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Rätselhafte Reliquienbüsten

Bis vor Kurzem wusste niemand mehr, welche Heiligen mit den drei Reliquienbüsten aus dem 17. Jahrhundert gemeint sind, die in der Pfarrkirche St. Mauritius in Wölflinswil aufbewahrt werden. Dank den Forschungen der Kunstdenkmäler-Inventarisierung können sie neuerdings auf das Jahr genau datiert werden. Klarheit herrscht nun auch wieder über die dargestellten Heiligen: Es sind der Kirchenpatron Mauritius und die heiligen Urs und Viktor.

Pfarrkirche Wölflinswil. Die Büstenreliquiare auf dem Hochaltar stellen sehr wahrscheinlich die heiligen Urs und Viktor dar. Bild vergrössern
Pfarrkirche Wölflinswil. Die Büstenreliquiare auf dem Hochaltar stellen sehr wahrscheinlich die heiligen Urs und Viktor dar. © Kantonale Denkmalpflege Aargau

Glück und eine grosse Portion Spürsinn gehören dazu, in einem Pfarrarchiv Nachrichten zu Statuen aus dem 17. Jahrhundert zu finden, denn in unserer Gegend wurde zu derartigen Objekten normalerweise wenig Schriftliches hinterlassen. Wenn man aber aus der fraglichen Zeit ein handgeschriebenes Büchlein mit Aufzeichnungen über eine Rosenkranzbruderschaft entdeckt, gilt es genauer hinzuschauen.

Detail aus einer Handschrift im Pfarrarchiv Wölflinswil mit Nennung der 1665 angefertigten Büstenreliquiare und ihren Spendern. Bild vergrössern
Detail aus einer Handschrift im Pfarrarchiv Wölflinswil mit Nennung der 1665 angefertigten Büstenreliquiare und ihren Spendern. © Kantonale Denkmalpflege Aargau

Und tatsächlich, gegen Schluss der Handschrift erscheint ein vielversprechender Eintrag, nämlich ein "Verzeichnis aller Guttäter (…) gegenüber der löblichen Bruderschaft hier in Wölflinswil 1665". Die in der Folge genannten Personen spendeten Geldbeträge für drei Reliquienbüsten: An das Brustbild des hl. Mauritius ("An Sant Mauritzen brustbilt gibt…") etwa gab Franz Christoph Schid – wohl ein Verwandter des damaligen Wölflinswiler Pfarrers Philipp Schid – eine Duplone. Von Gallus Nussbaum wurde die Fassung der Statue mit Farbe sowie Gold und Silber im Wert von einer weiteren Duplone bezahlt. Die beiden übrigen Brustbilder kosteten einschliesslich der Fassung ebenfalls je zwei Duplonen. Für die Kosten des Brustbilds des hl. Urs ("An Sant Dursen brustbilt gibt…") kam ein Namensvetter des Heiligen, Urs Marti, auf. Hier bezahlten interessanterweise der Grubenvogt und die Erzgräber ("gruobvogt undt die erntzgräber") die Fassung des Holzbildwerks. Zur Statue des hl. Viktor heisst es sinngemäss: den Victor haben Leonhard Herzog und sein Sohn Peter Herzog machen lassen, kostet auch eine Duplone. Betrachtet man die Auslagen, wird deutlich, dass das Schnitzen einer Figur in etwa gleich teuer war wie deren farbige Fassung. Kostspielig waren nicht nur gewisse Farben, sondern auch die Materialien für die Versilberung bzw. die Vergoldung.

Verwirrung um die Benennung der Heiligen

Das Büstenreliquiar rechts auf dem Hochaltar der Pfarrkirche Wölflinswil, vielleicht der Hl. Viktor. Bild vergrössern
Das Büstenreliquiar rechts auf dem Hochaltar der Pfarrkirche Wölflinswil, vielleicht der Hl. Viktor. © Kantonale Denkmalpflege Aargau

Die Namen der dargestellten Heiligen waren bis vor kurzem nicht mehr geläufig bzw. nach und nach in Vergessenheit geraten. Zudem enthalten die Sockelkästen Knochenreliquien, die mit "Victorij. Mart." (Reliquie des Märtyrers Viktor), bzw. mit "Apollonij. Mart." (Reliquie des Märtyrers Apollonius) beschriftet sind – womit die Verwirrung komplett war. Bei einer Restaurierung der Büsten 1941 durch den bekannten Restaurator Karl Haaga wurden gemäss Unterlagen im Kirchenarchiv alle Sockelkästen für die Knochenreliquien neu angefertigt. Es kann gut sein, dass die alte Beschriftung der Reliquien nicht mehr gut lesbar war und man bei deren Erneuerung auf die Namen von Heiligen zurückgriff, die in Wölflinswil nachweislich ebenfalls verehrt wurden, wie beispielsweise der heilige Apollonius. 1941 wurden übrigens auch die Fassungen der drei Büsten erneuert. "Die Reliquienbüsten" urteilte Restaurator Haaga in seiner Offerte von 1941 treffend "sind originelle & ausserordentlich dekorative Schmuckstücke von grosser Schönheit". – Zum heiligen Mauritius, der als Kirchenpatron sozusagen vorausgesetzt werden darf, gesellten sich ursprünglich, wie nun aufgrund der Quellen bestätigt werden konnte, die heiligen Urs und Viktor. Beide gehörten, wie Mauritius, der Legende nach um das Jahr 300 zu einer Einheit des römischen Heeres. Diese setzte sich u.a. aus Christen aus der Region des heutigen Ägypten zusammen. Alle drei weigerten sich, an der Verfolgung von Christen teilzunehmen und wurden dafür ermordet, Mauritius in St. Maurice, Urs und Viktor etwas später in Solothurn.

Die "Solothurner" Heiligen

Mit der Büste des helmlosen Soldaten könnte der Heilige Mauritius gemeint sein. Bild vergrössern
Mit der Büste des helmlosen Soldaten könnte der Heilige Mauritius gemeint sein. © Kantonale Denkmalpflege Aargau

Die "Solothurner" Heiligen, Urs und Viktor, treten in der Kunst fast immer als "Zwillinge" auf, so dass man die beiden behelmten Büsten, die heute auf dem Hochaltar aufgestellt sind, als Urs und Viktor ansprechen möchte. Beide sind als Soldaten mit Brustpanzer und Helm gekennzeichnet. Auf dem Helm der Büste rechts sitzt ein geschnitzter Federbusch. Auf dem Helm der Büste links ist dies nicht (oder nicht mehr) der Fall. Ein Federbusch taucht auch in der genannten Quelle auf, als Vermerk: "Die Federn, welche Viktor trägt, zahlen Hans Meyer und Susanna Riggenbacherin, sie kosten 1 lb. 6 Bz." (1 Pfund, 6 Batzen). Bei der Identifizierung der Büsten ist noch immer Vorsicht geboten, denn alle Attribute der drei Büsten sind mit der Zeit verlorengegangen und erst 2001 ergänzt worden. Standarte und Schild nehmen Bezug darauf, dass der Träger dem römischen Heer als Offizier angehörte; Schwert und Märtyrerpalme stehen für den Märtyrertod, den Mauritius, Urs und Viktor erlitten. Der ohne Helm dargestellte Heilige könnte der Kirchenpatron sein, der heilige Mauritius. Die behelmten Heiligen wären demnach Urs und Viktor.

Künstlerisches Umfeld

Unabhängig vom "who is who": Alle drei Büsten stammen zweifelsfrei von derselben Hand. Beim helmlosen Heiligen lassen sich besonders in der Behandlung von Haupthaar und Barttracht grosse Ähnlichkeiten mit Arbeiten des Badener Bildschnitzers Gregor Allhelg feststellen, etwa mit der Christusfigur im Allhelg zugeschriebenen Ölberg der St. Anna-Kapelle in Bremgarten (1646).

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