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Juden und Christen unter einem Dach: Eine Geschichte mit Potenzial

Der Kanton Aargau will gemeinsam mit den Einwohnergemeinden und jüdische Organisationen ein Konzept für eine stärkere und attraktivere Vermittlung des einzigartigen jüdisch-christlichen Kulturerbes in Endingen und Lengnau erarbeiten.

Man weiss, dass es sie gibt, aber ihre Bedeutung ist kaum bekannt: die Judendörfer Endingen und Lengnau. Während fast 300 Jahren waren sie das Zentrum jüdischen Lebens in der Schweiz. Die beiden Dörfer verfügen über ein reiches jüdisches Kulturerbe und über Zeugnisse des Zusammenlebens von Juden und Christen. Nach ihrer Vertreibung aus den eidgenössischen Orten durften sich die Schweizer Juden seit dem Jahr 1776 nur noch in Endingen und Lengnau niederlassen. Hier lebten Juden und Christen Tür an Tür. Im 19. Jahrhundert waren die beiden Surbtaler Dörfer Schauplatz des Ringens um rechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung. Nach der Erlangung der Gleichstellung und der Niederlassungsfreiheit im Aargau 1874 wanderten viele jüdische Familien in die Städte ab. Heute leben nur noch wenige Juden und Jüdinnen in Endingen und Lengnau.

Einzigartiges Erbe mit Bezug zu aktuellen Themen

Endingen und Lengnau verfügen mit den beiden Synagogen, den Badehäusern und der dörflichen Topographie über ein reiches kulturhistorisches Erbe. Der zwischen den beiden Dörfern liegende jüdische Friedhof gilt als einer der schönsten der Schweiz. Die beiden Surbtaler Dörfer sind einzigartig in der Schweiz, sie sind aber auch von europäischer Bedeutung: Wie kaum an einem anderen Ort ist hier das Landjudentum in langer Kontinuität sichtbar. Entlang dieses Erbes lassen sich das jüdische Alltagsleben und das nicht immer konfliktfreie jüdisch-christliche Zusammenleben anschaulich nacherzählen. Die Orte regen aber auch zur Auseinandersetzung mit hochaktuellen Fragen in unserer Gesellschaft an, wie zum Beispiel Toleranz, Integration und Umgang mit Minderheiten.

Möglichkeiten einer attraktiveren Vermittlung ausloten

Mit dem 2009 eröffneten jüdischen Kulturweg und der Aus-stellung auf der Empore der Synagoge Lengnau bestehen bereits zwei Vermittlungsangebote. Der Kanton, die Einwohnergemeinden und die jüdischen Organisationen wollen nun gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, wie das grosse Vermittlungspotenzial noch besser ausgeschöpft werden kann. Dazu soll ein Konzept erarbeitet werden, das mögliche Formen einer lebendigen, authentischen und fachlich fundierten Vermittlung an den Originalschauplätzen aufzeigt. Die Vermittlung soll nicht nur die Vergangenheit thematisieren, sondern auch zur Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen anregen. Im Ergebnis soll ein Konzept mit mehreren Bausteinen vorliegen, das eine modulartige Realisierung in mehreren Schritten erlaubt.

Wachsendes Interesse in der breiten Öffentlichkeit

Mit dem Vorhaben wird auf ein wachsendes Interesse der breiten Öffentlichkeit reagiert. Obwohl bisher nicht aktiv beworben, zieht der jüdische Kulturweg Jahr für Jahr mehrere tausend Besucherinnen und Besucher an. Das Publikum kommt aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland, wobei der überwiegende Teil nicht jüdischen Glaubens ist. Zum wachsenden Interesse hat auch der Roman "Melnitz" von Charles Lewinsky beigetragen, der das Surbtal zu einem Schauplatz der Weltliteratur gemacht hat.

Spätere Umsetzung noch offen

Das geplante Vermittlungskonzept, das in der zweiten Hälfte 2015 vorliegen soll, wird keine Präjudizien schaffen. Wie weit es sich später umsetzen lässt, hängt davon ab, ob eine Trägerschaft gebildet werden kann, die eine langfristige Finanzierung sicherstellt.

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