Mädchenbildung

Die Geschichte der Mädchenbildung ist auch eine Geschichte der Rolle der Geschlechter in der Gesellschaft.

So sah man für die Knaben eine gute Schulbildung mit dem Besuch von höheren Schulen vor, um sie auf die Berufe als Beamte oder Kader des Gewerbes und der Industrie vorzubereiten. Für die Mädchen war lange Zeit die Rolle als Mutter und Hausfrau vorgesehen, deren Bildung nicht auf Kosten des Staates geschehen sollte.

Eine höhere Ausbildung für Frauen wurde bei der Beratung des Schulgesetzes 1835 nach heftigen Diskussion mit diesen Argumenten abgelehnt.

Arbeitsschulen

Mädchen laufen in Reih und Glied durch den Park des Klosters. Bild vergrössern
Mädchenschule bei einem Kloster um 1870 StAAG GS/01214-2

Immerhin wurden im Schulgesetz von 1835 Arbeitsschulen für Mädchen vorgeschrieben und somit die Mädchenbildung im Gesetz verankert. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Fortbildungsschulen von privaten Institutionen getragen, die trotz der Freiplätze für gut begabte Mädchen aus der Unterschicht vorwiegend Frauen aus der Mittel- und Oberschicht vorbehalten blieben. Solche Institutionen waren zum Beispiel die Schule von Lisette Ruepp in Sarmenstorf, das Töchterinstitut in Aarau oder die Erziehungsanstalt in Olsberg. Die Bestimmungen über die Arbeitsschulen wurden 1865 verschärft, zudem erhielten Mädchen Zugang zur Bezirkschule. Allerdings wurde noch lange am geschlechterspezifischen Unterricht festgehalten. Erst mit dem Schulgesetz 1981 erhielten Mädchen einen im Vergleich zu den Knaben gleichwertigen Unterricht.

Stricken und Nähen

Die grossen Bildungsanstrengungen des Aargaus kamen vorerst vor allem den Knaben und der männlichen Jugend zu Gute. Zwar gab es vor allen in den Städten auch Klassen für Mädchen. Erst mit dem Schulgesetz von 1835 wurden die Arbeitsschulen für Mädchen gesetzlich vorgeschrieben. Einen grossen Teil des Unterrichts nahmen das Stricken, Nähen, Ausbessern und Anfertigen von Kleidungsstücken ein. Höhere Ausbildungen für Frauen nach der obligatorischen Schulzeit gab es vorerst nur in privaten Erziehungsinstituten wie in Olsberg oder im Töchterinstitut Aarau.

Mit dem Schulgesetz von 1865 erhielten die Mädchen Zugang zur Bezirkschule. Im Vordergrund stand, wie auch beim Schulgesetz von 1940, weiterhin vor allem die Vorbereitung auf die Rolle als Mutter und Hausfrau. Immerhin konnten sich Frauen seit dem Schulgesetz von 1940 in Schulbehörden wie die Schulpflege oder den Bezirkschulrat wählen lassen. Erst seit dem Schulgesetz von 1981 durften Mädchen die gleichen Schulen wie die Knaben besuchen und erhielten mit gleicher Stundenzahl auch den gleichen Unterricht.

Dispensation von der Arbeitsschule 1840 (PDF, 6 Seiten, 1.5 MB)

Literatur

Kretz, Franz. Schritte aus dem Haus. Anfänge und Jugendzeit der Lehrerinnen-Bildung in Aarau. Aarau 1994

Töchterschule in Sarmenstorf: Lisette Ruepp (1790-1873)

Drei Mädchen stehen im Garten der Töchterschule Bild vergrössern
Pensionat für höhere Töchter in Sarmenstorf um 1850 StAAG GS/00340-2

Lisette Ruepp-Uttinger (1790-1873) ist zugleich als willensstarke Bildungspionierin und liebevolles "Muetterli" in die Geschichte der Aargauer Mädchen- und Lehrerinnenbildung eingegangen. Die gebürtige Zugerin wuchs in einem bildungsorientierten Umfeld auf und besuchte in Yverdon Pestalozzis Mädcheninstitut, wo sie sich zur Lehrerin ausbilden liess.

1816 heiratete sie den Bataillonsarzt Alois Ruepp und zog mit ihm nach Sarmenstorf im Kanton Aargau, wo ihr Mann eine Arztpraxis betrieb. Nach dessen frühem Tod betrieb Lisette Ruepp im Doktorhaus erst eine Strohweberei, woraus die Idee eines privaten Mädcheninstituts entstand.

1835 errichtete sie die "Erziehungsanstalt für bürgerliche Töchter", an der auch Lehrerinnen für die weibliche Volksschule ausgebildet wurden. Geprägt von den Idealen Pestalozzis standen Erziehung und praktische Bildung für die späteren Aufgaben als Ehefrau, Mutter und Hausfrau im Vordergrund. Auch wissenschaftliche Fächer füllten den Stundenplan.

Lisette Ruepp setzte sich unermüdlich für eine bessere Bildung von Mädchen und Frauen ein und war neben zahlreichen einflussreichen Männern der Aargauer Führungsschicht auch mit Augustin Keller befreundet. 1853 schloss sie ihr Institut.

Literatur

Storz, Claudia et al. Das Grösste aber ist die Liebe. Lisette Ruepp, 1790-1873, s'Muetterli. Baden 2006.

Ruepp-Uttinger, Elisabeth. Weibliche Erziehungsanstalt in Sarmenstorf, Kantons Aargau. Sarmensdorf 1840: Faksimile-Nachdruck herausgegeben von Hans Walter und Hil Uttinger-Keckeis. Bern 1985.

Privatanstalt im ehemaligen Kloster Olsberg (1808-1835)

Gemaltes Bild des Klosters Olsberg Bild vergrössern
Ansicht des Klosters Olsberg um 1864 StAAG GS/01426-1

Bereits im Gesetz "Über den Fortbestand der Klöster, ihre Novizen-Annahme und Beiträge zu Schul- und Armenanstalten" vom 29. Mai 1805 wurde unter §11 der Kleine Rat beauftragt, die Grundlagen zur Umwandlung des früheren Damenstiftes Olsberg in eine Erziehungsanstalt für die weibliche Jugend zu schaffen. 1808 erschienen die vom Pfarrer und Botaniker Joseph Anton Müller verfassten Statuten der weiblichen Erziehungsanstalt zu Olsberg. Die Erziehungsanstalt finanzierte sich über die Erträge des Stiftsvermögens.

Die Erziehungsanstalt wurde 1809 eröffnet. Bei der Revision das Schulgesetzes von 1833 bis 1835, wollte man unter Berücksichtigung der staatlichen Verhältnisse ein Lehrerinnenseminars einrichten. Olsberg galt als möglicher Standort für ein Lehrerinnenseminar.

Die Idee eines Lehrerinnenseminars scheiterte an der Opposition im Grossen Rat. 1839 nahm für kurze Zeit Josephine Stadlin die Idee eines Lehrerinneninstituts in Olsberg auf. Sie hatte bereits im Töchterinstitut Aarau gearbeitet. Nach mehreren Rückschlägen gab sie dieses Projekt 1841 auf. Kurze Zeit später wurde in Olsberg eine Armenerziehungsanstalt eingerichtet und diese 1860 in eine kantonale Rettungsanstalt umgewandelt.

Inspektionsbericht A. Kellers über das Institut Olsberg 1840 (PDF, 8 Seiten, 3.0 MB)

Beschwerde Josephine Stadlins über die Missstände in Olsberg 1840 (PDF, 10 Seiten, 3.1 MB)

Literatur

Kretz, Franz. Schritte aus dem Haus. Anfänge und Jugendzeit der Lehrerinnen-Bildung in Aarau. Aarau 1994.

Lehrerinnenbildung

Klassenfoto am Lehrerinnenseminar Bild vergrössern
Klasse am Lehrerinnenseminar Aarau um 1904 StAAG NL.A-0009/0051/19/01

Im Gegensatz zur Mädchenbildung wurde die Lehrerinnenbildung im Aargau wesentlich früher eingeleitet. In Olsberg und später in Aarau wurden Lehrerinnen ausgebildet. Herbe Rückschläge erlitt dieses Anliegen 1835 mit der Streichung der Subventionen an die weibliche Erziehungsanstalt in Olsberg, welche daraufhin ihren Betrieb einstellen musste. Die vier angehenden Lehrerinnen konnten ihre Ausbildung am Töchterinstitut in Aarau weiterführen. Der Durchbruch erfolgte 1873 mit der Schaffung eines Lehrerinnensemimars, welches dem Töchterinstitut Aarau angegliedert wurde. 1911 übernahm der Staat das Lehrerinnenseminar. Die schon vor der Zulassung von Mädchen an die Alte Kantonsschule angestrebte Umwandlung des Lehrerinnenseminars in eine Kantonsschule erfolgte erst 1976/79.

Lehrerinnenseminar in Aarau: Elisabeth Flühmann (1851-1929)

Höhere Bildung für Mädchen und Frauen - ja oder nein? Und wenn ja, welche Bildung eignete sich für sie, besonders in Hinsicht auf ihre späteren Aufgaben und Tätigkeiten? Diese Fragen wurden im 19. Jahrhundert heftig diskutiert. Das grosse Angebot verschiedenster privater Töchterinstitute, das wir für diese Zeit vorfinden, zeigt auf, dass die höhere Mädchen- und Frauenbildung keineswegs einheitlich oder klar strukturiert war und kaum staatliche Unterstützung erhielt. Genauso vielfältig waren die Meinungen, die im Diskurs über die optimale Bildung des weiblichen Geschlechts vorherrschten.

Eine wichtige Rolle für die höhere Mädchen- und Frauenbildung im Kanton Aargau spielte die gebürtige Bernerin Elisabeth Flühmann (1851-1929), die von 1880 bis 1915 am Aarauer Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar unterrichtete. Wissen und Praxis hatte sie sich an verschiedenen Institutionen angeeignet, zudem unterrichtete sie einige Jahre an einem Lehrerinnenseminar in Mazedonien. Als Autodidaktin erweiterte sie stetig ihren Horizont. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz bewarb sie sich 1880 für die Stelle einer Lehrerin am Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar in Aarau. Ihre Unterrichtsfächer waren fortan Geschichte, Kirchengeschichte, Geographie, Turnen und Italienisch.

Flühmann wurde sowohl von ihren Kollegen als auch von ihren Schülerinnen in hohem Masse anerkannt und bewundert. Ihr Engagement für Frauenbildung und Frauenfragen schlägt sich in zahlreichen Vereinen, Verbänden und Institutionen nieder, die sie ins Leben rief oder unterstützte (Schweizerischer Lehrerinnenverein, Aargauischer Verband für Frauenbildung und Frauenfragen, woraus die Frauenzentrale entstand).