schutzobjekte

Baumaterialrecycling in Thalheim

Im "Winkel" im Thalheimer Unterdorf steht ein kleines, augenscheinlich älteres Bauernhaus, dessen Strassenfassade durch die beiden schönen grossen Fenstergewände auffällt. Es handelt sich um zwei spätgotische Doppelfenster mit gekehlten Rahmen, wie der Fachmann sogleich erkennt, eine sorgfältige Hausteinarbeit, die nach ihren Formen sicher noch in die Zeit vor 1700 datiert.

Wir stehen also vor einem Haus aus dem 17., wenn nicht gar aus dem 16. Jahrhundert, folgert unser Fachmann. Im mittlerweile etwas angejahrten Kunstdenkmälerband von 1953, der über weite Strecken zu Recht immer noch das massgebliche Standardwerk zu den Baudenkmälern der Region bildet, lesen wir über Thalheim denn auch: "Der ‘Winkel’ im Unterdorf hat spätgotischen Charakter bewahrt. Häuser Nr. 118/119 mit gekehlten Fensterrahmen."

Kleinbauerhaus Winkel 119a in Thalheim. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Vielleicht könnte unser Betrachter schon beim Blick auf die Strassenfront stutzig werden, weil die schön gearbeiteten Fenstergewände an sich so gar nicht zur unregelmässigen Fassadengliederung passen – und auch ihre Grösse wirkt im Vergleich zu den bescheidenen Dimensionen des Hauses in für das 16. oder 17. Jahrhundert doch etwas übertrieben. Auch der Schreiber dieser Zeilen ist hier allerdings noch nicht stutzig geworden; man sieht ja manche Bauten aus alter Zeit, an denen sich nicht alles auf den ersten Blick erklärt.

Eine verdächtig üppige Hinterseite

Spätgotisches Fenster mit Löchern für einen ehemaligen Fensterladen an der Rückfront des Hauses Winkel 119a. © Kantonale Denkmalpflege Aargau

Besser begründeten Verdacht könnte man schöpfen, wenn man um das Haus herumginge. In ganz ungewöhnlicher Weise ist das kleine Häuschen auch an der Rückfassade, die schon zur Bauzeit dem Blick der Passanten weitgehend entzogen war und auch heute öffentlich nicht einsehbar ist, mit zwei schönen, ebenfalls spätgotischen Einzelfenstern versehen. Zudem besitzt es im Erdgeschoss einen steingerahmten Hauseingang mit ebensolchem Nebenfensterchen. Die üppige Fassadengestaltung passt so gar nicht zur Hinterseite eines bescheidenen kleinen Häuschens, und bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die beiden spätgotischen Fenstergewände unter sich nicht einmal identisch gestaltet sind. Eines der beiden zeigt nur einseitig Löcher eines früheren Fensterladens, das andere sogar Spuren eines Fenstergitters, das im Obergeschoss eines Kleinbauernhauses keinen grossen Sinn ergibt. Tatsächlich kennen die heutigen Eigentümer die einzig plausible Erklärung für die üppigen Hausteinelemente der Fassade: Sie stammen aus Abbruchmaterial der Ruine Schenkenberg, wie vor Ort mündlich überliefert wird. Natürlich!, denkt der Betrachter, und er fragt sich, weshalb er nicht vorher auf den Gedanken gekommen ist. Das Haus ist also plötzlich deutlich jünger als man dachte und stammt wohl aus dem späteren 18. Jahrhundert – aber es hat eine umso interessantere Baugeschichte erhalten.

Ein Steinbruch vor der Haustür

Die Ruine Schenkenberg von Süden, Zeichnung von Ludwig Vogel, 1. Hälfte 19. Jh. Repro: Kantonale Denkmalpflege Aargau, Original: Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich.

Über dem Dorf Thalheim thront unübersehbar die bekannte Ruine Schenkenberg, die als Landmark dem ganzen Tal seinen unverwechselbaren Charakter gibt. Wohl im frühen 13. Jahrhundert von den Habsburgern als Teil ihres Wehrsystems errichtet und an die gräflichen Schenken von Schenkenberg verliehen, wurde die Burg nach der Eroberung des Aargaus 1415 zunächst reichsunmittelbar und stand damit ausserhalb des bernischen Machtbereichs. Erst 1460 eroberten die Berner Schenkenberg und installierten hier ihren Landvogteisitz. Der bauliche Zustand der Burg gab allerdings schon im 16. Jahrhundert zu Bedenken Anlass, und 1720 verlegte Bern den Sitz der Landvogtei nach Wildenstein, nachdem ein Gutachten befunden hatte, die Anlage sei "von oben an biss unden auss, von aussen und innen, von hinden und vornen ... nichts nutz". Die aufgegebene Burg wurde daraufhin dem Verfall überlassen. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass sie ähnlich wie bei anderen Ruinen als beliebter Steinbruch für die Bewohner des Dorfs diente, war es doch sehr viel einfacher, beim Bau eines Hauses bereits fertig zubehauene Kalksteinblöcke vom Burgberg zu holen, als sie neu aus dem anstehenden Fels zu brechen. Dass man durchaus auch Freude an schönen Werkstücken wie Fenster- und Türgewänden hatte, kann man sich ebenso gut vorstellen. Im Keller des Hauses im "Winkel" hat man gar ein ganzes Rundbogenportal vermauert.

Baumaterial rezyklieren und Geschichte zitieren

Spolie in der "Neuen Altstadt" in Frankfurt am Main, Architekten des Neubaus: Morger Partner, 2018. © Melchior Fischli.

Bei den Werkstücken des Hauses im "Winkel" handelt es sich demnach um sogenannte Spolien. Mit diesem lateinischen Fachbegriff (wörtlich "Beute") bezeichnet man Fragmente aus älteren Bauten, die in einem jüngeren Gebäude wieder eingebaut wurden. Dabei handelt es sich um ein breites Phänomen der Architekturgeschichte seit der Antike. Durchaus konnte der Einsatz von Spolien mit einer Aussage verbunden sein, indem man damit etwa eine bestimmte Traditionslinie konstruieren wollte. Zu den berühmtesten Beispielen des Mittelalters gehören der bei Eroberungen im Mittelmeerraum und in Byzanz zusammengeraubte Bauschmuck der venezianischen Markusbasilika oder die aus Ravenna herangeschafften Säulen der Aachener Pfalzkapelle. Heute noch werden Spolien mitunter als zitathafte Erinnerung an frühere Bauten verwendet. Prominente aktuelle Beispiele bietet die erst vor zwei Jahren fertiggestellte "Neue Altstadt" in Frankfurt am Main, deren mehr oder weniger üppig historisierende Neubauten teilweise mit echten alten Bauteilen aus dem Schutt der Kriegszerstörungen geschmückt sind.

In den meisten Fällen war die Wiederverwendung älterer Bauteile freilich genau wie in Thalheim vor allem pragmatisch bedingt. Sie bildet in diesem Fall in gewissem Sinn einen Vorläufer dessen, was man heute unter dem Stichwort Baumaterialrecycling mühsam zu etablieren versucht. In Rom holte man sich über das ganze Mittelalter hinweg und auch noch in der Renaissance ganz selbstverständlich Steine von den verfallenden antiken Ruinen, wenn es einen Neubau auszuführen galt. Gegen diese Praxis richtete sich ein berühmter Brief Raffaels an Papst Leo X., der um 1520 zur Schonung der antiken Ruinen aufrief und der allgemein als eine Art Geburtsurkunde der Denkmalpflege gilt: Die antiken Ruinen waren nicht mehr ein Steinbruch, sondern ein Denkmal für die Grösse der Antike, das es entsprechend zu bewahren galt.

Eine masswerkverzierte Scheune, ein überraschender Ofen und eine Gartenmauer

Masswerkfragment als Lüftungsöffnung an der Stirnseite des Hauses Kirchgasse 18 in Thalheim. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Bemerkenswerterweise handelt es sich beim Haus im "Winkel" in Thalheim nicht einmal um einen Einzelfall. Auf der entgegengesetzten Talseite steht am Abhang unmittelbar neben der Kirche ein Bauernhaus, das mitten in der Giebelseite des Scheunentrakts ein rosettenartiges gotisches Masswerkfragment besitzt. Hier dürfte nicht die Ruine Schenkenberg als Ursprungsort der Spolie in Frage kommen, sondern die benachbarte Kirche. Beim Masswerkfragment, das aus zwei Dreipässen und einem Verpass besteht, handelt es sich demnach um den oberen Teil einer früheren gotischen Spitzbogenbefensterung, die vor dem Bau des Nachbarhauses bei einer Kirchenrenovation durch die damals moderneren, heute noch bestehenden Segmentbogenfenster ersetzt wurde.

Skizze von Kunstdenkmäler-Autor Michael Stettler von 1947 zum Stubenofen im Haus Kirchgasse 18. Quelle: Archiv Kantonale Denkmalpflege Aargau.
Ursprünglich aus der Kirche stammende Grabplatte von 1698, die ca. von 1820 bis 1990 als Basis für den Stubenofen diente. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Bauherr des Hauses mit dem Masswerkfragment war 1820 Sigrist Johannes Umiker, was vielleicht erklären kann, weshalb an dem Haus nicht nur dieses Bauglied aus der Kirche wiederverwendet wurde. Als Basis für den Aufbau des Stubenofens fand gar eine Grabplatte Verwendung, die sicherlich aus derselben Quelle stammte. «Ein Teil der Schrift wäre gut zu lesen, wenn man unter den Ofen kriechen könnte», notierte sich der Kunstdenkmäler-Autor 1947 bei den Recherchen für seinen Abschnitt über Thalheim. Immerhin skizzierte er auf einem zweiten Blatt korrekt die Jahrzahl 1698, die Darstellung eines Todes mit Sanduhr sowie ein Engelsmedaillon in der Mitte. Seit dem Neuaufsetzen des Ofens um 1990 wird die Grabplatte durch den heutigen Eigentümer separat bewahrt, womit sich die Darstellung auch ohne akrobatische Verrenkungen bewundern lässt. Der Name des einstmals darunter Begrabenen ist wegen der Fehlstellen in der Randleiste leider nicht mehr zu entziffern.

Die Schloss- oder Hägi-Trotte von 1638 in Thalheim, Aufnahme aus dem frühen 20. Jh. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Die Existenz der Ruine Schenkenberg ist sicherlich die Haupterklärung dafür, dass das vormoderne Baumaterialrecycling in Thalheim so weit verbreitet war. Wiederverwendete Steine von der Ruine Schenkenberg dürften sich demnach unter dem Verputz mancher Thalheimer Bauten finden. Ähnlich sieht es in anderen Ortschaften aus, in denen grössere Ruinen bestanden. Das Phänomen wirft ein interessantes Schlaglicht auf die Baugeschichte des Dorfes und illustriert auch eine Epoche, in der Baumaterial ganz im Unterschied zu heute noch etwas Wertvolles war und entsprechend sparsam verwendet wurde. Bemerkenswert ist, dass sich die Praxis in Thalheim noch lange halten konnte. Am Fuss des Schenkenbergs erhob sich einst die Schloss- oder Hägi-Trotte, ein langgestreckter Giebelbau aus Jurakalk-Bruchsteinen. Im frühen 20. Jahrhundert kaufte der damalige Gemeindeschreiber Wernli das Gebäude – nicht etwa, um es zu erhalten oder umzubauen, sondern, um aus dem Abbruchmaterial seine Gartenmauer an der Hauptstrasse beim Restaurant "Frohsinn" zu erstellen. Dort war der wappengeschmückte Schlussstein lange Jahre zu sehen, bevor er schliesslich 1985 als historisches Fragment an der Fassade des damals neu erbauten Gemeindehauses angebracht wurde.

Schlussstein der ehemaligen Schlosstrotte von 1638 am 1985 erbauten Gemeindehaus von Thalheim. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.