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Stadtgeschichte erforschen

Manchmal sind Gebäude für eine Überraschung gut, wenn man sie genauer untersuchen kann. So erging es den Fachleuten von Denkmalpflege und Kantonsarchäologie, als sie das sogenannte Höchli-Haus am Goldgässli 4 in Klingnau unter die Lupe nehmen konnten. Im Wohnhaus, das von aussen den Anschein erweckt, es sei im früheren 19. Jh. erbaut worden, steckt ein Gebäudekern, der bis ins 13. Jh. und damit in die Gründungszeit der Stadt zurück reicht.

Die Kellermauer im Wohnhaus Goldgässli 4 stammt aus dem 13. Jh. Bild vergrössern
Die Kellermauer im Wohnhaus Goldgässli 4 stammt aus dem 13. Jh. © Kantonsarchäologie Aargau, Theo Frey.

2017 wechselte das Wohnhaus am Goldgässli, das seit Beginn des 20. Jh. der Familie Höchli gehörte, die Hand. Den neuen Eigentümern fielen rasch die massiven, teilweise im sog. Ährenverband gemauerten Wände im ebenerdigen Keller auf, die auf ein hohes Alter deuteten. Vorgängig an den Umbau des Hauses, in dem zwei Wohnungen eingerichtet werden sollen, konnte die Kantonsarchäologie das ganze Gebäude genau untersuchen und dokumentieren. Dabei wurde ein Dendrochronologe beigezogen, denn nur mittels der Altersbestimmung von Holz anhand der Jahrringbreiten können auf das Jahr genaue Baudaten ermittelt werden. Die Kunstdenkmälerinventarisatorin erforschte die jüngeren Umbauten des 19. und 20. Jh. anhand der Brandversicherungskataster, die im Aargau seit 1805 geführt wurden und alle grösseren Veränderungen an den Gebäuden festhalten.

Grundrisse von Erdgeschoss und 1. Obergeschoss mit den Resultaten der bauarchäologischen Untersuchung. Bild vergrössern
Grundrisse von Erdgeschoss und 1. Obergeschoss mit den Resultaten der bauarchäologischen Untersuchung. © Kantonsarchäologie Aargau, Theo Frey.

Im Zusammenspiel der verschiedenen Fachleute war es möglich, die Baugeschichte des Hauses Goldgässli 4 zu rekonstruieren. Dadurch, dass die nördliche Vorstadt "Dorf" im Gegensatz zur Oberstadt und zur südlichen Vorstadt "Weier" nie von einer grossen Brandkatastrophe betroffen war, konnten die Ursprünge des Hauses bis in die Gründungszeit Klingnaus zurückverfolgt werden.

Erbaut zu Lebzeiten des Stadtgründersohns Walther von Klingen

Ansicht der Südwestwand. In der Mitte im 1. Obergeschoss die erkennbaren Reste der Kaminhurd (A). Bild vergrössern
Ansicht der Südwestwand. In der Mitte im 1. Obergeschoss die erkennbaren Reste der Kaminhurd (A). © Kantonsarchäologie Aargau, Theo Frey.

Den ältesten Teil des Hauses bildet eine 90 cm dicke Mauer aus lagig gefügten Bruchsteinen (Grundriss EG: M1). Soweit erkennbar ist, wurde sie möglicherweise als Stützmauer gegen die früher nahe vorbei fliessende Aare für die ganze Häuserzeile am Goldgässli erbaut. Man errichtete sie eventuell bereits bei der Stadtgründung 1239 oder wenige Jahre später. Daran angelehnt wurden um 1266 die aus Bollen- und Bruchsteinen gefügten Umfassungsmauern (Grundriss EG: M2–M5) des Wohnhauses. Sie zeigen teilweise Steinlagen, die im Ährenverband gemauert sind. Auf diesem massiven Erdgeschoss, das wohl als Keller genutzt wurde, lag vermutlich ein hölzerner Obergaden, in dem die Küche und die Wohnräume untergebracht waren. Mit einer Binnenwand (Grundriss EG: M5) war dieses Geschoss in ein Vorder- und ein Hinterhaus unterteilt; mehr ist über die Grundrisseinteilung des ältesten Baus aus dem 13. Jh. nicht bekannt.

Wunsch nach mehr Komfort

Mit verschieden breiten Kehlen verzierter Abschlussbalken einer früheren Holzdecke des späten 14. Jh. Bild vergrössern
Mit verschieden breiten Kehlen verzierter Abschlussbalken einer früheren Holzdecke des späten 14. Jh. © Kantonale Denkmalpflege Aargau.

Frühestens 1390 wurde der hölzerne Obergaden abgebrochen und durch ein gemauertes Geschoss (Grundriss 1. OG: M6–M10) ersetzt. Gleichzeitig wollte man das Wohnen komfortabler gestalten. Die Küche, die in der Mitte des Hauses lag, erhielt über dem Herd eine Rauchhurd (Grundriss 1. OG: A). Davon finden sich sowohl die Abdrücke des Kaminzugs an der Wand wie auch die breit gefasten (abgeschrägten) und verrussten Unterzüge, auf denen die Hurd auflag. Die etwa 20 m2 grosse Stube an der befensterten Vorderseite des Hauses wurde mit Holztäfer an den Wänden und einer Holzdecke mit profilierten (mit Kehlen verzierten) Balken als seitlichen Abschlüssen (Grundriss 1. OG: B) ausgestattet. Es ist erstaunlich, dass die Stube eines gewöhnlichen Wohnhauses bereits am Ende des 14. Jh. einen solch aufwendigen Innenausbau erhielt. Mit Holz vertäferte Wohnräume findet man aus so früher Zeit eher in Burgen oder in Klöstern. Damit ist die Stube am Goldgässli 4, deren Spuren leider fast nur noch für die archäologisch geschulten Fachleute wahrnehmbar sind, eine der ältesten spätgotischen Stuben im Aargau.

Spätere Umbauten

Gassenfassade des Hauses Goldgässli 4, geprägt vom Umbau des 19. Jh. Bild vergrössern
Gassenfassade des Hauses Goldgässli 4, geprägt vom Umbau des 19. Jh. © Kantonsarchäologie Aargau, Theo Frey.

Der nächste grössere Umbau fand erst 200 Jahre später statt: Spätestens um 1600 erhielt das Gebäude ein drittes Obergeschoss (Ansicht Südwestwand: M 11) und einen neuen Dachstuhl, vermutlich eine Firstständerkonstruktion. Davon haben sich nur die Bundbalken erhalten. Ende 18./Anfang 19. Jh. fanden weitere Renovationen statt, bei denen die Giebelwand an der Vorderseite abgebrochen und neu aufgebaut wurde (Grundrisse: M2, M7). Man erneuerte auch den Dachstuhl und baute im Haus eine zweite Wohnung ein. Leider ist von der Ausstattung des 19. Jh. nichts erhalten geblieben.

Was bleibt nach dem Umbau des Hauses?

Im Gespräch mit den Eigentümern und der Gemeinde suchte die Denkmalpflege nach Möglichkeiten, einige der spektakulären, wenn auch nur noch bruchstückhaft erhaltenen Baureste aus dem Spätmittelalter zu erhalten. So konnte das ursprüngliche Umbauprojekt im Einvernehmen mit der Bauherrschaft soweit abgeändert werden, dass die erhalten gebliebenen Deckenbalken der prägenden Ausbauphase von 1389/90 auch nach dem Umbauprojekt bestehen bleiben und somit an Struktur und Wohnkultur des 14. Jh. erinnern können. Auch das in die Zeit der Stadtgründung zurückreichende beachtliche Bruchsteinmauerwerk im Ährenverband und der mit Flusswacken gepflästerte Boden werden belassen und bilden den exklusiven historischen Kontext des dort befindlichen Lagerraums. Das auf kommunaler Stufe geschützte Haus an schöner Lage in der Vorstadt wird somit nach jahrzehntelangem Leerstand weitgehend substanzverträglich in die Zukunft geführt.

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