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Fachinventare

Ein begabter Zuwanderer

Der Kunstführer "Die Synagogen von Lengnau und Endingen und der jüdische Friedhof" (2005) würdigt die Synagoge von Lengnau. Archivforschungen waren im Vorfeld dieser Publikation jedoch kaum möglich. Im Rahmen der Kunstdenkmäler-Inventarisierung können die Quellen jetzt gesichtet werden. Laut Protokoll der Synagogenbaukommission ging der Auftrag für die Ausmalung der Synagoge Lengnau 1846 an den bisher kaum bekannten Dekorationsmaler Georg Ludwig Erber.

Synagoge Lengnau, Dekorationsmalerei über Mittelschiff und Thoranische. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Die Synagoge Lengnau wurde 1845–1847 nach Plänen des Zürcher Architekten Ferdinand Stadler erbaut. Zu den Dekorationsmalereien war bisher wenig bekannt: Bei der Innenrestaurierung der Synagoge 1995–1997 fanden sich im westlichen Joch über dem Wandgesims lediglich die Signaturen von drei norddeutschen Malern (H. Petersen aus Flensburg, W. Jensen aus Rensburg und J. Lubkol aus Altona). Sie hatten offensichtlich als Wandermaler in der Synagoge Lengnau Arbeit gefunden. Aber wer hat die Arbeiten angeleitet, wer war der eigentliche Unternehmer? Erfahrungsgemäss müsste es ein Maler aus der näheren Umgebung gewesen sein.

In den Beständen des jüngst an das Staatsarchiv Aargau übergegangenen Archivs der jüdischen Ortsbürgergemeinde Neu-Lengnau fand sich u.a. das "Verhandlungsprotokoll über den Synagogenbau 1841–1845". Daraus geht hervor, dass auf die Ausschreibung für die Ausmalung der Synagoge mehrere Offerten eingingen. Den Zuschlag erhielt ein Zürcher Maler namens "Erber". Nachforschungen ergaben, dass es sich um Georg Ludwig Erber handeln muss.

Wer ist Georg Ludwig Erber?

Synagoge Lengnau, Deckenmalerei über der Empore. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Die ersten Hinweise der Recherchen im Internet und in einschlägigen Publikationen führten wenig überraschend nach Zürich: Ein Maler namens Erber schuf 1842 die Dekorationsmalereien in der Aula der 1839–1842 von Gustav Albert Wegmann erbauten Kantonsschule auf dem ehemaligen Rämibollwerk in Zürich ('Alte Kantonsschule', Rämistrasse 59). Aber auch der Aargau kam bald ins Spiel, denn 1856 erteilte der Kanton Aargau dem "in Sachen der Dekorationsmalerei rühmlichst bekannten Maler G. Erber von Zürich" den Auftrag, im Grossratssaal in Aarau die Neudekoration (nicht erhalten) nach den Entwürfen von Hochbaumeister Ferdinand Karl Rothpletz auszuführen. Und, der Ahnenforschung sei Dank, bald liess sich auch ein Bezug nach Norddeutschland herstellen: Georg Ludwig Erber war 1810 in Hamburg geboren und getauft worden; sein Vater stammte aus Nürnberg, seine Mutter aus Hannover. 1835 ist ein Maler Georg Erber als Künstler in München nachgewiesen – wahrscheinlich "unser" Synagogenmaler. Im Juni 1838 erhielt "Georg Ludwig Erber von Hamburg, ledig, Kunstmahler" eine Niederlassungsbewilligung in den Bezirken Zürich und Knonau. 1842 erwarb Erber die schweizerische Staatsbürgerschaft und liess sich in Hottingen nieder. Seine erste, 1843 geschlossene Ehe blieb kinderlos; mit seiner zweiten Frau Paulina Wanger aus Baden hatte Erber fünf Kinder.

Gute "Connections" sind wichtig

Synagoge Lengnau, Dekorationsmalerei am Bogen der Thoranische. © Kantonale Denkmalpflege Aargau, Christine Seiler.

Bei diesen Beziehungen nach Norddeutschland ist davon auszugehen, dass in der Synagoge Lengnau nicht zufällig drei norddeutsche Wandermaler tätig waren. Die umherziehenden Maler dürften von der Verdienstmöglichkeit im Neubau in Lengnau Wind bekommen haben. Oder umgekehrt könnte Erber von einem Trupp von Dekorationsmalern gehört und diesen nach Lengnau gelotst haben. Ganz genau wissen wir das nicht.

Architekturmalerei

Synagoge Lengnau. An der Malerei über dem Mittelschiff ist besonders gut zu erkennen, wie diese Art der Dekorationsmalerei die architektonsche Gliederung betont. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Die sehr gut erhaltene Ausmalung der Synagoge Lengnau lässt sich der ersten Phase der Dekorationsmalerei des 19. Jahrhunderts zuordnen, der besonders zwischen 1840 und 1880 beliebten Architekturmalerei (spätere Phasen sind die Tapisseriemalerei 1870–1910 und die Farbräume 1900–1930). Aus dieser ersten Phase der Dekorationsmalerei haben sich in der Schweiz kaum vollständig intakte Beispiele erhalten. Umso wichtiger ist die qualitativ hochstehende Ausmalung der Synagoge von Lengnau, die unter der Leitung des aus Hamburg stammenden, bisher kaum bekannten Malers Georg Ludwig Erber geschaffen wurde. Das Grobkonzept für die architekturbetonende Malerei ist sicherlich dem Architekten Ferdinand Stadler zuzuschreiben.