Süsser die Glocken nie klingen…
Das Weihnachtslied tönt es an: Glocken prägen unsere "akustische Kulturlandschaft" und schaffen emotionale Bindungen an besondere Orte und Zeiten. In den Kirchtürmen von Kaiserstuhl verbergen sich hinter den Schallläden kunstvoll verzierte, jahrhundertealte Glocken – Meisterwerke der Gusskunst, die nun von der Kunstdenkmälerinventarisierung dokumentiert wurden.
Lothringer Wandergiesser in Kaiserstuhl
"ANNO DOMINI MDCXXXIX", also im Jahr 1639, schufen Glockengiesser aus Frankreich ein Geläut für die Katharinenkirche in Kaiserstuhl. Stolz signierten sie eine der beiden erhaltenen Glocken mit "HONORATUS & CLAUDIUS LES ROSZIER & JEAN LE NORGE". In der Grenzregion zwischen Lothringen und der Champagne zu Hause, etablierten sich diese Meister im 17. Jahrhundert in der Schweiz. Denn angesichts des Gewichts ihrer Produkte war eine Anlieferung aus weiter Ferne keine Option. So siedelten sich die Giesser bei ihren Kunden an und richteten direkt in Kaiserstuhl vor dem Stadttor eine Giessgrube ein, mit der sie den Ort am Hochrhein für einige Jahre zum Hotspot der Glockenproduktion machten. Die Benediktinerabtei Rheinau liess ihre Glocken ebenso von den Rosier giessen wie das Zisterzienserkloster Wettingen, und der Abt von St. Blasien im Schwarzwald bestellte gleich zehn bronzene Klangkörper. Für Kaiserstuhls Kirche erwähnen die Akten drei Glocken als Produkte der Rosier.
In Bronze gegossene Ornamente
Die aufwendige Verzierung aller Glocken erstaunt angesichts der Tatsache, dass sie nach dem Aufzug auf den Turm den Blicken verborgen blieben. Doch zur Ehre Gottes legte man den volltönenden Gusswerken auch optisch eine reiches Gewand an. Bildreliefs der Heiligen, Ornamentfriese mit Palmetten, Löwenhäupter und Engelsköpfchen dienten als Schmuckmotive.
Eine weitere Glocke im Kirchturm entstammt dem folgenden Jahrhundert, als andere Giesser für Kaiserstuhl arbeiteten. Das Entstehungsdatum verbirgt die Katharinenglocke in einem Chronogramm. Wer die als römische Zahlen lesbaren Grossbuchstaben der Inschrift addiert, kommt auf das Gussdatum:
LAVS DEO ET SANCTAE CATHARINAE VBIQVE SEMPER.
1767 (MDCCLVVVII) kam demnach die Katharinenglocke in den Glockenstuhl. "Lob sei Gott und der heiligen Katharina überall und immer", verkündet ihre Inschrift.
Eine Spreitenbacherin am Hochrhein
Die jüngste Glocke im Kaiserstuhler Kirchturm erwies sich als eine Einwanderin aus einem anderen Bezirk des Aargaus. Die Paulusglocke von 1825 war laut Inschrift für die Gemeinde Spreitenbach bestimmt. Ihr Weg nach Kaiserstuhl konnte bisher nicht nachvollzogen werden. Während diese Glocke bei der Giesserei Rüetschi in Aarau entstand, die Jakob Rüetschi führte, ist die kleinere Glocke in der Friedhofskapelle ein Werk von 1829 aus der Giesserei in Suhr, in der Jakobs Bruder Sebastian Rüetschi den Ton angab.
Reiches Klangerbe
In der Giesserei Rüetschi in Aarau werden bis heute Glocken gegossen. Somit ist im Aargau die Glockengiesskunst lebendiges Kulturerbe. Wenn an den Feiertagen in Kaiserstuhl das volle Geläut erklingt, beschallen die jahrhundertealten Selbsttöner, vom Anschlag der Klöppel in Schwingung gebracht, Stadt und Umland. Damit sie das noch viele Generationen tun können, müssen Glocken, Klöppel, Aufhängung und Läutetechnik aufeinander abgestimmt werden. Kirchgemeinden sind dafür besorgt und ziehen technische Expertise und musikalisches Wissen der Campanologie (Glockenkunde) hinzu. Kaiserstuhls fünf historische Glocken aus drei Jahrhunderten werden so auch in Zukunft besondere Momente mit ihrem Klang versüssen. (Guido Linke)