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Wer hatte die Idee mit den Glasfenstern?

Die 1823–24 im klassizistischen Stil errichtete Pfarrkirche St. Georg in Unterendingen besass ursprünglich keine Glasmalereien. 1877 erhielten die Fenster beidseits des Hochaltars eine Farbverglasung des Zürcher Glasmalers Karl Wehrli I., gestiftet von Pfarrer Gottfried Wengi bzw. "mehreren Wohltätern der Pfarrei" wie die Inschriften besagen. Wie aber kam das Kirchenschiff zu seinen farbigen Glasfenstern und wer schuf sie?

Pfarrkirche St. Georg Unterendingen. Das hinterste Fenster auf der Frauenseite zeigt die hl. Märtyrerin Katharina von Alexandrien als Königin mit dem Rad, das ihr Martyrium einleitete. Bild vergrössern
Pfarrkirche St. Georg Unterendingen. Das hinterste Fenster auf der Frauenseite zeigt die hl. Märtyrerin Katharina von Alexandrien als Königin mit dem Rad, das ihr Martyrium einleitete. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.
Das erste Farbfenster für das Kirchenschiff schenkte der im Nachbarort Tegerfelden wohnhafte Johann Evangelist Mühlebach kurz vor seinem Tod. Er liess im Fenster seinen Namensheiligen, den Evangelisten Johannes darstellen. Bild vergrössern
Das erste Farbfenster für das Kirchenschiff schenkte der im Nachbarort Tegerfelden wohnhafte Johann Evangelist Mühlebach kurz vor seinem Tod. Er liess im Fenster seinen Namensheiligen, den Evangelisten Johannes darstellen. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Pfarrer Siegmund Gottfried Wengi aus Klingnau stand der Pfarrei Unterendingen fast 40 Jahre vor (1851–1893) und war ein rühriger Mann Gottes. Unter seiner Ägide wurde 1876 der Sakramentsaltar mit einem neuen modischen Aufbau versehen – ein Werk des vielbeschäftigten Klingnauer Altarbauers und Stuckateurs Josef Maria Bürli, für das der Stanser Kunstmaler Heinrich Kaiser die Gemälde schuf. Kurz nach seinem Amtsantritt hatte Pfarrer Wengi schon dafür gesorgt, dass Bürli für die Seitenaltäre neue Retabel (Altaraufbauten) anfertigen konnte. Im Juni 1885 schlug Pfarrer Wengi der Kirchenpflege vor, zum Schutz der gelegentlich von der Sonne stark beschienenen Seitenaltarbilder gemalte Fenster anbringen zu lassen. Er habe als Stifter für das Fenster beim rechten Seitenaltar (auf der Männerseite) kurz vor dessen Tod den in Tegerfelden ansässigen Johann Evangelist Mühlebach gewinnen können. Dieser habe seine unverheirateten Schwestern Nothburga und Maria Verena mit der Ausführung beauftragt.

Auch die Schwestern engagieren sich

Fenster beim linken Seitenaltar. Detail mit der Inschrift, welche die Schwestern Mühlebach aus Tegerfelden als Stifterinnen ausweist. Bild vergrössern
Fenster beim linken Seitenaltar. Detail mit der Inschrift, welche die Schwestern Mühlebach aus Tegerfelden als Stifterinnen ausweist. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Pfarrer Wengi konnte gegenüber der Kirchenpflege einen weiteren Trumpf ausspielen, denn die beiden Schwestern Mühlebach hatten sich ebenfalls zu einer Stiftung überreden lassen. Sie finanzierten gemeinsam ein Farbfenster für die gegenüberliegende Seite, womit nun auch die Altarbilder auf der Frauenseite besser vor der Sonneneinstrahlung geschützt werden konnten. Dies leuchtete den Kirchenpflegern ein.

Weitere Stifter finden sich

Für die Stiftung des dem hl. Franz von Assisi gewidmeten Fensters auf der Männerseite fanden sich einige Verehrer des Heiligen zusammen. Bild vergrössern
Für die Stiftung des dem hl. Franz von Assisi gewidmeten Fensters auf der Männerseite fanden sich einige Verehrer des Heiligen zusammen. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Pfarrer Wengi verstand es, das Eisen zu schmieden, solange es heiss war. Er spann seine Idee weiter und meinte gegenüber der Kirchenpflege, eigentlich stünde es der Kirche gut an, wenn auch die übrigen Fenster im Kirchenschiff Glasmalereien erhielten. Er habe auch Stifter für weitere fünf Fenster gefunden und bitte nun um die Einwilligung, diese Farbfenster herstellen zu lassen. Bezüglich Gestaltung schwebe ihm Folgendes vor: ringsum jeweils eine farbige Bordüre oder Einfassung, innerhalb derselben Ornamente oder Verzierungen in grauer Farbe und über der Mitte das Brustbild eines Heiligen. Er hoffe, alle Aufträge für die Fenster auf einmal vergeben zu können, damit das Ganze günstiger zu stehen komme.

Wird es nicht zu dunkel in der Kirche?

Symmetrische Pflanzenmotive bilden den oberen Abschluss der Glasmalerei in jedem der Fenster, die das Kirchenschiff zieren. Bild vergrössern
Symmetrische Pflanzenmotive bilden den oberen Abschluss der Glasmalerei in jedem der Fenster, die das Kirchenschiff zieren. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Die Kirchenpflege fand die Idee, das Kirchenschiff vollständig mit gemalten Glasfenstern auszustatten, zwar gut, befürchtete aber, dass "wann die Fenster ganz gemalt würden, könnte die Kirche zu dunkel werden, was ihr nicht gefiele". Demzufolge sollten vorerst nur die beiden Fenster bei den Seitenaltären im projektierten Sinn ausgeführt werden. Je nach Wirkung könne man dann immer noch entscheiden, ob die übrigen zugesagten Fenster in gleicher Weise oder mit mehr durchsichtigem Glas ausgeführt werden sollten.

Die Bedenken sind zerstreut

Das Fenster links neben der Kanzel ist der hl. Rosa von Lima gewidmet; auch die Stifterin und deren verstorbene Mutter trugen den Vornamen Rosa. Bild vergrössern
Das Fenster links neben der Kanzel ist der hl. Rosa von Lima gewidmet; auch die Stifterin und deren verstorbene Mutter trugen den Vornamen Rosa. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Der Effekt des ersten gemalten Fensterpaars war offenbar für den Kirchenraum kein nachteiliger, denn 1885 und 1886 wurden die übrigen drei Fensterpaare im Kirchenschiff mit Glasmalereien ausgestattet.

Auf der Männerseite sind die Scheiben folgenden Heiligen gewidmet (von Osten nach Westen – in Klammern die Stifterinschriften):

  • Johannes der Evangelist mit dem Adler als Symboltier im Rücken ("Gestift. v. Johann Evg Mühlebach Urslis Weber v. Tegerfelden 1884")
  • Joseph mit dem Jesusknaben und einem Lilienzweig ("Gestiftet v. der Familie Mühlebach, Morizen v. Tegerfelden z. Andk. an ihren verstorb. Sohn u. Bruder Josef 1885")
  • Franz von Assisi ("Gestiftet von Verehrern d. hlg. Franz v. Assisi. 1885")
  • Apostel Paulus mit Schwert und Buch ("Gestiftet von Jos. Ml. und Joh. Georg Mlb. von Tegerfeld.")

In den nördlichen Schiffsfenstern (Frauenseite) erscheinen von Osten nach Westen die folgenden weiblichen Heiligen:

  • Notburga von Rattenberg im Tirol mit Sichel und Garbe als Attributen ("Gestift. v. d. Schwestern Nothburga u. Verena Mühlebach, Urslis von Tegerfelden 1885")
  • Rosa von Lima mit Dornenkrone, Rose und Kreuz ("Gestiftet v. Rosa Grohswiler i. Tegerfelden z. Andk. an ihrn verstrb. Onkel Jos Müller u ihre Mutter Rosa Grohswiler-Müller 1885")
  • Königin Elisabeth von Thüringen mit einem Tuch voller Rosen ("Gestiftet v einer Verehrerin der heiligen Elisabeth 1885")
  • Katharina von Alexandrien mit zerbrochenem Rad und Märtyrerpalme ("Gest. v. Jungf. Kathar. Ml. & Wittw. Kathar. Schn. geb. Ml. von Tegerfeld.")

Die Darstellungen der Heiligen – in der Regel sind es die Namenspaten der Stiftenden – folgte dem Vorschlag von Pfarrer Wengi, indem Brustbilder der Heiligen zur Ausführung kamen. Speziell die weitverzweigte Familie Mühlebach aus dem benachbarten Tegerfelden, das zur Kirchgemeinde Unterendingen gehört, tat sich in der Pfarrkirche Unterendingen mit zahlreichen Fensterstiftungen hervor. Die einflussreiche Familie Mühlebach stellte im 17. und 18. Jahrhundert u.a. mehrmals den Amtmann des Stifts Zurzach in Tegerfelden und Endingen. Im Auftrag der Mühlebach entstanden Ende des 17. Jahrhunderts bei der Kirche Unterendingen wie auch bei der Kapelle St. Sebastian in Tegerfelden reich verzierte Steinkreuze.

Die Signatur fehlt – was nun?

Visitenkarte des Zürcher Glasmalers Friedrich Berbig, den Schöpfer der Glasmalereien im Schiff der Kirche Unterendingen. Bild vergrössern
Visitenkarte des Zürcher Glasmalers Friedrich Berbig, den Schöpfer der Glasmalereien im Schiff der Kirche Unterendingen. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

An den Fenstern ist kein Künstlername zu finden. Aber wer hat die Glasmalereien im Kirchenschiff angefertigt? Möglicherweise haben sich im Pfarrarchiv Unterendingen Quellen dazu erhalten. Forschungsarbeit im Pfarrarchiv: Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis das Postauto fährt und noch immer keine Spur vom Glasmaler. Eine Archivschachtel noch…. ein kleines verschnürtes Bündel mit Korrespondenz und Rechnungen lässt hoffen. Und tatsächlich: Ein Couvert mit einer grossformatigen Visitenkarte des bekannten Zürcher Glasmalers Friedrich Berbig (1845–1923) taucht auf. Sie rühmt Berbig, an der Schweizerischen Landesausstellung (1883) ein Diplom erhalten zu haben für "lobenswerthe Bestrebungen und tüchtige Ausführung auf dem Gebiete der Glasmalerei".

Bei den damals eingeschränkten Möglichkeiten der Kommunikation und der Werbung waren solche Visitenkarten und vor allem auch die Briefköpfe einer der wichtigsten Kanäle, um das eigene Geschäft und dessen Spezialitäten bekannt zu machen. Berbigs Briefkopf für Rechnungen listet diese denn auch ausführlich auf. Im sakralen Bereich empfiehlt er seine Firma für: "Anfertigungen aller Arten Glasmalereien für Kirchen, als: Teppich- u. Mosaikfenster mit u. ohne bildliche Darstellungen, Architectur- u. Figurenfenster mit historischen Darstellungen in moderner und antiker Manier jeder Stylart, mit Garantie der Solidität und künstlerischen Ausführung". Ausserdem empfahl sich Berbig u.a. für "Gebleite Fenster mit Putzenscheiben, mit und ohne Malerei für altdeutsche Bier- und Weinstuben und Renaissance-Zimmer". Auf einem zweiten, etwas einfacheren Briefkopf wird eine in London 1885 errungene "Silberne Medaille" erwähnt. Die an grossen Gewerbeausstellungen erzielten Medaillen waren natürlich gut für das Renommée und sicherlich auch dem Verkauf förderlich.

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