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Der "Stock" – ein seltsam gemauertes Geviert im Strohdachhaus

Die ehemals strohgedeckten Hochstudhäuser gehören zum ältesten ländlichen Baubestand im Kanton Aargau. Zumeist wurden sie gänzlich in Holz, als Bohlenständer-Konstruktion, erstellt. Hin und wieder aber treffen wir auf ein seltsam gemauertes Geviert, "Stock" genannt, welches innerhalb des hölzernen Gefüges wie ein Fremdkörper wirkt. Der nutzungsgeschichtliche Hintergrund dieses selten gewordenen Phänomens ist bis heute nicht abschliessend geklärt.

Strohdachhaus von 1539/40 in Rupperswil. Auf der historischen Aufnahme um 1900 ist der aus der Gebäudeflucht vorspringende gemauerte Stock schön ersichtlich. Bild vergrössern
Strohdachhaus von 1539/40 in Rupperswil. Auf der historischen Aufnahme um 1900 ist der aus der Gebäudeflucht vorspringende gemauerte Stock schön ersichtlich. (Räber 2002, S. 214)

Im ansonsten stark veränderten und von Neubauten geprägten Siedlungsbild der Aarauer Vorortgemeinde Rupperswil sind entlang des Bachlaufs noch Teile der alten ländlichen Bebauung auszumachen. Von besonderem Interesse ist ein Hochstudhaus, das mit einer dendrochronologischen Datierung (Jahrringmessung) von 1539/40 zu den ältesten ländlichen Bauten im Kantonsgebiet überhaupt gehört. Der weitgehend hölzerne Baukörper weist eine seltsam anmutende "Ausstülpung" auf, welche aus massivem Mauerwerk besteht und nur unvollkommen in den Hauptbaukörper eingepasst erscheint. Anschaulich sind die Verhältnisse auf einer historischen Fotoaufnahme um 1900 dargestellt, als das Haus noch vollumfänglich mit Stroh eingedeckt war. Zu dieser Zeit existierte vermutlich noch eine offene Rauchküche, von wo der Qualm des Herdfeuers in den Dachraum und durch den Strohbelag ins Freie entwich. Für das alltägliche Leben war der frei im Raum schwebende Rauch wohl höchst unangenehm, doch hatte er konservierende Wirkung auf die Holzkonstruktion und hielt das Ungeziefer von den auf dem Dachboden gelagerten Vorräten fern. In jedem Fall aber stellte das offene Herdfeuer in Verbindung mit dem weichen Dachbelag eine beträchtliche Feuergefahr dar. Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass man um einen feuersicheren Ort innerhalb des erheblich gefährdeten Hauses bemüht war.

Wie ein Fremdkörper im Haus

Die ursprünglichen Verhältnisse mit offener Rauchküche und davon ausgeschiedenem, gemauertem Stock sind heute nur noch im musealen Umfeld erlebbar. In seiner Publikation "Das Aargauer Strohhaus" schildert der Kunsthistoriker und ehemalige Denkmalpfleger Peter Felder die Verhältnisse am Beispiel des Strohdachhauses in Muhen sehr anschaulich: "Von der Küche aus betreten wir den an der Nordwestecke des Gebäudes, unmittelbar über dem Fruchtkeller gelegenen, rundum ein paar Treppenstufen erhöhten Stock, der sich innerhalb der Raumorganisation des Strohhauses als Fremdkörper erweist. Die dicken Eisengitter vor den Fenstern erinnern noch heute an seine einstige Zweckbestimmung als feuer- und diebessichere Kammer. Später wurde er dann zur bevorzugten Wohn- und Schlafstube der Familienältesten, die sich nach der Übergabe des Hofes an ihre Söhne und Töchter hierher zurückzogen."

Bild links: Querschnitt des Strohdachhauses in Muhen. Bild rechts: Ansicht des Stocks von der offenen Rauchküche aus. Bild vergrössern
Bild links: Querschnitt des Strohdachhauses in Muhen, mit charakteristisch eingeschobenem gemauertem Stock (Räber 2002, S. 284). Bild rechts: Ansicht des Stocks von der offenen Rauchküche aus, Verhältnisse im Strohdachhaus von Muhen. (Räber 2002, S. 215)

In der Tat handelt es sich um ein seltsames Geviert, das sich nicht so recht ins Raumgefüge einzupassen scheint. Oftmals nimmt der Stock eine exzentrische Stellung in der Nordwestecke, also im sonnenabgewandten und somit kältesten Bereich des Hauses, ein. Nicht selten springt er deutlich aus der Fassadenflucht vor. Ebenerdig oder leicht eingetieft, manchmal auch halbgeschossig versetzt und unterkellert, ragt er als kantiger Block in den offenen, rauchgeschwärzten Küchenraum. Mit seinen mächtigen, zur Küche hin fensterlosen Mauern wirkt er wie ein trutziges und gleichsam schützendes Bollwerk in einer Umgebung, die durch den täglichen Umgang mit dem offenen Feuer einer erheblichen Brandgefahr ausgesetzt war.

 Grundriss eines Strohdachhauses mit gemauertem Stock in Muri. Bild vergrössern
Grundriss eines Strohdachhauses mit gemauertem Stock in Muri. (Hunziker 1908, S. 94)

Speicher oder Altenteil?

Zweifellos kam dem gemauerten Stock eine wichtige Schutzfunktion als feuer- und einbruchsicherer Ort zu. Neben Geld, Wertsachen und Dokumenten wurden hier oftmals auch Nahrungsmittel und Saatgut aufbewahrt. Vielerorts fand eine nachträgliche Umnutzung zu Wohnzwecken statt. Anlässlich von Hausteilungen etwa richtete man im Stock eine zusätzliche beheizbare Stube oder einen Altenwohnteil ein.

Bild links: Als Schlafgemach genutzter Stock in Rupperswil. Bild rechts: Als Wohnraum eingerichteter Stock. Bild vergrössern
Bild links: Als Schlafgemach genutzter Stock in Rupperswil, historische Aufnahme. (Pfister 1968, Abb. 62) Bild rechts: Als Wohnraum eingerichteter Stock in Rupperswil. © Kantonale Denkmalpflege Aargau

Der entwicklungsgeschichtliche Hintergrund ist nicht abschliessend geklärt. Speicherartige, in den Schriftquellen als "Stock" oder "Spir" bezeichnete Bauten können sowohl freistehend als auch Bestandteil eines Wohngebäudes sein. In den wenigen bauarchäologisch untersuchten Fällen im Aargau ergibt sich bezüglich ihrer Entwicklungsgeschichte ein uneinheitliches Bild. Beim 1992 abgebrochenen "Russenhof" in Hendschiken konnte nachgewiesen werden, dass das grossvolumige hölzerne Strohdachhaus (1601d) unter Einbezug eines älteren zweigeschossigen Mauergevierts (1513d) erstellt wurde. Eine umgekehrte Chronologie weist das auf den Ballenberg versetzte Strohdachhaus von Oberentfelden auf, wurde das Gebäude doch als reine Holzkonstruktion errichtet (1609d) und erhielt erst nachträglich einen Stockeinbau (1627d). Im Fall des Strohdachhauses in Muhen weisen das hölzerne Gehäuse und der gemauerte Stockbereich dasselbe Baujahr auf (1721d).

Eine baugeschichtliche Rarität

Gemauerte Stöcke sind im ohnehin schon stark reduzierten Bestand der ehemaligen Strohdachhäuser eine ausgesprochene Rarität geworden. Noch um 1900 hatte der bekannte Hausforscher Jakob Hunziker die Stockhäuser als eigenständige, weit verbreitete Bauform wahrgenommen. Gemäss seinen Aufzeichnungen hat er in Rupperswil noch "fast lauter Stockhäuser" angetroffen. Ähnliches gilt etwa für die Gemeinde Muhen, wo für die Mitte des 19. Jh. noch mindestens zwei Dutzend Strohdachhäuser mit gemauertem Stock nachzuweisen sind. Von diesem umfangreichen, vielfältigen Bestand an Stockhäusern haben bis zum heutigen Tag nur wenige, oft nur schwer zu erkennende Beispiele überdauert. Als wichtige Zeitzeugen einer längst vergangenen und in Vergessenheit geratenen bäuerlichen Alltagskultur sollten sie der Nachwelt erhalten bleiben.

Bild links: Gemauerter Stock beim ehemaligen Strohdachhaus von 1539/40 in Rupperswil. Bild rechts: Massiver Stock eines ehemaligen Strohdachhauses von 1538 in Rupperswil. Bild vergrössern
Bild links: Gemauerter Stock beim ehemaligen Strohdachhaus von 1539/40 in Rupperswil. © Kantonale Denkmalpflege Aargau. Bild rechts: Massiver Stock eines ehemaligen Strohdachhauses von 1538 in Rupperswil, welcher in die nachträglich aufgemauerte Hauswand einbezogen wurde. © Kantonale Denkmalpflege Aargau

Mehr zum Thema

  • Peter Felder. Das Strohdachhaus, Bern 1961 (Schweizer Heimatbücher, Aargauische Reihe, 6. Band)
  • Jakob Hunziker. Das Schweizerhaus, nach seinen landschaftlichen Formen und seiner geschichtlichen Entwicklung dargestellt, Band 5: Das dreisässige Haus, Aarau 1908.
  • Willy Pfister. Rupperswil, vom alten zum neuen Dorf seit 1800 (Ortsgeschichte Band III), Rupperswil 1968, S. 264.
  • Pius Räber. Die Bauernhäuser des Kantons Aargau, Band 2: Fricktal und Berner Aargau, Basel 2002, S. 214–215, 250–252.
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