Der Tegerfelder Kirchhof
Beim Anblick des grosszügigen Tegerfelder Kirchhofs vermutet heute wohl niemand mehr eine ganze Häusergruppe, die teilweise bis Ende des 19. Jahrhunderts Bestand hatte. Bei den Recherchen zum Band XI der "Kunstdenkmäler des Kantons Aargau", der sich zurzeit dem südlichen und westlichen Teil des Bezirks Zurzach widmet, kommen immer wieder interessante Plandokumente zum Vorschein.
Die 1664 vollendete reformierte Kirche von Tegerfelden wurde 1794/95 nach Osten erweitert und um einen mächtigen Glockenturm ergänzt. Doch nicht von der Kirche soll hier berichtet werden, sondern von den benachbarten Gebäuden, dem Pfarrhaus von 1655, der zugehörigen Pfarrscheune, dem reformierten Schulhaus sowie von deren Lage im Kirchhof. Ohne einen im aargauischen Staatsarchiv (StAAG) erhaltenen Situationsplan aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wüssten wir fast nichts mehr über diese spannende Gebäudegruppe, denn die ältesten Fotos der Kirche und des 1967 durch einen Neubau ersetzten Pfarrhauses stammen aus den 1920er-Jahren, als von den genannten Nachbargebäuden längst nichts mehr zu sehen war.
Der Situationsplan von 1840
Der im Staatsarchiv aufbewahrte Situationsplan datiert aus dem Jahr 1840 und ist nicht signiert. Er entstand im Zusammenhang mit einem Streit um den Unterhalt der Kirchhofmauer, der uns hier nicht weiter interessiert. Der Plan ist betitelt mit «Gr[und]-Plan über das Pfarrgebäude samt Garten und Kirchhof Der Kirchgemeind Degerfelden». Wie die hübsch verzierte Kompassrose zeigt, liegt Norden im Plan links. Die Planlegende hat sich zwar nicht erhalten, doch können die Gebäude aufgrund des Gesamtzusammenhangs identifiziert werden. Der Kirchhof dehnt sich östlich der Landstrasse (heute Dorfstrasse) aus und ist mehrheitlich von einer Mauer umgürtet. Dem geosteten Gotteshaus [7] im Zentrum ist südseits der Friedhof [8] vorgelagert. In der Nordwestecke des Kirchhofs steht das Pfarrhaus [1]; südlich angegliedert folgen der Hofplatz [2] und die Pfarrscheune [3]. Von dieser durch eine Mauer abgetrennt, findet sich in einer Ecke des Pfarrgartens [4] das reformierte Schulhaus [6]. Von der Pfarrscheune wissen wir nur, dass sie um 1860 abgebrochen wurde, jedenfalls erscheint sie auf einem wenig später gezeichneten Plan (Abb. "Degerfelden Pfarrhaus. Situationsplan") nicht mehr. Im Süden des Kirchhofs ist ausserhalb der Mauer ein heute nicht mehr vorhandenes Haus vermerkt. Sein Dach ist gelbbraun dargestellt, es dürfte sich also um ein mit Stroh gedecktes Bauernhaus gehandelt haben. Im Gegensatz dazu zeigen die Gebäude im Kirchhof rosafarbene Dächer, was auf eine Ziegelbedachung schliessen lässt.
Zum reformierten Schulhaus
In Tegerfelden wurden bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts konfessionell getrennte Schulen geführt. Die reformierte Schulgemeinde errichtete 1795 ein zunächst eingeschossiges Schulhaus, das zwischen Kirche und Pfarrhaus auf Pfrundland zu stehen kam. Dem Brandkataster ist zu entnehmen, dass das gemauerte Gebäude 1822 um ein aus Fachwerk erstelltes Obergeschoss aufgestockt wurde. Nach dem Bezug des noch heute bestehenden Schulhauses (1884) wurde der Altbau neben der Kirche abgebrochen. Die katholische Schulgemeinde hatte im frühen 19. Jahrhundert in einem Wohnhaus Schulräume eingerichtet. In den 1890er-Jahren wollte sie trotz der 1893 angeordneten Schulverschmelzung ein neues katholisches Schulhaus bauen. 1894 verbot ihr der Grosse Rat diesen Alleingang, zumal im Gebäude von 1884 für die neue konfessionsneutrale Schule genügend Platz war. Die Liegenschaft Schlössli 4/6, die früher im südöstlichen Teil die katholische Schule beherbergt hatte, existiert noch. Das spätgotische Doppelhaus entstand im 1. Drittel des 16. Jahrhunderts und ist damit eines der ältesten Gebäude Tegerfeldens.
Pfarrhaus mit grosszügigem Garten…
Das alte reformierte Pfarrhaus von Tegerfelden, ein imposantes Gebäude aus dem Jahr 1655, musste gut 300 Jahre nach seiner Errichtung einem Neubau weichen und fehlt dem Oberdorf bis heute schmerzlich. Der dreigeschossige Bau unter steilem Satteldach bestand mehrheitlich aus verputztem Mauerwerk. Lediglich das 2. Obergeschoss der nach Westen auf die Landstrasse gerichteten Vorderfront zeigte ein dekoratives Fachwerk. Eine regionaltypische Eigenheit, die in Tegerfelden heute noch am sogenannten Gerichtshaus aus der Zeit um 1670 zu bewundern ist.
Ein von Baumeister Schmid signierter Situationsplan aus der Zeit um 1870/1880 zeigt, dass an der Stelle der um 1860 niedergelegten Pfarrscheune ein Pfarrgarten mit Pflanzbeeten angelegt wurde. Hinter dem Pfarrhaus scheint sich ein grosser Ziergarten erstreckt zu haben, jedoch nur bis zu einer parallel zur Kirche gezogenen Grenze, die das "Pfarrgut" vom "Gemeindegut" schied.
…und viel Reparaturbedarf
Im reformierten Pfarrarchiv Tegerfelden wird eine Planrolle aufbewahrt, die etwa ein Dutzend Pläne aus dem 19. Jahrhundert enthält. In Grund- und Aufrissen sind Reparaturprojekte des Pfarrhauses festgehalten. Sie stammen mehrheitlich von den jeweiligen Kantonsbaumeistern, war doch der Staat damals für den baulichen Unterhalt der Pfarrhäuser und Kirchenchöre verantwortlich. Die Kantonsbaumeister waren selbstverständlich versierte Planzeichner, wie die Umbauprojekte zeigen. 1860 etwa fanden u.a. im Vorzimmer ("Vestibül") des 1. Obergeschosses Umbauten nach Plänen von Ferdinand Karl Rothpletz statt. Wie dem Grundriss zu entnehmen ist, lag hinter dem zur Strasse orientierten Wohnzimmer die Küche, deren Herde und Kaminzüge gut zu erkennen sind. Der immer wiederkehrende Reparaturbedarf dürfte einer der Gründe dafür gewesen sein, dass man sich in den 1960er-Jahren bedauerlicherweise zu einem Neubau des Pfarrhauses entschloss. Damit war die historische Bebauung des Tegerfelder Kirchhofs endgültig Geschichte. (Edith Hunziker)