Hervorgehoben:Redaktionsgruppe
Sabine Hofmann, Gemeindebibliothek Wettingen
Erzählcafés bereichern Bibliotheken als Orte, an denen Erfahrungen und Lebensgeschichten geteilt, Begegnungen ermöglicht und neue Perspektiven gewonnen werden.
Orange und weich schmiegt er sich um meine Schultern. Der Geruch nach Plastik ist auf einmal so gegenwärtig, als hätte ich ihn in der Hand. So riecht Kindergarten, bevor er überhaupt begonnen hat. Nicht nur die Erinnerung an die Farbe, den Geruch und die Beschaffenheit ist mir sofort wieder präsent, sondern auch, wie stolz ich damals war. Er gehörte mir ganz allein. Mein Lüchzgi. Und er war so neu, wie nur etwas neu sein konnte. Mit ihm betrat ich einen neuen Lebensabschnitt. Aber so klar war mir das damals noch nicht.
Im Erzählcafé begeben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf eine biografische Reise durch ihr Leben. Moderiert wird das Gespräch von einer Person, die sich eigens dafür ausbilden liess. Sie stellt bewusst offene Fragen, spannt den Bogen von der Kindheit über die aktuelle Lebensphase bis in die Zukunft, greift ein, wenn die Gruppe droht, in eine Diskussionsrunde abzudriften, und achtet darauf, dass alle, die erzählen möchten, ausreichend Zeit dafür erhalten.
Bis zum Beginn ist oftmals ungewiss: Wird es eine grosse Gruppe oder bleibt sie klein und familiär? Das erfordert Flexibilität – sowohl von der Moderation als auch von den Teilnehmenden. Ungewiss ist ebenso, welche Geschichten erzählt werden. So oder so gilt: Zuhören ist Pflicht, Erzählen ist freiwillig.
In Bibliotheken treffen Menschen unterschiedlicher sozialer Hintergründe, Nationalitäten, Sprachen und Altersgruppen aufeinander. Sie schaffen dadurch Begegnungen, die über die eigene "Bubble" hinausreichen. Das Format des Erzählcafés ermöglicht es, sich jenseits aller Zuschreibungen und vermeintlichen Abgrenzungen im Dialog zu begegnen. Nicht selten bringen die Erzählungen aus dem eigenen Leben Gemeinsamkeiten zutage, lassen Stereotypen verblassen und eröffnen neue Perspektiven.
Die erzählten Geschichten schwingen lange in mir nach. Ist Kindheit ein stetiges Anfangen? Können Anfänge fremdbestimmt sein? Welche Anfänge haben mein Leben geprägt? Fragen tauchen auf, Denkräume öffnen sich. Die Poesie bringt es auf den Punkt: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
Sabine Hofmann, Gemeindebibliothek Wettingen
Wer neugierig auf das Format Erzählcafé ist, findet beim Netzwerk Erzählcafé weiterführende Informationen.