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Fachinventare

Kleine Tafel ganz gross

Die kleine beschriftete Holztafel, die kürzlich in der Sakristei der Stadtkirche Laufenburg wiederentdeckt wurde, galt lange Jahre als verschollen. Sie gehörte zur Statuengruppe des hl. Fridolin mit dem Ursus-Skelett rechts im Hochaltar. Gemäss dem rückseitig aufgeklebten Papier liess der damalige Pfarrer Franz Xaver Meyer diesen Hochaltar 1770 aufstellen. Zwei Jahre später wurde er von einem Laufenburger Maler farbig gefasst und vergoldet.

Hochaltar der Stadtkirche Laufenburg. Rechts die Figurengruppe des hl. Fridolin mit dem Ursus-Skelett. © Kantonale Denkmalpflege Aargau, Christine Seiler.

Der Hochaltar der Stadtkirche Laufenburg ist ein eindrucksvoll in den Chor hineinkomponiertes luftiges Säulenretabel. Sein Hauptbild mit der Kreuzigung Christi wird von zwei etwa lebensgrossen Statuen flankiert. Links steht Johannes der Täufer, der Patron der Kirche, ihm gegenüber ist der hl. Fridolin, der Gründerabt des Klosters Säckingen platziert. Dieses Kloster war Patronatsherr der Pfarrei Laufenburg.

Zum Bau des Hochaltars sind kaum Schriftquellen erhalten. Umso bedeutender sind die auf der Rückseite der Holztafel notierten Informationen. Bis zum Auffinden der kleinen Holztafel im Oktober 2022 waren diese lediglich durch einen im Archiv der Denkmalpflege aufbewahrten Zettel überliefert. Er enthält eine Abschrift der rückseitigen Inschrift, ergänzt um die handschriftliche Notiz "Inschrift auf Rückseite einer hölzernen Namenstafel Ursus / Landolpho". Zum ehemaligen Anbringungsort der Holztafel werden aber keine Abgaben gemacht. Auch wird nicht ersichtlich, wer die Abschrift wann und in welchem Zusammenhang gemacht hatte. Im Nachhinein wird klar, dass dies im Zuge der umfassenden Kirchenrestaurierung 1973–1974 bzw. 1976–1978 geschehen sein muss.

Vorne der Schlüssel zur Identifizierung

Vorderseite des Holztäfelchens, das einst am Hochaltar befestigt war. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Die Holztafel zeigt zwei ganz unterschiedliche Seiten. Auf der weiss gefassten Vorderseite trägt sie in Schwarz die Beschriftung "Ursus / Landolpho." Bei dieser Namenskombination läuten allen mit der Geschichte des Kloster Säckingen Vertrauten die Ohren. Der Legende nach schenkte Ursus, ein vermögender Mann, dem Kloster in dessen Frühzeit beträchtliche Ländereien im Glarnerland. Eine Schenkung, die Ursus' Bruder Landolf nach dem Tod seines Bruders für null und nichtig erklären lassen wollte. Dagegen wehrte sich der hl. Fridolin, worauf die Sache in Rankweil vor Gericht ging. Abt Fridolin tat nichts Geringeres, als den verstorbenen Ursus von den Toten zu erwecken und ihn dem Gericht als Zeugen zu präsentieren. Ursus trägt in Darstellungen dieser Szene oft eine kleine Tafel mit der obengenannten Inschrift.

Der Laufenburger Hochaltar auf einer Fotografie von 1971. Ausschnitt. Die kleine Holztafel baumelt noch am Arm Fridolins. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Die Tatsache, dass im bestehenden Hochaltar rechts des Hauptbilds die Statuengruppe mit Fridolin und einem Skelett – es ist das Gerippe des besagten Ursus – prangt, liess sofort vermuten, dass das aufgefundene Holztäfelchen einst an dieser Statuengruppe befestigt gewesen sein muss. Und siehe da, 1971 wurde der Hochaltar fotografiert, und die kleine Holztafel hing tatsächlich noch am Arm einer der Statuen.

Hinten: Informationen zum Hochaltar

Rückseite des Holztäfelchens mit dicht beschriebenem Papierblatt. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Auf der Rückseite der etwa 20 cm breiten Holztafel ist ein mit Tinte dicht beschriebenes Blatt Papier aufgeklebt. An den Rändern ist es schon stark eingerissen, aber die Inschrift ist noch recht gut zu lesen. Sie lautet: "Anno 1770 ist, zur großen Ehr / und Lob Gottes, durch Anordnung / Ihro Hochwürden, Hochgeb.(?) Tit. / Herrn H. Francisci Xaveri Meyer, / allhiesiger Stattpfarrer gegenwärt- / iger Altar erbauet und aufgerichtet / worden. Anno 1772 ist solcher von / Jacob Sebastian Nisslin, allhiesiger / Burger, und Mahler und Faßer jez(?) / Burger und wohnhafft zue Burckh / im Breisgauh gefaßt und ausgefüert(?) /worden."

Der in der Inschrift erwähnte Pfarrer Franz Xaver Meyer hatte 1750–1752 schon die umfassende Barockisierung der Kirche veranlasst. Nun sorgte er also kurz vor seinem Tod 1773 noch dafür, dass die mit Stuckaturen und Fresken reich geschmückte Stadtkirche einen neuen Sakramentsaltar erhielt. Dieser war seit 1766 in Arbeit und konnte offenbar 1770 aufgerichtet werden. Eine der wenigen erhaltenen Schriftquellen berichtet davon, dass 1769 der renommierte Stuckateur Johann Michael Feichtmayr d. J. (1710–1772) in Laufenburg weilte, um den fast vollendeten Hochaltar zuhanden der Auftraggeberschaft zu begutachten und abzunehmen. Indem man einen ausgewiesenen Experten beizog, der das entstandene Kunstwerk auf Herz und Nieren prüfte, konnte man als Laiengremium sicherstellen, dass der Auftrag vertragsgemäss und in der vereinbarten Qualität abgeliefert wurde (das wird bei neu erstellten Orgeln noch heute so gehandhabt). Eine ungenaue Interpretation dieser Schriftquelle hatte übrigens dazu geführt, dass Feichtmayr immer wieder fälschlicherweise als Schöpfer des Laufenburger Sakramentsaltars bezeichnet wurde.

Im Schlusssatz berichtet die Inschrift auf der Holztafel, dass der in den Breisgau ausgewanderte Laufenburger Bürger Jakob Sebastian Nisslin den virtuos komponierten Rokoko-Altar 1772 farbig fasste und vergoldete.

Noch ein Fridolin mit Gerippe

Stadtkirche Laufenburg. Fridolin mit Ursus, vor der Restaurierung in der Sakristei. © Kantonale Denkmalpflege Aargau, Christine Seiler.

In der Totenkapelle der Stadtkirche Laufenburg steht ein zweiter hl. Fridolin mit einem Gerippe an seiner Seite. Bei dieser Statuengruppe aus der Zeit um 1730 lässt sich eine weitere Art beobachten, wie die Zeugenschaft des toten Ursus visuell umgesetzt und verstärkt wurde. Ursus und Fridolin sind einander in einer halben Umarmung traulich zugewandt und scheinen miteinander zu sprechen. Ursus streckt dem Abt ein versiegeltes Schriftstück zu. Gemeint ist sicherlich eine Urkunde, die beweisen sollte, dass seine Landschenkung an das Kloster rechtens war. Ursus ist als verwesender Leichnam eindrucksvoll dargestellt. An seinem Schädel haften noch Haarbüschel, die Haut fällt ihm an Armen und Beinen bereits in Fetzen vom Leib. In seltsamem Kontrast dazu scheint das Gerippe fast zu tanzen. Die überkreuzten Beine sollen aber wohl eher zeigen, dass das Skelett sich kaum auf den Füssen halten konnte und beim Gang vor Gericht von Fridolin gestützt werden musste.

Die Gerichtsszene in Unterkulm

Chorausmalung der Kirche Unterkulm. Fridolin mit Ursus vor Gericht. © Kantonale Denkmalpflege Aargau, Franz Jaeck.

Im Chor der reformierten Kirche Unterkulm hat sich aus vorreformatorischer Zeit die Ausmalung fast vollständig erhalten. Die um 1320 entstandenen Fresken zeigen an der Ostwand rechts den hl. Martin (Kirchenpatron), der seinen Mantel zerteilt. Links ist die Szene mit Fridolin und dem Skelett vor dem Gericht in Rankweil dargestellt. Es ist eine der ältesten bekannten Darstellungen dieser legendenhaften Begebenheit in der Monumentalmalerei. Abt Fridolin nähert sich von links dem königlichen Richter, zum Entsetzen aller Anwesenden begleitet von einem Gerippe. Es steht auf wackeligen Beinen hinter dem Abt und hat die Arme vor der Brust gekreuzt. Abt Fridolin weist auf den Zeugen hinter sich, während der König eine Hand vors Gesicht schlägt, als traue er seinen Augen nicht. Auch die Umstehenden geben mit ihren lebhaften Gebärden zu verstehen, dass sich vor ihnen gerade Unerhörtes, noch nie Gesehenes zuträgt.

Die Zweiergruppe mit Fridolin und Ursus sowie die Gerichtsszene erfreuten sich gleichermassen grosser Beliebtheit. Sie stellten eine der aufsehenerregendsten Wundertaten des Heiligen in den Mittelpunkt. Die spektakuläre Szene mit dem auferweckten Toten erlaubte es nicht nur, ein Skelett bzw. einen verwesenden Leichnam zu zeigen, sondern auch die Reaktionen der Anwesenden, die von schierem Entsetzen bis zu ungläubigem Staunen und unverhohlener Neugier reichen.

Hornussen: Ursus klettert aus dem Grab

Deckengemälde im Chor der Pfarrkirche Hornussen, um 1712. Mit Fridolins Hilfe entsteigt Ursus seiner Gruft. © Kantonale Denkmalpflege Aargau, Christine Seiler.

Ein Bild des Säckinger Gründerabts Fridolin hat sich auch an der Chordecke der Hornusser Pfarrkirche erhalten. Es zeigt links den Abt, der sich über den Rand eines geöffneten Grabs beugt und die Hand eines Skeletts ergreift. Die Beischrift "Ursus / Landol / pho" am Grabrand verrät uns den Namen des Gerippes und damit auch die Thematik der Darstellung.

Münsterschatz Säckingen. Flachschnitzerei um 1500. Fridolin zieht Ursus aus dem geöffneten Grab. Aus: ZAK 1975, S. 29.

Ganz ähnlich ist diese Begebenheit auf einer im Säckinger Münsterschatz erhaltenen spätgotischen Flachschnitzerei geschildert. Sie gehört zu einer Reihe von sechs Tafeln aus Zeit um 1500, die aus dem Leben des Gründerabts berichten. Die Präsenz des hl. Fridolin im Chor der Kirche Hornussen direkt über dem Hochaltar lässt die Szene besonders prominent aufscheinen. Das macht durchaus Sinn, denn beim Neubau der Kirche im frühen 18. Jahrhundert hatte das Kloster Säckingen das Patronatsrecht über die Pfarrei Hornussen inne und war somit verpflichtet, den Bau des Kirchenchors zu finanzieren.

Im Säckinger Fridolinsmünster sind selbstredend die hier thematisierten Schlüsselszenen aus der Vita des Heiligen vielfach dargestellt, in den Deckengemälden Franz Joseph Spieglers ebenso wie an weiteren wertvollen Kunstwerken im Münsterschatz, doch das ist eine andere Geschichte. (Edith Hunziker)

Mehr zum Thema

  • Edith Hunziker, Susanne Ritter-Lutz. Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau X. Der Bezirk Laufenburg. (KdS 139). Bern 2019, S. 102–129.
  • Edith Hunziker. Die Kirche Unterkulm und ihre Chorausmalung. Schweizerische Kunstführer GSK (Nr. 690). Bern 2001.